Dario Urbanski mit seinem Ford-Traktor, ein Geschenk von Union-Präsident Dirk Zingler. z. Vg.

Es ist still geworden am anderen Ende der Welt. In Lategansvlei, wo Dario Urbanski mit seinem kleinen „Fußballstadion“ Alte Försterei 2 so etwas wie der südlichste Außenposten des 1.FC Union ist, herrscht Stillstand. Kein Kinderlachen schallt über den Rasen, kein Geräusch von getretenen Bälle, die umherfliegen. Auch Südafrika ist voll im Würgegriff des Corona-Virus’.

„Zum Glück habe ich vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört“, erzählt der Straußenfarmer. Denn in Südafrika sind die Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie um einiges schärfer als in Deutschland. Tabakwaren und Alkohol dürfen nicht mehr verkauft werden.

Seit Ende März herrscht Ausgangssperre und die Ordnungskräfte gehen resolut vor, um diese auch durchzusetzen. „Hier sind schon einige erschossen worden, wie ich in den Nachrichten gehört habe, weil sie sich nicht daran gehalten haben“, berichtet der 56-Jährige via Skype-Telefon.

Rasenpflege gehört in Südafrika zum Pflichtprogramm. z. Vg.

Alles nicht so einfach in einem Land, in dem die Infrastruktur höchst unterschiedlich ausgeprägt ist. Dario hat zum Glück Internet. Doch in den Townships ist das  nicht generell der Fall. Wie das Virus dort wüten wird, wenn es in die beengten Strukturen einfällt, will er sich lieber nicht ausmalen. Jeder soll zu Hause bleiben. Und so ist sein aus zahlreichen Spenden von Fußball- und Union-Fans entstandener Sportplatz – sonst so etwas wie der heimliche Mittelpunkt von Lategansvlei – verwaist und trocknet in der südafrikanischen Herbstsonne vor sich hin. Keine Turniere, keine Spiele, keine Film- oder Konzertabende. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

„Die Kinder sind hier alle sehr traurig, weil wir kein Fußball mehr spielen können“, sagt Dario und klingt selber sehr bedrückt. Er ist mit seinem Fußballplatz ja so etwas wie der erste Sozialarbeiter des kleinen Ortes. Und der gebürtige Potsdamer, der 1993 mit seiner Frau Carmen (57) voller Hoffnung ans Kap der guten Hoffnung ausgewandert ist, geht voll in dieser Aufgabe auf. Die schickt ihren derzeit arg ruhelosen und oft im Haus umhertigernden Mann immer wieder raus auf den Platz zum Spielen, wie sie es nennt. Dort setzt er sich auf den von Union-Präsident Dirk Zingler geschenkten Ford-Traktor und kümmert sich um den Rasen des Bolzplatzes.

Tourismus am Boden

Düngen, mähen, Unkraut vernichten, wässern. In der kleinen Karoo-Halbwüste ist ein sattes Grün keine Selbstverständlichkeit und will erarbeitet werden. „Der Rasen ist der einzige Gewinner derzeit“, scherzt Dario. Weil er in den Herbst- und Wintermonaten nicht bespielt werden darf und damit nicht strapaziert wird. Zwei, drei Stunden täglich ackert er in seiner Alten Försterei 2, träumt davon, dass die Krise irgendwann vorbei ist und endlich wieder Kinder das runde Leder rollen lassen.

Zeit dafür hat er jetzt ja. Auf seiner Straußenfarm mit den angeschlossenen Gästehäusern herrscht Stillstand. Der Tourismus liegt am Boden. „Wer weiß, ob der im September oder Oktober wieder in die Gänge kommt. Die Leute brauchen ihr Geld dann bestimmt für andere Dinge und werden nicht mehr so viel reisen“, blickt Dario in eine ungewisse Zukunft.  Auf drei, vier Monate taxiert er die Zeit, die er wirtschaftlich durchhalten kann. Aber dann? Ein Krise solchen Ausmaßes hätte er sich nicht vorstellen können, als er im August vorigen Jahres erstmals seit 27 Jahren wieder nach Deutschland kam und mit seiner Carmen Unions allererstes Bundesligaspiel sah.

Union als Ablenkung gibt es ja derzeit auch nicht, weil der Spielbetrieb ruht. Dario geht es in Südafrika so wie den Fans in Deutschland: Es ist ein Warten. Warten auf Union.