Überraschen die Konkurrenz immer wieder aufs Neue: Die Profis des 1. FC Union feiern ihren 2:1-Coup in Leipzig und wollen nun Fürth zum Jubiläum ärgern. Foto: Imago

Wie sagt der moderne Mensch heutzutage immer öfter: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das hat schon der alte Hermann Hesse so gesehen und seine philosophischen Gedanken hineingepackt, die große Literatur geworden sind. Der Zauber, wie der Nobelpreisträger von 1946 meinte, beschützt uns und hilft uns zu leben. Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit und auch jede Tugend. Aber: Alles hat seine Zeit und darf nicht ewig dauern. Deshalb der immer wieder neue Anfang.

Ganz schön starker Tobak für ein Thema, das sich mit dem 1. FC Union und dem Fußball, ganz früher als Sport für Banausen abgetan, beschäftigt?

Zauber des 1. FC Union macht Harry Potter Ehre

Vielleicht auch nicht, denn allein was die Eisernen in den vergangenen vier Spielen um Punkte abgeliefert haben, vier Siege nämlich und damit die längste Drei-Punkte-Serie ihrer Bundesliga-Historie, würde Harry Potter zur Ehre gereichen. Und wenn es schon nichts von Zauber haben sollte, dann zumindest von Staunen und von einem höchsten Grad an Zufriedenheit.

Dabei, um ganz am Anfang zu beginnen, ist gerade der so was von gegen den Baum gekracht, dass ein vernünftig denkender Mensch, der was von Fußball versteht, gesagt hätte: Sechs, setzen! Zauber? Nicht die Spur! Von jenem 0:4 gegen die Rasenballer, das manche abgetan haben mit einem „Für die Bundesliga ganz und gar untauglich“, bis zum 2:1 nun in Leipzig (Ein „Michelissimo“ für den 1:1-Torschützen und den Grandios-Vorbereiter des 2:1) sind es nicht einmal drei Jahre. Oder, um die Geschichte in 90-Minuten-Stücken zu erzählen, 99 Liga-Akte.

Union macht gegen Fürth die 100 voll

Für Freitagabend und die Partie gegen Greuther Fürth bedeutet das: hundert! Das wiederum hat was von Zauber. Ganz viel sogar. Dass die Eisernen schon wieder ans Tor nach Europa klopfen und rein rechnerisch sogar die Königsklasse drin ist (der pure Wahnsinn, oder?), fühlt sich so an, als ob ein Usain-Bolt-Nachfolger die 100 Meter unter neun Sekunden sprinten und ein Weitspringer den gut 31 Jahre alten Männer-Weltrekord von Mike Powell von 8,95 Metern pulverisieren würde. Es ist, ehrlich, Utopie und einfach nicht zu glauben.

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Das 2:1 in Leipzig zählt für Cheftrainer Urs Fischer (M.) sicherlich zu den schönsten Spielen, seitdem er in der Bundesliga für den 1. FC Union arbeitet.

Hundert – was verbindet man nicht alles damit. Nach hundert Tagen im Amt erst sollte jemand beurteilt werden, ob er es draufhat oder nicht, schon früher ist nicht die feine Art; als Hundertjähriger ist man Methusalem und erst recht Eckpfeiler einer gesunden Gesellschaft; der „Klub der Hunderter“, in den Fußballer mit ihrem 100. Länderspiel aufgenommen werden, ist ein elitärer Kreis, der zwar explodiert ist und dem, je nach Zählweise, ungefähr 600 Spieler angehören, in den zu kommen trotzdem ein Ritterschlag ist.

100 Bundesligaspiele – ein eiserner Ritterschlag

Was hat es nicht alles gegeben in den hundert (minus eines, schon klar) Spielen der Wuhlheider?

Ein 0:5 in Dortmund als höchste Niederlage; ein 5:0 gegen Bielefeld als höchsten Sieg; einen 17-Minuten-Hattrick durch Joel Pohjanpalo; den Super-Oldie Christian Gentner, bei seinem letzten Auftritt im Union-Trikot 35 Jahre und 281 Tage alt; Grünschnabel Tim Maciejewski, bei seinem einzigen Einsatz mit 19 Jahren und 247 Tagen der bisher jüngste Bundesligaspieler der Rot-Weißen; Taiwo Awoniyi, mit 18 Treffern der aktuell erfolgreichste von 29 Torschützen insgesamt; Christopher Trimmel, als Capitano mit 85 Einsätzen der Dauerbrenner unter 53 eingesetzten Spielern. Das alles mit nur einem Trainer, mit Urs Fischer. Der aber, vielleicht grenzt das an Haarspalterei, feiert sein 100. erst eine Woche später in Freiburg. Einmal nämlich ist Markus Hoffmann in die Bresche gesprungen.

Zu einem Jubiläum hagelt es Lob und jede Menge gute Wünsche. Das haben sich die Rot-Weißen verdient. Beschenken aber müssen sie sich schon selbst, auch wenn es gegen den Tabellenletzten und einen bereits feststehenden Absteiger geht.

Union und das Alles-ist-möglich-Szenario

Womöglich wiederholt sich auch Geschichte, wenngleich die der Eisernen in der Bundesliga noch überschaubar ist. Vor zwei Jahren, es war gleichfalls der 32. Spieltag und das vorletzte Saison-Heimspiel, machten die Männer aus der Alten Försterei mit einem 1:0 gegen Paderborn den Klassenerhalt perfekt, der damals einem ähnlichen Wunder glich wie ein Jahr später dem Erreichen von Europa und in dieser Saison dem Alles-ist-möglich-Szenario.

Wenn am 5. August die neue Saison in der Bundesliga beginnt, ist Hermann Hesse fast auf den Tag, er ist am 9. August 1962 gestorben, 60 Jahre tot. Der 1. FC Union aber startet dann in seine vierte Spielzeit mit den Schwergewichten. So etwas ist noch immer nicht Alltag in Köpenick, noch viel weniger Routine. Es ist wieder ein Anfang. Allein das grenzt an Magie und ein Zauber wohnt ihm sowieso inne.

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