Ein Bild von 2014: Box-Trainer-Legende Ulli Wegner zusammen mit Marco Huck, den er zum Weltmeister im Cruisergewichtler formte. Foto: Imago

Für Box-Legende Ulli Wegner ist das „Baltic-Hotel“ auf der Insel Usedom seine Wohlfühl-Oase. Genau aus diesem Grund feiert er dort im engen Kreis mit Ehefrau Margret heute seinen 80. Geburtstag. „Meine Margret hat alles gerichtet“, brummt der Meister des Faustkampfs. Schließlich konnte er erst kurz vor Ostern nach seinem schweren Silvester-Unfall vom Klinik- und Reha-Aufenthalt wieder nach Hause zurückkehren. Auf dem Tisch des Hotel-Zimmers liegt eine Video-Kassette und Wegners Autobiografie „Das Herz eines Trainers“. Zeugnisse von 50 Jahren engagierten Trainer-Daseins.

„Es war am 6. September 1971, da stellte mich Cheftrainer Hans Spazierer als seinen Assistenten in Gera den Boxern vor“, weiß Wegner noch genau. Er schwärmt von Ulli Kaden, Jürgen Fanghänel, Stefan Förster, Jürgen Voigtländer, Siggi Martin, Frank Rauschnik und, und, und ...

Ulli Wegner stand bis zuletzt im Ring

Inzwischen ist Wegner selbst zum „Box-Magier“ aufgestiegen, hat Boxer wie Marco Rudolph zum Amateur-Weltmeister und die Berliner Oktay Urkal und Thomas Ullrich zu olympischen Medaillen geführt, ehe er sich 1996 in die Profiszene wagte. Bis zu seinem Unfall 2020 mit einem Oberschenkelhalsbruch stand Ulli auch mit 77 Jahren noch drei Stunden Tatzentraining am Stück durch, „obwohl diese Arbeit gewaltig auf die Gelenke geht“, sagt der Kult-Coach und verzieht dabei das Gesicht.

Wegner nimmt das Weinglas, nippt kurz daran und gesteht: „Die Anforderungen an mich waren bei den Profis viel höher als bei den Amateuren. Die Jungen werden immer schwieriger. Sie kommen von der Straße und verfügen kaum über Amateur-Erfahrung, wie Arthur Abraham, Marco Huck, Alexander Frenkel, Karo Murat oder Francesco Pianeta. Ich baue sie auf, dann haben sie Erfolg und nicht alle können damit umgehen. Ich muss ihnen beibringen, mit Siegen richtig zu leben. Überhaupt muss ich als Trainer viel Erziehungsarbeit übernehmen. Manchmal hole ich erst jetzt durch, wie bequem ich als Trainer in Gera und beim TSC Berlin lebte. Die Burschen kamen wie mein erster leider schon verstorbener Profi-Weltmeister Marcus Beyer von der Kinder- und Jugendsportschule, wurden dort gut geführt, konnten sich benehmen und wussten, dass eiserne Disziplin zu einem erfolgreichen Leistungssportler gehört. Sportliches Können erwirbt man nun einmal nicht mit flotten Sprüchen und schon gar nicht in der Disco.“

Ulli Wegner machte Arthur Abraham Beine

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Ulli Wegner 2017 mit Arthur Abraham, nach dessen Sieg im Super-Mittelgewicht gegen Robin Krasniqi.

Vor jedem Training knöpfte sich Wegner deshalb seine Pappenheimer vor. 20 bis 25 Minuten dauerten seine Vorträge: „Als Trainer sah ich mich zu einer Rundum-Betreuung meiner Boxer verpflichtet. Es ist meine Aufgabe, sie lebenstüchtig zu machen. Einige meiner Sportler waren es nicht gewöhnt, dass ein Mensch außerhalb ihrer Familie so nah an ihnen dran ist und sich um sie kümmert. Ich klammere auch das Privatleben nicht aus.“

Weltmeister und Box-Filou Arthur Abraham kann ein Lied davon singen. Wegner nimmt auch bei seinem Star kein Blatt vor den Mund: „Arthur ist ein schwieriger Fall. Er ist ein riesiges Talent. Er muss aber gerade als Star Charakter zeigen. Es ist doch furchtbar, wenn ein Weltmeister jeden Tag zu spät kommt. Wenn ich merke, hier läuft etwas schief, muss ich als Trainer eingreifen. Ich bin der einzige, der mit Arthur immer ehrlich gesprochen hat.“

Ulli Wegner schwärmt über Marco Huck

Das schwere pommersche Blut kommt dem gebürtigen Stettiner aus dem vorpommerschen Penkun bei diesem Nervenjob entgegen. Natürlich ist der Trainer stolz, wenn einer wie Cruisergewichtler Marco Huck den Weltmeister-Gürtel umlegen darf: „Der Junge kam mit 15 Amateurkämpfen zu mir, brachte nichts weiter mit, als seinen Willen und seinen Mut. Er wurde Weltmeister. Ich bilde mir ein, etwas Besonderes geschafft zu haben. In nur sechs Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Kollektiv wie Co-Trainer Georg Bramowski und lange Zeit auch mit dem Physiotherapeuten Ralf Lewandowski, ein ehemaliger DDR-Spitzen-Eiskunstläufer, aus Marco einen Top-Boxer gemacht. Ist es da übertrieben, wenn ich sage, Huck ist meine Doktorarbeit?“

