TV Reporter Kai Ebel beim Plauschen mit Sebastian Vettel. Foto: Imago Images/Kolvenbach

Er war der „Mister Boxengasse“, 29 Jahre lang berichtete Kai Ebel (56) für RTL aus dem Formel-1-Fahrerlager. Nach genau 507 Rennen war in Portimão Schluss für den Mönchengladbacher mit der extravaganten Garderobe. Wegen der steigenden Corona-Zahlen berichtet der Kölner Sender ab dem Großen Preis der Emilia Romagna in Imola (Sonntag, 13.10 Uhr, RTL & Sky) nicht mehr vor Ort. Am Saisonende ist wegen des auslaufenden Rechtevertrags ganz Schluss. Darüber und sein Verhältnis zu Sebastian Vettel (33) und Michael Schumacher (51) spricht Ebel im Interview mit Oliver Reuter.

Wie emotional oder traurig war Ihr Abschied von der Formel 1?

Ebel: Ich habe es immer geliebt, was ich bei der Formel 1 vor Ort erleben durfte. Da sind ganz viele tolle Gespräche mit interessanten Menschen wieder  hochgekommen. Wir alle, das ganze Team, hatten einen Klos im Hals bei der Verabschiedung vom Publikum. Ich habe auch tolle Reaktionen für unsere letzte Sendung erhalten.

Werden Sie wie Ihre Kollegen Florian König und Heiko Waßer die letzten Rennen auch aus dem RTL-Studio begleiten?

Ja, ich werde am Sonntag etwas zum Rennen aus Imola beitragen. Da war ich im Jahr 1994 zusammen mit Heiko als einziger von uns als Zeitzeuge beim Tod von Ayrton Senna dabei.

Wie haben Sie dieses tragische Wochenende in Erinnerung?

Wir hatten uns kurz davor entschlossen, Live-Interviews zu machen. Ich hatte mich darauf gefreut, dachte, das wird eine lustige, spritzige Sache. Aber dann ist das so ein richtiger Countdown des Schreckens. Das ging los mit dem Trainingsunfall von Rubens Barrichello, dann dem Tod von Roland Ratzenberger am Samstag und dann Sennas tödlichen Unfall. Ich habe da eigentlich nur funktioniert, habe versucht, so viele Interviews zu machen wie möglich. Irgendwann, nach der letzten Schalte bei RTL aktuell, ist mir klargeworden, was da alles passiert ist, und dann bin ich auch selber zusammengeklappt und musste erstmal richtig heulen. Das war so furchtbar dann.

Unfälle und Tod gehören zum Risiko der Piloten, dafür erlebten Sie sicherlich auch außergewöhnliche Siegesfeiern oder?

Natürlich, die Weltmeister-Partys mit Michael Schumacher in Suzukas Karaoke-Hütten waren schon legendär. Aber auch Sebastian Vettels erster Titel 2010 in Abu Dhabi wurde wild gefeiert. Da hat mir sein Vater Norbert vor Freude meine weiße Hose zerrissen. Darüber werde ich auch vor dem WM-Finale im Dezember noch mal aus dem Studio berichten und natürlich die besten Anekdoten aus 30 Jahren Formel 1 verraten.

Mit Vettel war es nie so einfach

Verraten Sie uns schon eine?

In Budapest habe ich mal einen jugoslawischen Stabhochspringer mit dem weltbekannten Pornostar Rocco Siffredi verwechselt und den als solchen zum Interview gebeten. Ich war überrascht, wie gut der sich mit der Formel 1 auskannte. Na ja, mit dem Stab lag ich immerhin nicht ganz daneben.

Ihre direkte rheinische Art kam bei einigen Fahrern gut an, bei anderen weniger. Mit wem konnten Sie besonders gut?

In den letzten Jahren kam ich mit Nico Hülkenberg und Max Verstappen sehr gut zurecht. Mit Sebastian Vettel war es nicht so einfach, das lag aber auch an Ferrari.

