Max Skladanowsky (1863–1939) mit seiner Erfindung, dem Filmprojektor Bioscop Foto: akg-images

Sensationelle Neuheit! Amüsanteste und inte-ressanteste Erfindung des 19. Jahrhunderts!“

So luden die Berliner Brüder Max und Emil Skladanowsky am 31. Dezember 1895 auf einem Plakat das in Unterhaltungsdingen anspruchsvolle Pariser Publikum: Sie boten „der staunenden Welt das sensationelle Schauspiel der Wiedergabe des Lebens in voller Natürlichkeit durch eigens zu diesem Zweck erfundene Maschinerien und komplizierte Apparate durch blitzschnelle Projektion zahlreicher Moment-Photographien“. Das Ganze „vermittels Eletricität“.

Mit anderen Worten: Kino.

Auf dem Varieté-Programm standen Filmchen wie „Das boxende Känguru“, „Der Ringkampf“ oder „Komisches Reck“. Zweifellos Pioniertaten der Filmgeschichte. Aber hat Max Skladanowsky das Kino erfunden oder waren es die französischen Brüder und Filmfabrikanten Auguste und Louis Lumière?

Acht Einzelfotografien pro Sekunde erzeugten fließende Bewegung

Tatsächlich hatte Max Skladanowsky (1863–1939), in Pankow geborener Fotograf, Glasmaler, beharrlicher Tüftler und begeisterter Bildvorführer, als Einzelner ohne finanzielle Unterstützung und technischen Beistand zwei Apparate konstruiert, die Bilder zum Laufen brachten.

Zuerst entwickelte er den Kurbelkasten, eine Vorform der Filmkamera. Statt mit Glasplatten arbeitete er mit einem marktfrischen Kodak-Rollfilm und bewegte diesen per Kurbel über ein Schneckenradgetriebe. Ruckweise, also Bild für Bild wurde der Film durch die Kamera transportiert, sodass möglichst viele Einzelfotografien einer fließenden Bewegung belichtet werden konnten. Damit brachte es Skladanowsky auf acht Bilder pro Sekunde.

Der zweite Schritt, also einen Filmprojektor zu bauen, war wesentlich komplizierter und teurer. Der Versuch, bei der Deutschen Bank einen Kredit zu bekommen, scheiterte. Direktor Mankiewicz bemerkte, für solche Hirngespinste habe er kein Geld. Unverdrossen bastelte Skladanowsky in seiner Pankower Wohnung, Berliner Straße 2, bis der Projektor lief. Er nannte ihn Bioscop.

Vor allem zwei technische Probleme hatte Skladanowsky zu lösen. Zum einen das Flimmern, das entstand, weil zu wenige Aufnahmen pro Sekunde durchliefen, sodass sie noch als Einzelaufnahmen erkennbar waren. Zum anderen liefen die Filme ungleichmäßig, weil sie unperforiert waren. Dieses Problem behob er, indem er die Filme lochte und mit Buchbinderösen auch für den Dauergebrauch reißfest machte – eine echte Heimwerkerlösung.

Skladanowskys Arbeiten gelten als die ersten seriellen Aufnahmen in Deutschland

In der anderen Frage half ihm ein Geistesblitz: Wenn nur acht Bilder pro Sekunde durch einen Projektor laufen konnten – warum dann nicht zwei nebeneinander stellen und so präparieren, dass sie mechanisch miteinander verbunden jeweils zeitversetzt 16 Bilder pro Sekunde auf die Leinwand bringen konnten?

Also zerschnitt Skladanowsky einen durchgehenden Film und machte daraus zwei. Auf einem Filmband ordnete er die ungeraden Bilder an, also 1,3,5,7..., auf dem zweiten die geraden, also 2,4,6,... Dabei glich er die unregelmäßigen Bildabstände aus. Er klebte mehrere, mit Ösen versehene Filmstreifen aneinander und verband sie jeweils zu einer Schleife. „Fertig war der erste Bildfilm“, schrieb er selbst. Der Doppelprojektor brachte die erwünschten flimmer- und bruchfreien Aufnahmen.

Weit weniger schwierig als die technische Konstruktion war das Aufnehmen der Reihenbilder. Max Skladanowsky berichtete bei jeder Gelegenheit, er sei am 20. August 1892 mit seinem Bruder Emil und dem Kurbelkasten auf das Dach des Fotoateliers Wilhelm Fenz in der Schönhauser Allee 146, Ecke Kastanienallee, gestiegen.

Max kurbelte, Emil trat im Anzug von der Seite kommend auf, nahm seinen Hut ab, grüßte in die Kamera und vollführte Turnübungen, indem er seine Beine in die Höhe streckte. Sollte die Datierung stimmen, wären an diesem Spätsommertag die ersten seriellen Aufnahmen in Deutschland entstanden, mit denen eine Bewegung kontinuierlich auf einem Filmstreifen festgehalten wurde.

