Urs Fischer, Trainer des 1. FC Union, hatte in der Vergangenheit viel mit den Eisernen zu feiern und weckt damit natürlich auch neue Erwartungen. Imago

Die Zeit des Genießens ist ziemlich kurz. Meistens jedenfalls. Auch der schönste Erfolg ist nach ein paar Tagen nur noch Vergangenheit. Ein Altmeister hat das mal so ausgedrückt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Oder, auf den 1. FC Union bezogen, sollte diese Plattitüde, in diesem Fall im Laufe der Jahrzehnte in den Stand der Weisheit erhoben, besser so lauten: Nach der Saison ist vor dem Spieljahr.

Trotzdem, auch wenn die Eisernen in diesem Monat mit der Vorbereitung auf die Saison 2022/23 starten und das erste Testspiel für heute in vier Wochen vorgesehen ist, gehört der Juni noch zur zurückliegenden Saison. Pro forma. So genau, Vertrags- und Arbeitsrecht hin oder her, hält sich niemand mehr daran. Fix vergehen die Tage, schnell traben die Wochen, hastig fliegen die Monate, unversehens galoppieren die Jahre. Das dritte der Köpenicker in der Bundesliga ist vorbei, erfolgreich zumal, außergewöhnlich gar, wahnsinnig aufregend und voller Lob versehen von allen Seiten.

1. FC Union. Die Latte liegt immer höher

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Stürmer Taiwo Awoniyi war ein Erfolgsgarant der vergangenen Saison. Ob der Nigerianer beim 1. FC Uniob bleibt, ist allerdings noch offen.

Weil es so einzigartig war, ist es, auch wenn alte (mit Christopher Trimmel für Österreich, Julian Ryerson für Norwegen, Andras Schäfer für Ungarn und Genki Haraguchi für Japan sind vier Unioner noch zu Länderspielen unterwegs) und neue Herausforderungen (mit dem Chemnitzer FC aus der Regionalliga steht der Gegner für die 1. Runde des DFB-Pokals bereits fest) sich fast überschneiden, doch einen Moment des Innehaltens wert. Es ist die Gelegenheit, sich sozusagen zwischen den Jahren – macht man zwischen Weihnachten und Neujahr doch auch und legt ein wenig die Hände in den Schoß – noch einmal zu freuen und daran zu erinnern, welche Hammer-Saison hinter den Männern aus der Alten Försterei liegt. Zugleich aber auch, wie hoch sie die Latte damit gelegt haben.

Nach Platz 11 mit 41 Punkten, Rang 7 mit 50 ist es nun mit 57 Zählern Platz 5 geworden – das ist eine Marke zum mit der Zunge Schnalzen. Viele andere Teams, deutlich höher eingeschätzt als der 1. FC Union, hätten sonst was drum gegeben, mit dem noch immer wilden Außenseiter aus Köpenick tauschen zu dürfen. In der gesamten letzten Saison haben nur die Bayern und Leverkusen seltener verloren als die Rot-Weißen. Die erneute Qualifikation für Europa, genau so überraschend und fast noch sensationeller anmutend als zwölf Monate zuvor, dafür umso souveräner hinbekommen, wird manchem Anhänger vielleicht erst dann als grandios erscheinen, wenn es mal eine Zeit geben sollte, in der es nicht immer nur nach oben geht.

1. FC Union: Selbst für Real Madrid ging es mal bergab

Diese eine Richtung, seit Jahren nahezu selbstverständlich geworden in der Wuhlheide, gibt es nirgendwo. Real Madrid, gerade wieder auf Europas Klub-Thron gestiegen, dominierte zu Beginn der europäischen Klubwettbewerbe mit fünf Triumphen in Folge so, als gebe es keinen auch nur annähernd gleichwertigen Gegner. Nach 1966 jedoch, nach dem sechsten Erfolg, mussten sie, obwohl als „Königliche“ oder gar „Galaktische“ in einer allein für sie erfundenen und daher einzigartigen Kategorie verortet, 32 Jahre warten, um in diesem Wettbewerb erneut zu siegen.

Oder, um es nicht ganz so klotzig zu machen: Von den Meistern, die es in nunmehr 59 Spielzeiten in der Bundesliga gegeben hat, sind etliche schon seit Jahren nicht mehr dabei. Der 1. FC Nürnberg hat sich 2019 verabschiedet und, wer wüsste es als Union-Fan nicht, damals auch der VfB Stuttgart; ein Jahr zuvor ist der Hamburger SV verschwunden, 2014 hat es Eintracht Braunschweig erwischt und 2012 den 1. FC Kaiserslautern. Auch für den VfL Wolfsburg war es knapp geworden, doch rettete der sich gleich zweimal über die Relegation. Werder Bremen wiederum ist gerade erst wieder zurückgekehrt.

1. FC Union vor schwerem Spagat

Nun erheben die Eisernen keineswegs den Anspruch, „königlich“ zu sein und schon gar nicht „galaktisch“, auch wenn der Triumph manchem ähnlich großartig vorkommt. In der Drei-Jahres-Wertung, seit sich die Männer aus der Wuhlheide mit den Schwergewichten messen, liegen sie in der Punktausbeute auf Rang 7! Bei einer derartigen Performance ist es für die meisten ungemein schwer, den Spagat zu finden. Auf der einen Seite renkt man sich die Beine aus bei: Nicht vergessen, wo man herkommt. Auf der anderen zwickt es bei: Wer weiß, was alles noch möglich ist. Für den, der es kann, ist es die Balance zwischen Genuss und Maloche.

Ein wenig könnte manchen dabei das Gefühl überkommen, als könne sich der Fluch der guten Tat in die Alte Försterei schleichen. Nach einer Sensation ist das vielleicht die größte Gefahr. Deshalb, Leute: den Moment genießen, dann jedoch ranklotzen, als hätte es das Gestern schon nicht mehr gegeben.

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