Im Mai feierten die Spieler des 1. FC Union die erneute Qualifikation für Europa und setzten im Herbst noch einen drauf. Nun wartet Ajax Amsterdam.  
Im Mai feierten die Spieler des 1. FC Union die erneute Qualifikation für Europa und setzten im Herbst noch einen drauf. Nun wartet Ajax Amsterdam.   IMAGO / Matthias Koch

Für Jahresrückblicke ist es ein wenig spät. Im Fall des 1. FC Union vielleicht aber auch nicht. Allein die Wahl zum Tor des Jahres gestattet es, sich an vergangenen Schönheiten zu laben und von ihnen zu schwärmen. Die Tradition, aus den Toren des Monats das wirklich beste zu küren, damit auch einen Blick zurück auf die sehenswertesten und manchmal auch kitzligsten Momente zu werfen, macht einen Rückblick selbst drei Tage vorm Bundesliga-Wiederbeginn der Eisernen mit der Partie am Sonnabend in der Alten Försterei gegen die TSG Hoffenheim salonfähig. Andererseits gibt es im Fußball für Vergangenes nur ganz selten Meriten, vom Ticket für den Start auf einer der Bühnen Europas in der nachfolgenden Saison mal abgesehen.

Ab dem Wochenende gilt das alte, aber immer wieder neue Motto zu Beginn eines neuen Abschnittes, das vom neuen Spiel und vom neuen Glück. Im Fußball wird bis auf wenige Ausnahmen nicht im Rhythmus eines Kalenderjahres abgerechnet, klar doch. Allein in solch einer kurzen Zeitspanne können dennoch die merkwürdigsten Dinge passieren.

Zum Glück: Der 1. FC Union ist nicht der FC Schalke 04

An eine Sache werden sich wahrscheinlich diejenigen der Eisernen erinnern, die zum ersten und zum zweiten Bundesliga-Jahrgang in Köpenick gehörten, die Männer der ersten Stunde sozusagen: an Schalke. Nach der Hinrunde in der eisernen Premierensaison lagen die Königsblauen auf Rang 5 (keine Bange, die aktuelle Platzierung des 1. FC Union ist rein zufällig exakt diese) punktgleich mit ihrem Erzrivalen Borussia Dortmund und nur drei Zählerchen hinter dem FC Bayern. Der Rest ist Grusel: Es folgte eine Rückrunde mit neun Punkten und eine Hinrunde in der darauffolgenden (Abstiegs-)Saison mit nur noch sieben Zählern. Eine derart mickrige Ausbeute hatte es seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in 25 Jahren nicht gegeben.

Der 1. FC Union ist mittlerweile in einem illustren Kreis in Europa angekommen, spielt auch 2023 international. 
IMAGO / Matthias Koch
Der 1. FC Union ist mittlerweile in einem illustren Kreis in Europa angekommen, spielt auch 2023 international. 

Das ist das mit Abstand krasseste Beispiel der jüngeren und mittleren Vergangenheit im deutschen Erstligafußball. Damit ist es auch gut mit einer möglichen Schwarzmalerei. Erstens ist der 1. FC Union nicht Schalke und zweitens ist Eisern nicht Königsblau.

1. FC Union: Ein Highlight jagt das nächste 

Deshalb lohnt die Sicht auf die Dinge innerhalb eines Kalenderjahres im Nachhinein doch, zumindest als Motivation, als Bestätigung des eigenen Könnens und als Ziel, es so gut zu packen wie zuletzt oder zumindest so ähnlich. Auch wenn die sieben Spieltage als Tabellenführer herausragen, das Überwintern in Europa ein absoluter Höhepunkt in der Vereinshistorie und das weitere Mitmischen im DFB-Pokal alles andere als alltäglich sind, ist es das Gesamtpaket, das selbst diejenigen staunen lässt, die es nicht tagtäglich mit dem Fußball halten und mit dem Verein aus Köpenick noch weniger.

2022 war einerseits ein Jahr mit vielen Verlusten gerade für den Fußball im Osten. Dixie Dörner, der große Dirigent des einstigen Dresdner Kreisels, ist ebenso gestorben wie Joachim Streich, der Torjäger von Weltklasseformat. Bernd Bransch, langjähriger Kapitän der DDR-Nationalelf, ist gegangen wie Werner Heine, der einst auch in der Alten Försterei spielte, der Rostocker Torhüter Jürgen Heinsch, Horst Wruck, dessen Bruder Wolfgang zu den eisernen 1968er-Pokalsiegerhelden gehört, und zuletzt Jürgen Nöldner, eine Berliner Atze durch und durch.

1. FC Union: 2022 geht in die eisernen Annalen ein

Es ist jedoch auch das Jahr, das in die eisernen Annalen eingeht als ein ganz besonderes. Noch einmal langsam, zum Mitschreiben oder zum Merken und zum Genießen sowieso: 57 Punkte haben die Eisernen im vorigen Jahr geholt, 30 in den 17 Spielen der Rückrunde und 27 in den 15 Spielen der laufenden Saison. Das ist Rang 4 im 2022er-Jahresranking hinter den Bayern (68), Leipzig (64) und Dortmund (60), aber vor Freiburg (56), Leverkusen (54), Mönchengladbach (48) und dem großen Rest. Nur ist das, welcher Fußballer wüsste das nicht, genau wie die jüngsten sechs Siege in sechs Testspielen, längst Schnee von gestern.

Dass es wie geschmiert lief, ist also einerseits Segen, andererseits aber Fluch. Ein Fluch der guten Tat. Manchem klappte der Unterkiefer nach unten, als es im Spätherbst Gegentore hagelte und es in zwei Halbzeiten in Leverkusen und danach in Freiburg zusammen neun waren, so viele wie insgesamt in den ersten zwölf Runden, und es auch beim 2:2 gegen Augsburg erstmals in einem Heimspiel in der Saison mehr als ein Gegentor gab.

1. FC Union: Die Latte liegt auf Rekordhöhe

Das alles ist ein Jammern auf hohem Niveau. Mindestens 13 andere Teams, bei Borussia Dortmund angefangen, hätten gern die Sorgen derjenigen aus der Alten Försterei. Eines jedenfalls ist klar: Die Latte liegt auf Rekordhöhe.

Trotzdem gibt es selbst dort, wo es über Jahre nur eine Richtung gab, hin zu den Besten und ihnen möglichst auf die Pelle rücken, vielleicht noch immer etwas Luft nach oben. Deshalb gilt für 2023 oder erst einmal für die ausstehenden 19 Spieltage dieser Saison, der immerhin erst vierten der Rot-Weißen in der Bundesliga: Und Niemals Vergessen Eisern Union! 

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