Hartes Schicksal: Ingo Steuer imago/Camera 4

Bei der olympischen Paarlauf-Konkurrenz von Peking werden wieder rund um den Erdball Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen sitzen. Einer von ihnen wird in Chemnitz Ingo Steuer sein. „Ich arbeite heute bei den Eiskunstläufern als Techniker und versuche, Trainerin Monika Scheibe zu unterstützen“, sagt der 55-Jährige. Steuer schleift die Schlittschuhe, montiert die Schienen unter die Schuhe und meint: „Mit der großen Show will ich nichts mehr zu tun haben.“

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Ingo Steuer: Mit der großen Show will ich nichts zu tun haben!

Irgendwie klingt seine Stimme ziemlich traurig, als er eine Musik für Sachsens Hoffnungspaar Letizia Roscher/Luis Schuster zusammenschneidet. Bei den Tönen werden Erinnerungen wach.

Monika Scheibe (72) führte 1983 in Sapporo das Chemnitzer Paar Manuela Landgraf/Ingo Steuer zum Junioren-Weltmeistertitel. Bis heute folgte ihm kein einziges deutsches Junioren-Paar auf den Goldplatz eines Siegerpodestes. Monika Scheibe dirigierte später auch Ingo Steuer mit seiner neuen Partnerin Mandy Wötzel zwischen 1992 und 1998 zu WM-Gold (1997), zwei WM-Silbermedaillen sowie im japanischen Nagano 1998 zur olympischen Bronzemedaille.

Mandy Wötzel und Ingo Steuer. Imago/Sportfotodienst

Nach dem Ende seiner Karriere wechselte das Paar kurz zu den Show-Profis, ehe Ingo Steuer wieder in die Chemnitzer Küchwald-Eishalle als Trainer zurückkehrte.

Für die Ukrainerin Aljona Savchenko war das wahrscheinlich das große Glück ihres Lebens. Mit ihren ersten Schritten als Fünfjährige bei den Kiewer Dynamo-Eiskunstläufern begann eine große Karriere. Schon bei der Junioren-WM 2000 sprang und wirbelte sie mit ihrem damaligen Partner Stanislaw Morosow zum Titel.

Mandy Wötzel und Ingo Steuer gewannen 1998 in Nagano Bronze. Imago/Sportfotodienst

Aljona Savchenko suchte neuen Partner

Doch die damals 16-Jährige sah in Morosow nicht den geeigneten Partner für eine große Paarlaufzukunft. Weltweit suchte Teenie Aljona einen neuen Paarlaufpartner. In Chemnitz bekam Trainer Ingo Steuer davon Wind. Steuer antwortete der Ukrainerin und bat zu einem Probe-Training nach Chemnitz.

Der Trainer dachte dabei an Robin Szolkowy. Der damals 24-jährige gebürtige Greifswalder glitt mit Claudia Rauschenbach, Tochter der Olympiasiegerin Annett Pötzsch und Nichte von Katarina Witt über das Eis. Claudia hängte 2001 die Schlittschuhe überraschend an den Nagel. Robin stand allein da. Er ging einem Job als Hilfsschlosser nach und kreist beim abendlichen Eistraining in der Warteschleife.

Trainer Ingo Steuer mit Aljona Savchenko und Robin Szolkovy. Imago/GEPA pictures

Ingo Steuer trainiert das Traumpaar Aljona und Robin

Gleich beim ersten gemeinsamen Eistraining von Aljona und Robin sah Steuer das Paar vor seinem geistigen Auge in Goldglanz gehüllt. Es sollte keine optische Täuschung sein.

Aljona zog nach Sachsen. Nach 18 Monaten gemeinsamen Trainings präsentierte sich das Paar als Deutsche Meister. Beim WM-Einstieg im altehrwürdigen Moskauer Lushniki-Sportpalast schwebten sie 2005 auf Rang sechs.

Aljona Savchenko und Robin Szolkovy Imago/Härtelpress

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Olympiaträume für Turin 2006 umwehte das Trio. Bei Olympia dürfen jedoch nur Paare mit gleicher Staatsangehörigkeit starten. Sachsens damaliger Innenminister Dr. Thomas de Maiziere genehmigte die Aufnahme der damals 21-Jährigen in die deutsche Staatsbürgerschaft. Das war am 29. Dezember 2005. Ihren ukrainischen Pass musste sie abgeben.

Dann warf man Steuer Stasi-Verstrickungen vor

Der Weg nach Turin schien frei. Aber nur wenige Tage, dann warf man Ingo Steuer Stasi-Verstrickungen vor. Der Trainer wurde nicht für Olympia nominiert. Per Gerichtsbeschluss erzwang er seine Aufnahme ins Olympiateam.

Aljona und Robin landeten auf dem sechsten Rang. Von Stund’ an wurde Steuer nicht mehr vom deutschen Verband bezahlt und Robin verlor seine Förderstelle bei der Bundeswehr. Nur Aljona ging einem Job auf der damaligen 400-Euro-Basis in einem Autohaus nach. Sponsoren wie Hollands „Geigenkaiser“ André Rieu halfen mit Geld und Musik wie „Jenseits von Afrika“ für Shows. Erst ein Gerichtsentscheid nach Klage des Trios beendete das Thema.

Ingo Steuer als Trainer von Aljona Savchenko und Robin Szolkovy. Imago

Fünf Weltmeistertitel am Stück

Von psychischem Druck befreit, ließ es das Paar 2008 in der Göteborger Scandinavium-Halle dann zum ersten Mal so richtig krachen. Die Chemnitzer feierten ihren ersten WM-Titel. Zum fünften Mal standen Aljona und Robin ganz oben auf dem Siegerpodest, als im japanischen Saitama die letzten Takte von Tschaikowskis „Nussknacker-Suite“ durch das weite Rund flatterten.

Für Robin war mit dem fünften WM-Titel und zwei olympischen Bronzemedaillen 2014 die Eislauf-Karriere beendet. Er heiratete seine Schweizer Freundin und gründete eine Familie. Heute arbeitet er in verschiedenen Ländern als Trainer. Aljona Savchenko wiederum wechselte nach Oberstdorf zu dem einstigen Berliner Dynamo-Läufer Alexander König als Trainer und brachte es mit dem gebürtigen Franzosen Bruno Massot mit der besten Kür aller Zeiten 2018 zu olympischem Gold.

Ingo Steuer: Schwere Schicksalsschläge!

Ingo Steuer blieb unbeachtet in Chemnitz zurück, statt im Goldjubel zu schwärmen, trafen ihn schwere Schicksalsschläge. „Im vorigen Jahr starben meine Mutter und meine Partnerin. Sie war erst 37“, berichtete der 55-Jährige und leise fügte er hinzu: „Ich hatte zwei Schlaganfälle, wahrscheinlich durch die Sorgen.“ Auf die große Bühne will der einstige Startrainer nicht mehr. „Dazu habe ich zu viel mitgemacht.“

Trainerin Monika Scheibe lässt ihren einstigen Schützling nicht untergehen: „Er arbeitet mit mir, schließlich kennt er sich im Eiskunstlauf so gut wie nur wenige aus.“ Vielleicht hilft Steuers Unterstützung, dass die jungen Chemnitzer Raschke/Schuster bei der Junioren-WM im März in Sofia in die Nähe des Siegerpodestes tanzen.

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