Typen wie Max Kruse braucht es im Fußball. Foto: Imago Images

Popularität ist, das weiß fast jeder, manchmal Segen, manchmal Fluch. Ganz besonders in solchen Fällen, wenn jemand eine durchaus vorzeigbare Vergangenheit mitbringt, die neben Eleganz auch aus reichlich Ecken und Kanten besteht, man mit dem 1. FC Union die Bundesliga ein wenig aufmischen möchte und dazu Max Kruse heißt. Da wird von der Öffentlichkeit schon mal genauer hingeschaut und auf einen Ausrutscher geradezu gelauert. Tritt der, wenn auch nur angeblich, ein, ist das hämische Händereiben der nächste Akt der Schadenfreude.

Dabei sind die Fakten überdeutlich. Da hat jemand über die Sozialen Medien – ich frage mich sowieso, was an derlei Medien sozial sein soll – etwas in die Atmosphäre gebeamt, das manchen gefällt, anderen wiederum nicht. Klar ist aber auch: Na und? Was bitte hat Max Kruse getan, was er nicht hätte tun dürfen? Dass er, anders als bei manchem Pass und manchem Tor von ihm zu sehen, nicht schlau gehandelt hat, bestreitet niemand. Auch die Rot-Weißen nicht. Andererseits: Was berechtigt zu einem dermaßen empörten Aufschrei?

Leute, Ball flach halten, bitte!

Nichts! Den Finger zu heben und zu sagen, Junge, das war ein bisschen blöd und passt so gar nicht in die Landschaft, ist angemessen. Genau das haben die Eisernen getan. Vor allem Kruse wird verstanden haben. Damit ist aber auch gut.

Das Blöde ist: Für manche ist es das nicht. Das allerdings hätte Kruse, lange genug ist er im Geschäft und oft genug hat gerade er ein paar vor den Latz bekommen, wissen müssen. Der virtuelle Fan tickt wahrscheinlich in den meisten Fällen so: Erst einmal dissen! Ganz schnell mit dem Finger auf jemanden zeigen, immer erst draufhauen. Stimmt es, ist es gut, stimmt es nicht, ist es auch egal. Hauptsache es tut weh. Selbst wenn die Regeln eingehalten werden – Kruse hat sie eingehalten – folgt meist ein besserwisserisches „Ja, aber …“.

Schnell fällt zudem das Wort „Vorbildfunktion“, ein Totschlag-Argument. Mit ihm kann man notfalls alles in Grund und Boden treten. Daran sollten alle Profis denken, klare Sache, aber wie sieht es in anderen Bereichen gerade damit aus? Ist es vorbildlich, wenn ein Bundesverkehrsminister mit einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Pkw-Maut sehenden Auges zig Millionen Euro in den Asphalt setzt? Sollte man es gut finden, wenn 450 Millionen Europäer eine wie aus dem Hut gezauberte Präsidentin der Europäischen Kommission vorgesetzt bekommen, obwohl Frau Ursula Gertrud von der Leyen, geborene Albrecht, nicht einmal zur Wahl stand und aus ihrer Zeit als Bundesministerin für Verteidigung sensible Daten von ihrem Mobiltelefon wohl nicht nur aus Versehen verschwunden sind? Hätte es, obwohl seit vielen Jahren bekannt, ohne Covid-19 jemals eine Debatte über die schier unmenschlichen Bedingungen in deutschen Schlachthöfen gegeben? Wie steht’s um Cum-Ex-Geschäfte, wie um das Milliarden-Dilemma Wirecard, wie um …

All das ist viel eher einen Aufschrei wert! Dagegen ist das um die Jungs, die heute Max Kruse heißen und einst auf die Namen zum Beispiel Stefan Effenberg, Mario Basler und, ja, auch, Lothar Matthäus hörten, regelrecht Pillepalle. Leute, Ball flachhalten, bitte.

Andererseits lechzen wir nach unangepassten Spielern, nach widerspenstigen Typen, nach lockeren Burschen. Sie sollen nicht unbedingt Strolche sein, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben. Einst hatte ich an dieser Stelle zaghaft geschrieben, dass Max Kruse womöglich das Zeug dazu haben könnte (ist das genug der Möglichkeitsform?), in die Fußstapfen von Jimmy Hoge zu treten. Das Idol von damals hat es niemandem leichtgemacht, am wenigsten sich selbst. Jimmy stand für Eskapaden, die einen Trainer heute ganz gewiss in den Wahnsinn treiben würden. Trotzdem oder gerade deshalb ist er als Fußball-Gott unerreicht.

Vielleicht auch hatte er das Glück, dass die Sozialen Medien damals noch Postkarte und im schnellsten Fall Telefon hießen, man als Fußball-Star nicht wegen Covid-19 auf Abstand gehen sollte, sondern wegen möglicher Westverwandtschaft, und der Verlierer beim Zocken nicht zig Euro auf den Tisch legen, sondern die anderen am Türsteher vorbei in eine übervolle Nachtbar schmuggeln musste.

Eskapaden hat es immer gegeben. Womöglich ist einer wie Kruse, der Verdacht mag sich durchaus aufdrängen, dafür einfach zu spät geboren. Vielleicht sagt uns die ganze Sache aber auch nur das: Max wird Jimmy immer eiserner.