Ein letztes Bad vor der Menge: Der sichtlich aufgewühlte Rafal Gikiewicz (grüne Hose) feiert mit den Kollegen und den Fans nach dem Sieg gegen Düsseldorf. Foto: Matthias Koch

In der Sekunde, als alles vorbei war, übermannten ihn die Gefühle. Sichtlich kämpfte Rafal Gikiewicz mit den Tränen. Zwei verrückte, aufregende Jahre waren endgültig Geschichte. Alles ein bisschen zu viel für den polnischen Torsteher, der die Eisernen Richtung Augsburg verlässt. Recht widerwillig ließ er sich vor die Mikrofone der Sky-Reporter zerren. "Los, lass uns schnell machen", meinte der verrückteste Keeper, den die Köpenicker wohl jemals in ihren Reihen hatten, ehe er fast nicht mehr an sich halten konnte. "Hundert Gedanken kreisen jetzt durch meinen Kopf. Es waren zwei schöne Jahre. Ich komme hier wieder her im nächsten Jahr. Ich hoffe, wir können dann den Abschied mit Fans nachholen. Ein paar Minuten nur, wenn Corona es zulässt."

Wer dem 32-Jährigen da Schauspielerei unterstellt, weil er die Eisernen ja freiwillig verlässt, der ist auf dem Holzweg. So ist Gikiewicz nicht gestrickt. Es sind halt immer zwei Paar Schuhe, eine Entscheidung zu treffen und dann den Moment miterleben zu müssen, wenn er eintritt.  

Natürlich gibt es nicht wenige, die diesen Wechsel in die Fuggerstadt nicht nachvollziehen können. Der Lockruf des Geldes erschließt sich einem nicht, der mit dem Herz denkt. Das tun Fans meistens. Doch es ist nicht allein der schnöde Mammon, der Gikiewicz jetzt ins bayerische Schwabenland zieht. Auch wenn das Angebot des FCA mit Sicherheit nicht schlechter dotiert ist als das, was Union Gikiewicz bereit war anzubieten. Dazu kommt die dreijährige Laufzeit. Für einen Mann mit 32 Lenzen auf dem Buckel ein Faktor, der ins Kontor schlagen sollte. 

Rafal Gikiewicz (1. FC Union Berlin) zeigt die Torte, die seine Frau Ania in Grünau im Restaurant "Tous Les Jours" beim Abschiedsfest für ihren Mann organisiert hatte.  Foto: Matthias Koch

Rührselige Stimmung allenthalben. "Ein Rafal Gikiewcz hat uns bei unseren Erfolgen viel geholfen. Er geht ungern, wir geben ihn ungern ab. Manchmal muss man eine Träne unterdrücken, aber es ist Teil des Jobs, Entscheidungen zu treffen, die man persönlich vielleicht nicht so wollte. Wir stehen hier als Interessenvertreter des Vereins", meinte Manager Oliver Ruhnert und ergänzte: "Menschliche Einschätzung und sportliche Einschätzung müssen nicht immer identisch sein. Wir hatten zwei überragende Jahre. Wir! Er hatte vorher ja auch ein paar nicht so überragende Jahre gehabt, das soll man nicht vergessen."

Vergessen wird keiner diese Zeit. Und bei der abendlichen Feier, bei der alle scheidenden Kicker verabschiedet wurden, war die Stimmung beim Polen schon wieder leicht aufgehellt. Zuvor hatte er im Familienkreis eine Aufmunterung erhalten. Seine Frau Anja versuchte ihm bei einer privaten Abschiedsfeier in seinem Lieblingsrestaurant, im "Tous Les Jours" in Grünau, mit einer Torte den Abschiedsschmerz zu versüßen. Oben auf dem mit Schokolade ummantelten Kuchen zierte eine Figur aus der Aufstiegsrelegation von vor einem Jahr das Machwerk: Ein Herz, dass in beide Hände genommen wurde. Sein Herz hat er hier in Köpenick verloren. Eine Arbeitsstätte woanders gefunden.