Erste geheime Probevorführung im Juli 1895

Allerdings gibt es auch Äußerungen, die an dem frühen Zeitpunkt zweifeln lassen. Das ist nicht unerheblich, denn zu jener Zeit arbeiteten verschiedene Männer an Filmtechniken, und 1893 konnten die Leute schon in vielen europäischen Städten in Thomas Alva Edisons Kinetoskope schauen und über bewegte Bilder staunen. Aber durch das Guckloch des Apparates konnte jeweils nur eine Person schauen, es gab keine Projektion auf eine Fläche.

Nicht ausgeschlossen, dass Max Skladanowsky sich einen zeitlichen Vorsprung zuschreiben wollte und die ersten Probeaufnahmen erst 1893 oder 1994 entstanden.

Fest steht, dass die ersten Filmszenen für die Aufführung mit dem Bioskop-Doppelprojektor von Anfang Mai bis in den Sommer 1895 im Biergarten des Lokals Feldschlösschen beim Gastwirt Sello in Pankow, Berliner Straße 27, stattfanden – an der Stelle, wo bald darauf Berlins erstes Kino entstehen sollte, das „Tivoli“.

Wie Max’ Sohn Erich berichtet, waren Darsteller wie Gastwirt begeistert bei der Sache, der alte Sello verzichtete auf Miete. Man filmte auf Kodak, zur Kontraststeigerung vor einem weißen Vorhang und nur bei grellem Sonnenlicht. Es entstanden acht kurze Filme.

Im Saal des Feldschlösschens startete im Juli 1895 die erste geheime Probevorführung im kleinen Kreis. Dort sahen auch die Direktoren des Varietés Wintergarten die Filme – immer auf der Suche nach neuen Attraktionen. Am 20. September unterschrieb man einen Vertrag: 2500 Mark sollten die Skladanowskys für die Bioskop-Vorführungen erhalten. Richtig viel Geld für jene Zeit.

„Das boxende Känguru“ avancierte zum Liebling der Berliner

Die Wirkung der bewegten Bilder auf großer Leinwand darf man sich als spektakulär vorstellen. Jedenfalls war das Publikum begeistert, als die die Filmshow erstmals am 1. November 1895 im Wintergarten lief: Das Datum wurde zum Premierentag der deutschen Filmgeschichte. Und das an der ersten Adresse der Unterhaltung für die besseren Kreise – für Skladanowsky ein Ritterschlag. Den ganzen November über lief das 15-Minuten-Programm exklusiv im Wintergarten. „Das boxende Känguru“ avancierte zum Liebling der Berliner.

Szene aus dem Streifen „Das boxende Känguru“ von 1895.
Foto: Wikipedia

Zur gleichen Zeit traten in Frankreich die Brüder Lumière mit ihrem Cinématographe in die Öffentlichkeit. Am 28. Dezember 1895 führten sie im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris erstmals öffentlich vor zahlendem Publikum zehn Filme auf – acht Wochen nach dem Triumph des Bioskops in Berlin.

Also war Max Skladanowsky doch der Sieger des Rennens um die Erfindung des Kinos?

In den 1920er- und 1930er-Jahren versuchte Skladanowsky, auch mithilfe der nationalsozialistischen Propaganda, den Erfindertitel für Deutschland zu erlangen. Vergebens, denn die Lumières konnten beweisen, dass es bereits am 25. März und am 10. Juni 1895 Vorführungen gegeben hatte, wenn auch in geschlossener Gesellschaft. Zu der Zeit hatten die Berliner noch an ihren Filmen gearbeitet.

Lumière-Erfindung Max Skladanowskys Bioscop überlegen

Auf dem Plakat für ihre Pariser Auftritte bezichtigen die Skladanowskys in einem „Notabene“ die Lumières, ihre Erfindung nachgeahmt zu haben. So war es aber nicht.

Technisch erwies sich die Lumière-Erfindung als überlegen. Sie bedeutete die Zukunft des Kinos. Max Skladanowskys Bioscop blieb ein „toter Zweig“ der Filmgeschichte.

Der Filmhistoriker Joachim Castan weist dem gewitzten Bastler seinen angemessenen Platz zu: „Mit Max Skladanowsky beginnt die deutsche Filmgeschichte. Er ist unbestritten der erste deutsche Filmpionier. Seine Leistungen sind subjektiv bewundernswert, objektiv besaß er jedoch weder national noch international einen Einfluss auf die Entwicklung des Kinos, da seine Technik unausgereift war. Filmhistoriografisch bleiben sein Leben und Werk von größtem Interesse.“

Das Bioscop fand als zentrales Ausstellungsobjekt des Landes Brandenburg auf der Expo 2000 zu gebührender Ehre. Wo einst das Kino Tivoli stand, erinnert heute ein Mosaikstreifen daran, dass hier im Jahr 1885 Max Skladanowsky zum ersten Mal die Bilder laufen ließ.

Hier geht’s zur Vorstellung

Fünf der ersten Filme von Skladanowsky sind zu finden unter: de.wikipedia. org/wiki/Max_Skladanowsky  

Die Känguru-Sequenz gibt es unter: de.wikipedia. org/wiki/Das_boxende_ Känguruh 

Der von Skladanowsky gebaute Projektor Bio-scop, der 54-mm-Film verwendete, befindet sich im Filmmuseum Potsdam.