Barfuß durch Berlin: Sidy Diallo (l.)  und sein Freund Bastien (mit Schuhen) haben am Sonntag den Marathon erfolgreich hinter sich gebracht. privat

Sidy Diallo hat 42,195 Kilometer in den Beinen. Aber er sagt, es tue ihm nichts weh. „Überhaupt nichts.“ Am Montagmorgen hat er in seinem Berliner Hotel ausgecheckt und ist zum Bahnhof gelaufen. Er hat sich in den Zug gesetzt, der ihn über einen Stopp in Karlsruhe zurückbringt in die Nähe von Versailles. Dort wohnt Diallo. Er ist Franzose, von Beruf Diplomat. Er hat den Berlin-Marathon barfuß zurückgelegt.

Überall, sagt Diallo, „sehe ich Menschen mit Schuhen. Sie können kaum laufen.“ Muskelkater, Rückenschmerzen, Knieprobleme, Hüftleiden, all das hat Diallo nicht. Er ist 66 Jahre alt. Für den Berlin Marathon am Sonntag hat er 4:09:39 Stunden gebraucht. „Es war ein Spaziergang“, meint er und schickt aus dem Zug ein Handyfoto. Seine Fußsohle hat er auf das Klapptischchen am Vordersitz gestützt, sie sieht normal aus. Links daneben liegt die Medaille, auf der über dem Logo des SCC markante Gebäude der Stadt eingraviert sind und die ihn als Finisher des 47. Berlin-Marathons ausweist.

Berlin Diallos dritter Barfuß-Marathon in 15 Tagen

Nach dem Wien-Marathon am 12. September und dem Rom-Marathon am 19. September war der am 26. September in Berlin sein dritter Barfuß-Marathon innerhalb von 15 Tagen. Schon am Freitag, sagt Diallo, setze er sich wieder in den Zug, den Eurostar, um am 3. Oktober in London den vierten Barfuß-Marathon innerhalb von drei Wochen zu laufen.

Klingt verrückt? Ist völlig unmöglich? Diallo kennt solche Reaktionen. Dabei, so findet er, „ist der menschliche Körper eigentlich für das Barfußlaufen gebaut. Unsere Vorfahren sind drei Millionen Jahre den Wildschweinen und anderen Tieren nachgejagt. Sie waren nackt. So nackt wie der Mann, der vor 13 Monaten am Teufelssee das Wildschwein gejagt hat.“ Diallo lacht. Der Fall von dem diebischen Wildschwein im Grunewald, das von einem Nacktbader gejagt wurde, ging vor einem Jahr durch die internationale Presse.

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„Am Sonntag“, sagt Diallo, „haben 25.000 bekleidete Menschen das Wildschwein auf den Straßen Berlins gejagt. Denn der Marathon ist eine moderne Rekonstruktion der Jagd nach Tieren. Die Medaille ist das Wildschwein. Es gibt eine Menge Leute, die versuchen, das Tierchen zu essen. Sie beißen hinein und machen ein Foto. Das geschieht instinktiv. Wir sind noch immer Jäger und Sammler.“

In Berlin ging es Diallo wie oft bei großen Straßenrennen. Die anderen Läufer reagierten überrascht auf seine nackten Füße. Manche fragten: „Hast du die Schuhe verloren?“ Der Franzose guineischer Herkunft spricht perfekt Deutsch. Und auf den ersten Marathon-Kilometern antwortet er bei erstaunten Nachfragen immer: „Keine Schuhe, keine Probleme.“ Die Läufer lachen dann meistens. Im zweiten Teil des Rennens sagt Diallo diesen Satz nicht mehr, weil er zu viele Athleten um sich herum sieht, die schon Schmerzen oder Probleme und keinen Sinn mehr für Späße haben. Er will nicht respektlos sein. Aber er ist der Meinung: „Marathonlaufen ist keine Besonderheit. Es ist eine normale menschliche Tätigkeit. Unsere Vorfahren mussten oft zwei-, dreimal in der Woche zum Jagen.“

