Von wegen aussterbende Spezies: Union-Trainer Urs Sicher und Freiburg-Coach Christian Streich (l.) rocken die Bundesliga. Foto: Imago

Laptop-Trainer! Was hat dieses Wort und hat diese Charakteristik in Fußball-Deutschland einst für einen Hype ausgelöst. Daten-Nerds seien sie, würden selbst die winzigsten Signale analysieren und so die Spieler besser machen. Natürlich hat es was, wenn die Laufwege auf den Zentimeter ausgemessen und die Krafteinheit in Zweikämpfen nicht mehr in Kilopond, sondern in Newton berechnet wird. Das ist wichtig und das macht im Hochleistungssport, wo mehr und mehr Kleinigkeiten entscheiden und es in der Trainingssystematik kaum noch Geheimnisse gibt, durchaus einen Unterschied. Dafür soll und muss es Spezialisten geben. Nur hatte es einige Jahre den Anschein, dass essentiell gewordene Qualifikationen wie menschliche Reife oder eigene Profierfahrung für die Findung der Wahrheit auf dem Platz an Wichtigkeit signifikant verloren haben.

Urs Fischer und Christian Streichen galten als aussterbende Spezies

Aus der Sicht einer im Zuge der Pep-Guardiola-Ära (Profierfahrung hat der Katalane allerdings genug, keine Frage) modern gewordenen Progressivität, die manchmal mehr Schein als Sein war, schienen die Tage der erdverbundenen Typen wie Urs Fischer und Christian Streich fast schon gezählt. Sie, beide 56, der aus dem Breisgau jedoch gut acht Monate älter als der aus Berlin, galten als aussterbende Spezies, zumal sie, bevor Felix Magath zurück aufs Karussell sprang, die aktuell ältesten ihrer Zunft in der Bundesliga waren.

Nun treffen Methusalem I und Methusalem II am Wochenende aufeinander. Es wird wie immer um Taktik gehen und darum, wer wen am besten ausguckt, die Bälle hinter die Linie spielt und effizient ist. Aber bei beiden wird es auch darum gehen, was und vor allem wie ich mit den Spielern kommuniziere. Streich, der ein anderes Trainer-Leben als das beim SC Freiburg, in Nachwuchsmannschaften seit 1995 nämlich schon, nicht kennt, ist in dieser Disziplin fraglos ein Meister seines Fachs. Fischer, nach außen hin sogar ein wenig ruhiger, findet zumeist auch den richtigen Ton.

Union Fischer und Freiburgs Streich vor neuen Rekorden

Schätzen sich und werden sich auch am Sonnabend in Freiburg herzlich begrüßen: Union-Trainer Urs Fischer  und SC-Coach Christian Streich (r.). Foto: Imago

Bei aller Laptop-Moderne ist es ein zutiefst menschliches Zeichen, dass diese beiden Typen nicht nur zu den ältesten gehören, sondern die mittlerweile dienstältesten Trainer in der Bundesliga sind. An Otto Rehhagel und seine legendäre Bilanz bei Werder Bremen mit 480 Partien am Stück von 1981 bis 1995 kommt nichts auch nur annähernd heran. Doch Streich steht vor seinem 320. Spiel an der Seitenlinie der Breisgauer in Deutschlands höchster Spielklasse und Fischer vor seinem 100. – das ist doch schon mal was. Während Fischer jedoch auf Jahre uneinholbarer Rekord-Trainer der Eisernen in der Bundesliga ist, er ist bis auf die Ein-Spiel-Ausnahme mit Markus Hoffmann ja auch der einzige, ist Streich im äußersten Südwesten der Republik mit einem Rückstand von 20 Spielen die Nummer 2 hinter Volker Finke. Noch.

Die menschelnden Alten machen es also. Sie mischen durchaus die Liga auf. Sie sorgen im Millionenspiel, ob bei Sieg und fast noch mehr in der Niederlage, für großes Kino. Sportlich – der eine schielt zwei Runden vor Saisonschluss mit seiner Elf sogar noch ein wenig nach der Champions League und nach dem DFB-Pokal sowieso, der andere greift mit den Schlosserjungs auch in dieser Saison nach dem Schlüssel, um die Tür nach Europa zu öffnen – und noch mehr menschlich

Mit Fischer und Streich macht der Fußball Spaß

Wenn andere sich echauffieren, dass der Gegner mit einem Spieler zu viel auf dem Platz steht, bleibt Streich völlig gefasst und sagt, als ob es ihn kein Stück anginge: „Dafür gibt es doch Regeln, oder?“ Und wenn andere vehement einen Elfmeter fordern, weil Niko Gießelmann von Nordi Mukiele deutlich sichtbar gefoult wird und alle Welt zu Recht einen Elfmeter fordert, der Schiedsrichter aber trotz Ansicht der Videobilder abwinkt, ruht auch Fischer in sich und sagt, als rede er über ein ganz und gar anderes Spiel: „Der Schiedsrichter hat halt so entschieden …“ So viel ruhig Blut muss man erst einmal selbst aushalten können.

Mit Fischer und Streich in den Coachingzonen macht Fußball einfach Spaß. Er hat was von seiner Ursprünglichkeit zurück, auch wenn wie in der Bundesliga bei manchen Spielen bis zu 25 oder bei der Europameisterschaft im vorigen Jahr bis zu 43 TV-Kameras alles erfassen und manchen Ausbruch, sei er freudig, sei er wütend, vielleicht auf Sparflamme drücken. Die beiden inszenieren nicht sich, sie setzen alles ein für die Sache und vergessen dabei weder Höflichkeit noch Respekt. Das ist ganz alte und sozusagen hohe Schule.

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