Die Union-Akteure Meinhard Uentz (mit freiem Oberkörper) und Wolfgang Wruck (3.vr.) präsentieren 1968 nach dem 2:1 gegen Meister FC Carl Zeiss Jena stolz den eroberten DDR-Fußballpokal (FDGB-Pokal). Foto: Imago

Wenn das Wort Pokal fällt, bekommt ein Union-Fan wie auf Knopfdruck leuchtende Augen und fängt an zu träumen. Es ist die immerwährende Geschichte von David gegen Goliath, in der die aus Köpenick, je näher es ans Finale geht, immer die mit der Steinschleuder sind.

So auch diesmal, wenn es am Mittwochabend in Leipzig dunkel geworden ist und die Tiefstrahler angehen. Auch wenn beide Teams in der Bundesliga, auf für eiserne Verhältnisse astronomisch hohem Niveau, nur durch drei Plätze und eigentlich läppische sieben Punkte voneinander getrennt sind, sind die Charaktere glatt vergeben: hier der Brause-Gigant mit dem Anspruch, seinen ersten nationalen Titel zu gewinnen, da der krasse Außenseiter, dem, um das zu schaffen, schon ein ähnlich dreister Coup gelingen müsste wie weiland Schuster Wilhelm Voigt in seiner Paraderolle als Hauptmann von Köpenick.

Der DFB-Pokal passt zum 1. FC Union

Der Pokal und die Kleinen – das passt auf den 1. FC Union wie der Müggelsee zum grünen Stadtbezirk. Natürlich ziehen auch anderswo die Greenhorns den Schwergewichten mal einen über. Da stolpern ganz andere Kaliber über einen vermeintlichen Zwerg. Trotzdem hat es immer wieder etwas Erfrischendes, wenn die Husarenritte der Eisernen am Stammtisch an Glanz und Gloria gewinnen und am Ende ein womöglich verlorenes Endspiel als hauchdünner Sieg wahrgenommen wird.

Grandios gescheitert sind die Männer aus der Wuhlheide in ihrer Historie nämlich schon öfter, nicht selten sogar gleich zum Beginn eines Wettbewerbs. Auch deshalb erscheint jedes Vordringen wie diesmal in ein Halbfinale als eine Duftmarke, die ausgekostet werden sollte.

Namen der Union-Helden werden niemals vergessen

Gelingt dann ein Triumph wie 1968 gegen den frischgebackenen und mit Nationalspielern gespickten DDR-Meister Carl Zeiss Jena, der Sieg im Halbfinale 1986 gegen Pokalverteidiger Dynamo Dresden oder das spektakuläre Endspiel 2001 gegen Schalke, wird immer wieder eine neue Seite im goldenen Buch des 1. FCU aufgeschlagen und ein neues glanzvolles Kapitel hineingeschrieben.

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2001 traf der 1. FC Union im DFB-Pokal-Finale im Berliner Olympiastadion als Zweitligist auf den FC Schalke 04, verlor 0:2.

Kein Unioner wird die Namen der Helden je vergessen: Meinhard Uentz und Wolfgang Wruck, Ulrich Prüfke und Jimmy Hoge, Harald Betke und Rainer Ignaczak, Hartmut Felsch und Mecky Lauck waren es damals in Halle, Wolfgang Matthies und Ingo Weniger, Olaf Reinhold und Dirk Koenen, Ralph Probst und Olaf Seier, Lutz Hendel und Ralf Sträßer 18 Jahre später, Sven Beuckert und Tom Persich, Steffen Menze und Daniel Ernemann, Ronny Nikol und Hristo Koilov, Chibuike Okeke und Harun Isa in der neuen Zeitrechnung im Olympiastadion.

DDR-Teams trumpften im Europapokal der Pokalsieger auf

Wettbewerbe der Art, wie es der Pokal in sich hat, sind schon immer die Chance derjenigen gewesen, die sonst eher unterm Radar fliegen, auch wenn das auf den 1. FC Union seit seinem Aufstieg in die Bundesliga nicht mehr ganz so passt. Ein wenig scheint in ihm trotzdem noch die alte DNA aus tiefer Vergangenheit zu stecken, als DDR-Mannschaften europäisch eher nicht als Giganten wahrgenommen wurden.

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Nur gucken, nicht anfassen. Die Union-Profis holen sich nach dem verlorenen DFB-Pokal-Finale 2001 gegen den FC Schalke 04 ihre Medaillen ab.

Wenn doch, dann nahezu ausschließlich im Europapokal der Pokalsieger. Dort gewann 1974 der 1. FC Magdeburg, der FC Carl Zeiss Jena kam 1981 ins Endspiel und 1987 der 1. FC Lokomotive Leipzig, bis ins Halbfinale stießen 1962 Jena, 1972 der BFC Dynamo und 1976 selbst Sachsenring Zwickau vor. Im Meistercup passierte das nie und im Uefa-Cup 1974 mit Lok Leipzig und 1989 mit Dynamo Dresden nur zweimal.

Selbst etliche Vereine aus Deutschlands Westen hätten auf europäischem Parkett kaum erkennbare Spuren hinterlassen, hätte es den damaligen EC II nicht gegeben. Borussia Dortmund hat 1966 dort als erstes deutsches Team überhaupt einen europäischen Klubtitel gewonnen, Werder Bremen ist 1992 auf den Thron gestiegen, 1860 München und Fortuna Düsseldorf haben es bis ins Finale geschafft und selbst die großen Bayern begannen ihren Siegeszug durch Europa 1967 mit dem Triumph bei den Pokalsiegern.

Unions-Fans dürfen vom Pokal träumen

Der europäische Fußballverband hat seine Wettbewerbe längst neu strukturiert, schon klar. Der Wettbewerb der Pokalsieger ist den Reformen 1999 zum Opfer gefallen. Dabei gibt es den Hype um den Cup gerade im Mutterland des Fußballs schon viel länger als den um die Meistertrophäe. Der erste Sieger im F.A.-Cup wurde 1871/72 ermittelt, vor genau 150 Jahren, der erste Landesmeister aber erst 17 Jahre später gekrönt.

Vielleicht fängt der 1. FC Union als Außenseiter auch erst einmal damit an, den etwas kleineren Titel zu gewinnen. So wie 1968, als auch niemand damit gerechnet hat. Selbst vor einem Hammer-Halbfinale wie dem bei den Rasenballern wird man, vor allem als Union-Fan, träumen dürfen. Die leuchtenden Augen kommen dann von ganz allein.

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