Ein Zlatan Ibrahimovic kennt keinen Schmerz? Trotz Kopfverletzung spielte der 40-jährige Fußballprofi vom AC Mailand im April im Spiel gegen Bologna weiter. AFP/Medina

Toni Kroos hat es gemacht, Zlatan Ibrahimovic und Thiago: Nur dank Schmerzmitteln haben diese drei Fußballprofis eine an den Kräften zehrende Fußballsaison spielend bewältigen können. Auch Tennis-Ikone Rafael Nadal hätte ohne „einige entzündungshemmende“ Mittel in seinem Problemfuß nicht den French-Open-Titel holen können. Es ist laut Regularien kein Doping, aber trotzdem gefährlicher Raubbau am Körper. Funktioniert Spitzensport noch ohne Schmerzmittel? Ärzte und Dopingexperten warnen vor dramatischen gesundheitlichen Folgen und fordern einen sensibleren Umgang mit Ibuprofen und Co.

Lesen Sie auch: Miloš Pantović ist der Beweis: Europa macht den 1. FC Union richtig sexy>>

Fußballstar Zlatan Ibrahimovic überstand einen Großteil der abgelaufenen Meistersaison des AC Mailand mit kaputtem Kreuzband nur dank Schmerzmitteln. Liverpools Thiago kickte nach einer schmerzlindernden Injektion mit taubem Fuß im Finale der Champions League. Es geht um Pillen, die Fieber senken, Entzündungen hemmen oder Schmerzen betäuben, sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR). Mittel, deren Wirkstoffe zu schwach sind, um auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zu landen, und die meist rezeptfrei zu bekommen sind.

Thiago, der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool, sitzt nach einem Foul im Spiel gegen Chelsea angeschlagen am Boden. AFP/Stansell

„Außer in Sondersituationen, wie bei chronischen Schmerzen bei Nadal, werden die Mittel von Profis oft prophylaktisch genommen. Das ist Missbrauch“, sagt Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Experte schätzt, dass je nach Sportart und Kategorie mittlerweile mehr als 50 Prozent der Teilnehmer regelmäßig Schmerzmittel nehmen.

Der ehemalige Profifußballer Ivan Klasnic ist einer der bekanntesten Sportfälle in Sachen Schmerzmittelkonsum und dessen Folgen. Er sei „toxisch vergiftet“ worden, erzählt der frühere Spieler von Werder Bremen. „Weil ich Schmerzmittel bekommen habe, die ich nicht bekommen durfte.“ Die Medikamente hätten seine Nieren kaputt gemacht und zu drei Nierentransplantationen geführt. Ein Rechtsstreit mit seinen ehemaligen Medizinern endete 2020 mit einem Vergleich.

Toni Kroos offenbarte, verletzungsbedingt „sechs Monate unter Schmerzmitteln“ gespielt zu haben

Neben Nieren- nennt Bloch vor allem „Leber- und Gefäßschäden“ als mögliche Folgen von Dauermedikation. „Und bei Ausdauersportlern wie Marathonläufern, bei denen es im Magen-Darm-Trakt ohnehin häufiger zu Mikroblutungen kommt, können nichtsteroidale Antirheumatika die Blutungen verstärken.“ Zudem könnten die Mittel den Heilungsprozess nach Verletzungen beeinflussen. „Die Regenerationsfähigkeit des Gewebes ist mitunter eingeschränkt“, erklärt Bloch.

Die Liste von Sportlern, die zu Schmerzmitteln greifen, lässt sich hinter Nadal und Thiago beliebig fortführen. Fußball-Weltmeister Toni Kroos offenbarte im vergangenen Jahr, verletzungsbedingt „sechs Monate unter Schmerzmitteln“ gespielt zu haben.

Basketball-Legende Dirk Nowitzki erklärte 2016 zwar, dass er sich keine Schmerztabletten reinhauen müsse – „andere ältere Veteranen“ hätten das jedoch gemacht. Und der norwegische Ski-Star Henrik Kristoffersen, der 2015 einen Tag nach einem Sturz schon wieder die Piste hinabbrettern konnte, berichtete damals: „Meine Hüfte ist ganz blau. Es tut weh. Ich habe eine Schmerztablette genommen – hier bin ich.“

„Das ist wie eine Schale Smarties, fast jeder greift zu.“

So sehe oft der Alltag im Leistungssport aus, sagt Bloch und berichtet von Vereinen, in denen Schmerzmittel üblich seien. „Das ist wie eine Schale Smarties, fast jeder greift zu.“

Eine Untersuchung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) im deutschen Profifußball zeigte, dass zwischen den Spielzeiten 2015/16 und 2019/2020 im Durchschnitt jeder dritte Athlet im Männer- und Frauenbereich vor Spielen Schmerzmittel zu sich nahm.

Tennisprofi Rafael Nadal hätte ohne „einige entzündungshemmende“ Mittel in seinem Problemfuß nicht den French-Open-Titel holen können. AP/dpa/Jean-Francois Badias

Vor Partien im DFB-Pokal liege die Männer-Quote sogar bei 40 Prozent. So hoch sei auch der Anteil bei Frauen; laut Studie nahmen vier von zehn Fußballerinnen Schmerzmittel. In den Junioren-Bundesligen seien es 14 Prozent. Am deutlich häufigsten sei Ibuprofen konsumiert worden.

Ein Fall für die Dopingliste? „Beim Schmerzmittelthema ist man im Prinzip machtlos“, meint ein Pharmakologe

Experten diskutieren immer wieder, ob Schmerzmittelmissbrauch Doping ist. „Kritisch. Im Prinzip geht’s um Leistungssteigerung“, sagt Bloch. „Bei hoher Belastung erreichen Sportler eine Schmerzgrenze. Durch die Einnahme von Schmerzmitteln versuchen viele, diese Grenze zu verschieben, um länger Leistung zu bringen“, erklärt der Experte.

Warum also nicht die Substanzen auf die Dopingliste setzen? „Das ist ein hoffnungsloser Kampf. Beim Schmerzmittelthema ist man im Prinzip machtlos“, meint Dopingexperte und Pharmakologe Fritz Sörgel. „Das würde bis zum Bundesverfassungsgericht gehen, wenn man keine Schmerzmittel nehmen dürfte.“

Lesen Sie auch: Transfer-Ticker: Hertha BSC: Torunarigha heiß begehrt +++ Spekulationen um Radonjic und Rashica +++ Kassiert Bobic Millionen für Lukebakio? +++ Poker um Alderete +++>>

Statt Verbote zu erteilen, versucht die Nada, mit Athleten über die Gründe und Auswirkungen von Schmerzmittelmissbrauch zu sprechen und sinnvolle Alternativen aufzuzeigen. Neben verhaltenspräventiven Maßnahmen brauche es ein verändertes Verständnis im System – im Umfeld von Sportlern genauso wie in der Gesellschaft, teilt eine Sprecherin mit.