Die Zeit ist Diallo nicht wichtig 

Deshalb kann Diallo auch an der Häufigkeit, mit der er die 42,195 Kilometer absolviert, nichts Außergewöhnliches finden. „Marathon zu laufen, ist eigentlich eine primitive Tätigkeit, keine moderne“, sagt er. Also trägt er keine moderne Funktionskleidung, sondern eine luftige, bequeme, blaue Hose. Er braucht keine enganliegenden Shirts mit hydrophilem Finishing, keine Kompressionsstrümpfe. Nicht mal Schuhe, wobei er von seinen 304 Marathons nur 95 ohne Schuhe lief. Dazu kamen 17 Ultramarathons, darunter ein 90-Kilometer-Barfußrennen in Südafrika. Auch in Berlin war Diallo zuvor schon zweimal in Schuhen am Start, seine Bestzeit von 3:14 Stunden erzielte er dort 2012.

Bis zum 24. Oktober plant Diallo pro Woche einen Barfuß-Marathon zu laufen, um den 61. Jahrestag von Abebe Bikilas Barfußlauf in Rom am 10. September 1960 zu feiern. Voriges Jahr fiel das Jubiläum zum 60. Jahrestag wegen Corona aus. Nach dem Marathon in London will Diallo in Sofia starten, da die USA-Einreise zum Boston-Marathon am selben Tag für Europäer beinahe unmöglich ist. Dann plant er Starts in Paris und Hanoi oder Ljubljana.

Wie schafft er das alles? Im diplomatischen Dienst, sagt Diallo, habe er den Ruhestand schon fast erreicht. Trainieren müsse er nicht. Und die Reisekosten? Sind die nicht immens? „Wenn man Marathon läuft, bekommt man so viele Endorphine, da braucht man nicht mehr viel, um glücklich zu leben“, sagt der Franzose. „Ich rauche nicht, ich trinke keinen Alkohol, ich esse nicht zu viel, also kann ich reisen und Marathon laufen.“

Berliner Marathon einer der Besten 

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Wie lange Diallo für einen Marathon braucht, ist ihm nicht wichtig. Er will nur Müdigkeit vermeiden. Und Verletzungen. Und was denkt er, wenn die Profis aus Äthiopien oder Kenia in  2:05:45 Stunden über die Ziellinie rennen, wie es der Berlin-Sieger Guye Adola am Sonntag tat? Auch hier hat Diallo im anthropologischen Ansatz einer Erklärung gefunden: „Die Jagd war traditionell eine kollektive Tätigkeit für den ganzen Stamm. Die jungen waren schneller. Die Kenianer und Äthiopier haben eine andere Motivation. Sie jagen und bekommen einen Scheck. Damit kaufen sie Essen für ihre Familie. Viele andere haben eine andere Motivation. Für sie bedeutet Marathonlaufen: soziale Anerkennung.“

Berlin, findet Diallo, habe eine der besten Marathonstrecken überhaupt. Sie sei schnell und gut geeignet für Barfußläufer. Im Gegensatz zum Asphalt in New York oder gar zur Strecke in Rom, wo viele Kilometer über Kopfsteinpflaster führen.

Der Zug, in dem Diallo sitzt, hat mittlerweile den Bahnhof in Göttingen erreicht. Der Telefonempfang ist sehr gut. Deshalb wiederholt der Diplomat noch mal eindringlich den Grund, weshalb er tut, was er tut: „Manche denken, sie können keinen Marathon laufen. Das ist ein Irrtum. Wir müssen laufen, um chronische Krankheiten zu verringern. Wir verbrennen unser Fett. Beim Autofahren verbrennen wir es nicht. Ich laufe barfuß, um zu zeigen, wie einfach wir manche Probleme erledigen können. Ich will zeigen, wie einfach wir gesund bleiben können.“

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