In Portimão warf er Ferrari vor, das Auto seines Teamkollegen Charles Leclerc sei eine Klasse besser. Wird er sabotiert?

Das will ich nicht unterstellen, aber ich glaube nicht, dass ein viermaliger Weltmeister das Autofahren verlernt hat. Sebastian hat schon sehr gelitten. Da kommt so ein Jungspund ins Team, wird hofiert und kriegt gleich einen Fünfjahresvertrag. Er merkte, ich bin nicht mal mehr die Nummer 1 b und spürte die geballte Macht der Todt-Familie im Hintergrund. Das macht sich psychologisch bemerkbar und dich nicht gerade schneller. Wenn ich in den Boxring steige und aus meiner Ecke höre ich nicht mehr: Den haust du weg, dann verliere ich doch den Glauben. Er fragt sich, wem kann ich noch vertrauen? Wenn ich ihn nach der Gleichbehandlung im Team gefragt habe, sah man ihm an, dass er zweifelt.

Vettel sagt, er vertraue den Menschen in seiner Garage.

Ja, aber dann gibt es noch einen obendrüber, der macht die Strategie. Und der nutzt ihn als Versuchskaninchen und sagt, dann geben wir mal dem die Betonreifen, der langsamer ist.

Ebel: Ich vermisse Schumacher

Glauben Sie, Vettel kann 2021 bei Aston Martin noch mal zu alter Form auflaufen und im Titelkampf mitmischen?

Ich traue es ihm zu, denn wer viermal Weltmeister wird, hat es drauf. Einmal kannst du es auch als Hill, Villeneuve und Button schaffen, aber nicht viermal. Und das Auto wird auf jeden Fall besser sein als sein Ferrari. Aber man darf nicht vergessen: Das Team gehört Lawrence Stroll, dem Vater seines Teamkollegen. Ob der es zulässt, dass Vettel seinen Sohn deklassiert? Er könnte ja einen viermaligen Weltmeister dazu nutzen, seinen Sohn aufzubauen.

Wie waren die Jahre mit Michael Schumacher?

Wir kamen 1991 quasi zusammen in die Formel 1. Wir waren nicht die dicksten Kumpels, aber unser Verhältnis war immer von gegenseitigem Respekt geprägt. Er war zwar als Rennfahrer extrem ehrgeizig und knallhart. Nur wenn er ausgestiegen ist, war er ein ganz anderer Mensch. Da war er höflich, menschlich und lustig. In angenehmer Erinnerung ist mir ein Interview in Monza. Ich hatte mich schon umgedreht, da tippte er mir auf die Schulter – und verkündete vor laufender Kamera live die erste Schwangerschaft seiner Frau.

Sie führten bei einer Roadshow im Dezember 2013 das letzte Interview mit Schumi. Seit den Diagnosen der schweren Hirnverletzungen ist sein Gesundheitszustand Privatsache. Wie gehen Sie damit um?

Ich vermisse Michael und ich kenne keinen in der Formel 1, der ihn nicht vermisst. Er ist immer noch ein großes Thema. Noch heute vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht gefragt werde, ob ich wüsste, wie es Michael geht. Aber weil man keine positiven Nachrichten über ihn hört, kann ich nur davon ausgehen, dass es ihm nicht gut geht. Wenn es ihm besser gehen würde, könnte man das kundtun und ihn zum Beispiel sagen lassen, dass er seinem Sohn Mick zu dessen Leistung gratuliert. Da man nichts hört, muss ich davon ausgehen, dass es nicht gut aussieht.

Mick Schumacher wird 2021 in der Formel 1 fahren und RTL steigt aus. Wo werden wir Kai Ebel stattdessen wiedersehen?

Ich hätte mich sehr gefreut, den nächsten Schumacher zu interviewen, aber das ist eine RTL-Entscheidung. Mein Vertrag war an die Formel 1 gebunden und ich denke, dass ich in der RTL-Sportredaktion keine Rolle spielen werden. Aber ich habe schon einige gute Gespräche geführt und werde nicht aus dem Fernsehen verschwinden.