Grischa Prömel (2.v.r.) und seine Union-Kollegen lassen sich von den Fans für ihre Leistung beim 2:5 gegen den FC Bayern feiern.  Imago

Eine Handvoll an Gegentoren zu kassieren, das ist immer fies. Zumal in einem Heimspiel und selbst wenn es gegen die Bayern passiert. Nach einem 2:5 ist es deshalb nur ein schwacher Trost, dass der damals noch übergroße FC Barcelona vor nicht einmal anderthalb Jahren gegen die Münchner sogar acht Stück einsteckt, der deutsche Rekordmeister in der vorigen Saison in Europas Königsklasse gegen Salzburg ein halbes Dutzend gemacht hat und in dieser gegen Kiew fünf. Mit anderen Worten: Auch Champions kriegen mal gehörig auf die Plauze.

Außerdem sind die Männer aus Köpenick nicht die Ersten, die in diesem Spieljahr in der Bundesliga für eine derartige Packung herhalten müssen. Mit fünf Dingern eingedeckt wurden bereits Fürth in Stuttgart (1:5), Frankfurt in Dortmund (2:5), Hertha BSC bei den Bayern (0:5), Köln in Hoffenheim (0:5) und Leverkusen gegen die Münchner (1:5). Noch schlimmer hat es Hertha in Leipzig erwischt (0:6) und Bochum beim Rekordmeister (0:7).

Union in einer neuen Dimension 

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Immerhin ist es für die Eisernen nicht ein neuer Gegentor-Rekord in der Bundesliga geworden. Der ist nach einem 0:5 in Dortmund im Premierenjahr und einem 2:5 in Frankfurt in der Saison danach „nur“ eingestellt. Dennoch bleibt es dabei, dass so etwas arg wehtut. Aber dass die Alte Försterei nach ihrem durchaus knackigen Ende als Festung (zuvor 21 Heimspiele ohne Niederlage) in Schutt und Asche liegt – kein bisschen! Selbst wenn es so wäre, weiß man im Osten der Stadt, dass es dort einst hieß: Auferstanden aus Ruinen …

dpa
Eisernes Stehaufmännchen: Unions geheimer Torjäger Nico Gießelmann jubelt über seinen Treffer gegen den FC Bayern.

… und der Zukunft zugewandt. Schließlich ist solch ein Spiel, wie es die Jungs um Kapitän Christopher Trimmel abgeliefert haben, eine für Köpenicker Verhältnisse neue Dimension. Da ist nichts mehr mit Mauern, sich einigeln, hinten plump reinstellen und die Aktionen des Gegners auf möglichst rustikale Weise (zer)stören.

Die weiten Zuspiele, in denen es zu Beginn der Bundesliga-Historie der Rot-Weißen fast keines Mittelfeldes bedurft hat, gehören als alleinseligmachendes Kreativmittel ohnehin längst der Vergangenheit an. Das Auftreten der Rot-Weißen gegen die Bayern hatte, auch wenn das gerade gegen sie in manchen Momenten arg vermessen sein mag, durchaus was von Augenhöhe und von Spektakel.

Bayern zollt Union Respekt 

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Vielleicht gehört das sogar zu einem Wandel der gesamten Liga und dass sich der 1. FC Union endgültig in jener Spielklasse etabliert, die er einst nur für eine Urlaubs-Saison gebucht haben wollte. Das war wahrscheinlich eher nur das Synonym dafür, um eine mögliche bittere Enttäuschung als Ein-Jahres-Fliege erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Andererseits geht es den Machern um Präsident Dirk Zingler, Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer umso mehr runter wie Öl, dass nunmehr selbst die Münchner voller Respekt von ihnen sprechen und dass das Signal in der Liga angekommen ist, gut daran zu tun, diese aufmüpfigen Mäuse aus der Alten Försterei bloß nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Dennoch hat es was Unwirkliches, die Eisernen als Tabellensechste gemeinsam mit Freiburg (Rang 3) und Mainz (5) im oberen Drittel des Tableaus zu finden. Ist diese gern lediglich als Momentaufnahme bezeichnete Situation (aber schön ist sie doch) tatsächlich nur günstigen Umständen und dem Glanz des Augenblicks geschuldet? Oder steckt mehr dahinter? Klar ist, dass nur ganz und gar Verrückte und hoffnungslos Ahnungslose auch nur einen Pfifferling darauf gesetzt hätten, dass der Hit der 10. Runde Union (da Fünfter) gegen Bayern (Erster) und jener der 11. Runde Bayern (noch immer Erster) gegen Freiburg (uneinholbarer Dritter) und nicht Leipzig (wird RB als Achter flügellahm?) gegen Dortmund (Zweiter) lautet.

Nur noch 5 Gründungsmitglieder 

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Julian Ryerson brauchte nach seiner Einwechslung nur 24 Sekunden für seinen Anschlusstreffer zum 2:4 gegen den FC Bayern. 

Die Verhältnisse scheinen sich, auch wenn die Bewegung keinem Erdbeben gleicht, sondern einem Gletscher ähnlich sein mag und in Monaten und manchmal Jahren nicht zu messen ist, zu verschieben. Ein klein wenig zumindest. Neun Meistertitel am Stück für die Bayern sprechen zwar dagegen, nicht aber, dass es im 18er-Feld nur fünf Gründungsmitglieder gibt. Neben Dortmund, Stuttgart, Frankfurt und Hertha gehört zu ihnen auch der 1. FC Köln, nach dem Europapokalspiel gegen Feyenoord Rotterdam, in dem es morgen darum geht, die Chance auf die K.o.-Runden zu wahren, am Sonntag nächster Gegner um Ligapunkte.

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Die Geißböcke – das ist 2019 vor allem der gemeinsame Aufstieg in die Bundesliga. Das ist ebenso 2020 der Weggang von Sebastian Andersson, in der Premierensaison mit zwölf Treffern der eiserne Top-Torschütze. Zugleich ist das eine mit vier Siegen blütenweiße Weste der Fischer-Elf gegen den ersten Bundesliga-Champion.

Das ist aber auch das Wiedersehen mit Steffen Baumgart, dem eingeschworenen Union-Helden, der, kaum in Müngersdorf angekommen, den Kölnern und deren ein wenig eingerostetem Knipser Anthony Modeste neues Leben einhauchte. Vor allem aber ist es die Bundesliga in ihrer 59. Saison, in der die von hier (da der 1. FC Union, dort Steffen Baumgart) fünf Gegentoren zum Trotz eine prima Rolle spielen. 

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