Union-Keeper Rafal Gikiewicz verlässt die Eisernen zum Saisonende imago-images

Wie saublöd kann man sich nur anstellen!? Als Fußballer. Als Profi. Als mehrfacher Millionär, der, das wiederum ehrt ihn, in seiner Heimat viel Gutes tut. Es ist unfassbar. Damit wäre ein gängiges Klischee erfüllt, dass manche oft nur vom Anstoßpunkt bis zum gegnerischen Strafraum denken.

Eigentlich sind die Blau-Weißen aus Charlottenburg nicht mein Thema. Daran komme seit Montag aber nicht einmal ich vorbei. Derart geschmacklos wie dieses „Corona-du-kannst-mich-mal!“-Video von Salomon Kalou kann keine Todesgrätsche sein, nicht einmal eine von der ganz fiesen Sorte des einstigen Brutalo-Abwehrmannes Vinnie Jones, den sie in England „die Axt“ nannten und der 13-mal vom Platz flog.

Da ist mir einer wie Rafal Gikiewicz tausendmal lieber. Leicht macht es der Torhüter niemandem, das weiß man nicht erst, seit sein Weggang beim 1. FC Union zum Saisonende feststeht. Das ist wenigstens ehrlich, ist Klartext. Das Beste daran ist, dass sich hinterher niemand entschuldigen muss, wobei so ein „Sorry, tut mir echt leid“ oft nur ein Feigenblatt ist.

Gikiewicz also, dieser verrückte Kerl, verlässt die Eisernen. Ein klein wenig habe ich diesen Kauz liebgewonnen, ein klein wenig aber ist er mir zugleich suspekt. Man könnte wieder mit einem Klischee kommen, mit dem von den Torhütern und den Linksaußen. Sie wissen schon, hier grandios, dort ein bisschen gaga, durchgeknallt, spleenig und so.

Vom stechenden Blick erdolcht

Andererseits: Haben diese besonderen Typen nicht alle was von Gikiewicz? Oder er was von ihnen? Nicht nur im Sport, auch in anderen Lebensdisziplinen, den eher durchgeistigten? Da schneidet sich Maler-Guru Vincent van Gogh schon mal selbst ein Ohr ab, gesteht Horror-König Stephen King, etliche seiner Klassiker im Rausch verfasst zu haben, auch Sturm-und-Drang-Jesus Johann Wolfgang von Goethe soll, hat mir erst kürzlich meine Lieblings-Deule (sie selbst nennt sich so, das steht für Deutsch-Lehrerin) versichert, sowohl für Frauen als auch für die Gesellschaft als Egomane eine rechte Zumutung gewesen sein.

Was erst im Fußball. Warum lässt sich ein Kreativ-Gott wie Zinedine Zidane in einem WM-Finale, in seinem letzten Spiel, zu einem Kopfstoß aufs Brustbein seines Gegenspielers hinreißen? Wieso endet Diego Maradona, mit das größte Fußball-Genie aller Zeiten, als Doping-Depp? Was hat Paul Gascoigne, für mich der „Harry Potter des englischen Fußballs“, geritten, dass er im Sumpf gelandet ist? Ihre Genialität. Ihre gewisse Ader. Ihr Anderssein.

Nun bin ich weit davon entfernt, Gikiewicz mit diesen Granden gleichzustellen, auch wenn sein Platz als Aufstiegsheld im eisernen Olymp längst gesichert ist. Ziemlich speziell ist er aber doch. Nicht jeden lässt es kalt, wird er vom stechenden Blick des Polen geradezu erdolcht. Manch einer fühlte sich wahrscheinlich überrumpelt, dass der Keeper als Erster vom Aufstieg sprach und auch sonst polarisiert. Das eine oder andere Prozent mehr kann einer damit trotzdem herauskitzeln, und wenn es nur an Adrenalin ist.

Ein paar Spiele bleiben Gikiewicz in der Alten Försterei, vielleicht. Einen feinen Abgang soll er haben, wenn der Klassenerhalt eingetütet ist, logisch. Nicht wie ein paar Kilometer weiter einer, der sich gern einziger Weltstar seines Teams nennen ließ, im entscheidenden Moment aber nicht einmal vom Anstoßpunkt bis zum Mittelkreis gedacht hat.