Manche Fernseh-Zuschauer mögen entsetzt gestaunt haben, wenn sie Wegner in der Ringecke mit seinen Boxern brüllen hörten. Als hätte er nur auf dieses Thema gewartet, legt Ulli los: „Ich musste mit den Jungs so sprechen. Sie stehen unter Hochspannung, müssen manchmal einen Treffer verarbeiten, da muss ich laut reden, bis ich in ihren Augen erkenne, dass sie mich verstanden haben.“

Ulli Wegners Keller ist ein Box-Museum

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2005: Trainer Ulli Wegner erklärt den Hertha Spielern die Trainingsarbeit von Boxern.

Boxen, Sport überhaupt gibt es für Ulli Wegner nicht nur in der Trainingsahlle oder am Seilgeviert. Besuch im Haus der Ring-Legende Wegner in Berlin-Tegel. Neben der Küche führt eine Treppe in den Keller. Keller? Von wegen! Bereits nach zwei Stufen taucht man ab in eine Traumwelt. Pokale, Siegerschleifen, Fotos mit Autogrammen von Max Schmeling, Henry Maske, Muhammad Ali und Manfred Wolke.

Noch zwei Stufen tiefer steht man vor einem Foto: Sven Ottke und Ulli Wegner. Der Trainer wird richtig melancholisch: „Svennie hat mir viel Freude bereitet. Er weiß, was es bedeutet, in der Weltspitze mitzuhalten. Der Junge erhielt von Gerhard ,Bubi’ Dieter im früheren Westberlin schon eine gute Ausbildung, hat dann zahlreiche Turniere geboxt und war als Profi eine richtig große Nummer, ein echtes Vorbild eben. 34 Kämpfe, 34 Siege. Ich wünschte mir manchmal, er hätte bald einen Nachfolger.“

Unten im Raum angekommen, steht man in einer Schatzkammer des Sports. Es fehlt kaum ein wichtiges Sportbuch deutscher Sprache. Ulli greift nach einem Werk über die WM 1954. Ohne das Buch aufzuklappen, zählt Wegner auf: „Turek, Posipal, Kohlmeyer...“ Und die Ungarn? „Grosics, Buzanski, Lorant...“ Danke, danke! Wegner lässt nicht locker: „Hier die Namen der ersten siegreichen DDR-Friedensfahrtmannschaft von 1953: Schur, Meister 1, Trefflich, Dinter, Zawadski und Schulz.“ Donnerwetter!

Ulli Wegner nennt Andrea Berg „echte Freundin“

„Dafür hatte ich in der Schule mit Mathe manchmal Probleme“, lässt der Startrainer etwas leise raus. Neben einem Eisbären-Schal mit allen Spieler-Autogrammen des deutschen Eishockeymeisters blitzt eine „Goldene Schallplatte“. Ulli, singst du jetzt auch noch? „Keine Angst, die goldene Scheibe hat mir Andrea Berg geschenkt. Sie ist eine echte Freundin von uns.“

Vielleicht 2000 Bücher füllen die Regale dieser besonderen Sportbuch-Sammlung. „Hier unten lese ich am liebsten. Ich greife hinter mich und habe die wichtigsten Boxlehrbücher in der Hand.“

Deutsche Einheit für Ulli Wegner ein Riesenglück

2019: Ulli Wegner mit Ehefrau Margret beim Sportpresseball n der Alten Oper in Frankfurt/Main. Foto: Imago

Zwei Stunden sind rum. „Setz euch noch mal hin“, bittet der Gastgeber und sagt: „Eins muss ich noch loswerden: Ich fühle mich als Sonntagskind. Ich habe in der DDR den Trainerberuf durch eine solide Ausbildung erlernt. Das war die Grundlage für mein Leben. Die Einheit Deutschlands entpuppte sich für mich als besonders riesiges Glück. Nie hätte ich mich als Trainer in der ehemaligen DDR so entfalten können wie heute.“

Der unverwüstliche Coach sieht allerdings nicht nur eitel Freude im Profiboxen: „Promoter Wilfried Sauerland ist ein einfühlsamer Manager. Er hat uns viel gegeben. Wir mussten trotzdem immer wieder Weltmeister ausbringen, damit die Fans in die Hallen kommen oder vor den Fernsehern sitzen und die Einschaltquoten hochtreiben. Es gibt keine Ruhepause, wenn uns die Fans verlassen, ist das Profiboxen am Ende. Deshalb müssen meine Nachfolger nicht durch Show, sondern durch solide, harte Arbeit das Boxen wieder auf das Niveau der Ottke, Stieglitz, Abraham oder Maske heben, damit die Fans weiter in die Hallen gelockt werden.“

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