Wie einst im Mai? Die Profis von Hertha BSC und dem 1. FC Union vor dem Anpfiff des Derbys in der Vorsaison. Foto: imago images / Ed Gar

Unions Trainer Urs Fischer würde sich mit Händen und Füßen dagegen wehren. Die Eisernen als Favorit? „Wir sind in allen 34 Spielen nicht in einer Favoritenrolle, weil es für uns in allen Spielen um den Klassenerhalt geht“, betont der Schweizer Fußballlehrer immer die Rolle des Underdogs, die den Eisernen in ihrem erst zweiten Bundesligajahr der Geschichte zusteht. Jeder Kick in der Bundesliga sei für Union eine Herausforderung, die Eisernen müssten immer an ihre Grenzen gehen, um bestehen zu können.

Grundsätzlich nicht falsch. Nur macht er sich das etwas einfach. Aber eher aus einer Politik der Bescheidenheit, nicht des bewussten Untertreibens. Doch dieser Satz – beispielsweise so gefallen vor dem Auswärtssieg in Köln – klammert bewusst das Momentum aus. Oder die Tatsache, dass Köln zwar in Sachen Etat in einer anderen Etage anzusiedeln, aber auch nur ein Mitaufsteiger ist! Folglich ist Union auf keinen Fall Außenseiter.

Zahlen sprechen für Union

Besonders interessant wird es nun beim Derby. Es bestehen wohl keine zwei Meinungen, dass Hertha BSC grundsätzlich höher anzusiedeln ist als die Köpenicker. Aufgrund der Finanzen und der Summe der Einzelspieler. Und daran wird sich in der jüngeren Zukunft schwerlich was ändern. Die Charlottenburger sehnen sich nach Europa, die Eisernen wollen sich in der Liga etablieren. Und doch spricht das Momentum derzeit weniger für die Blau-Weißen denn für die Rot-Weißen. Womit die Köpenicker so wie zuletzt gegen Aufsteiger Bielefeld die Nase vorn zu haben scheinen.

Ja, richtig gelesen. Allein die Zahlen weisen die Jungs aus dem Südosten der Stadt als Favoriten aus. Seit acht Ligapartien wurden sie nicht mehr bezwungen. 21 Buden stehen zu Buche. Genauso viele wie bei Dortmund! Nur die Bayern haben mehr Treffer erzielt. Die acht Zähler Vorsprung auf den Lokalrivalen sind eine bislang nie dagewesene Kluft zwischen den beiden  Vereinen. Wobei man dazu sagen muss, dass Hertha schon gegen alle fünf Teams aus den Top 5 gespielt hat, Union aber noch nicht.

Es genügt auch nicht, Max Kruse – trifft durchschnittlich alle 106 Minuten, Cunha dagegen nur alle 136 Minuten – auszuschalten, wie es beispielsweise die Kölner versuchten. „Wir waren nicht unglücklich darüber, dass sich Skhiri im Grunde genommen aus dem Spiel mit dem Ball genommen hat, weil er sich nur auf Max konzentriert hat. Das hat Köln nicht gutgetan“, hatte ja jüngst schon Manager Oliver Ruhnert beobachtet. Denn da springen halt die anderen in die Bresche. Elf verschiedene Torschützen gibt es bei den Fischer-Schützlingen – Ligabestwert!

Max Kruse und sein Schattenmann Ellyes Skhiri. „In der Halbzeit hatte ich Angst, dass er auch in unserer Kabine auf einmal neben mir sitzt“, hatte Unions Topsscorer über den Kölner Sonderbewacher gescherzt. Foto: imago images / Matthias Koch

Hertha schwächelt zudem zu Hause. Nur einen Punkt gab es im Olympiastadion. Damit sind die Blau-Weißen Ligaschlusslicht in dieser Disziplin. Union hingen ist auswärts unbezwungen und holte schon beachtliche acht Zähler in der Fremde. Darunter in Hoffenheim und Gladbach! Kurioserweise hat der Tabellensechste keines seiner  letzten zwölf Bundesliga-Duelle gegen Teams verloren, die aus der unteren Tabellenhälfte stammen (sechs Siege, sechs Unentschieden). Die letzte  Pleite gegen einen Klub, der vor dem Duell mit den Eisernen auf den Plätzen 10 bis 18 stand, gab es ausgerechnet am 22. Mai bei der Hertha, die damals als Tabellenzwölfter in das Derby ging.

Der Druck liegt auf jeden Fall aufseiten der Gastgeber. Die alte Dame, obwohl hochtalentiert und zu Höherem berufen, hat sich noch nicht gefunden. Und schwächelt noch. Sieben Gegentreffer nach Standards – eine von Unions Spezialdisziplinen – sind der zweitschlechteste Wert der Liga. Keeper Alexander Schwolow – obwohl beileibe kein Schlechter – kann nur 59 Prozent abgewehrte Bälle vorweisen – schwächster Wert unter allen Stammkeepern. Und dann wäre da noch das 0:4 vom Mai. Das hat man an der Wuhle nicht vergessen und sinnt auf Revanche.

Aber es ist eben Derby. Und Fischer wird nicht müde, diesen Ausnahmecharakter der Partie zu betonen und vor Hertha zu warnen: „Sie haben eine gute Mischung zwischen Erfahrung und Talent, kommen auch über die Körperlichkeit. Die Mannschaft ist vielleicht noch nicht so eingespielt. Aber wenn ich  ihren letzten Auftritt gegen Leverkusen sehe, dann hat sie im defensiven Verhalten ein sehr gutes Spiel gemacht.“