Oktober 1984: Henry Maske bei einem täglichen Boxtraining beim ASK Frankfurt/Oder in Brandenburg.  Foto: Manfred Uhlenhut

Henry Maske hält den Kopf leicht in den Nacken gebeugt. Er steht da, 1,90 Meter groß, unheimlich dünn, unheimlich muskulös, trägt eine von den zerrissenen Jeans, wie man sie an Jugendlichen gern sieht, und schaut nach oben, wo Lucien auf der zwölften roten Getränkekiste gerade so die Balance hält. Kistenklettern am Beetzsee: sandiger Grasboden, in der Mitte der Kistenturm, darauf Lucien im Klettergurt zwischen zwei Eichen, über deren Äste die Seile laufen, an denen Lucien gesichert wird.

Maske besucht an diesem Sonnentag die Kinder in Mötzow, denen seine Stiftung „A place for kids“ eine Ferienwoche in Brandenburg ermöglicht hat. Lucien holt Luft, bläst sie raus, holt noch mal Luft. Wangenaufblasen kann beruhigen, wenn es höher und höher hinausgeht. Wenn die Herausforderung wächst. Wenn das, worauf man sich bislang sicher gefühlt hat, jede Sekunde einstürzen kann. „Zwölf Kisten schon, mein lieber Schwan“, ruft Maske zu Lucien hinauf.

Kurz vor dem Mittagessen setzt sich der frühere Boxweltmeister an einen Biertisch auf der Wiese, um über sich zu sprechen. Über damals, als er in der Brandenburger Gemeinde Treuenbrietzen aufwuchs und in Luciens Alter war, über seine Karriere als Box-Amateur, die Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 30 Jahre her ist. Maske hat sie als Sportheld der DDR erlebt. Danach nahm seine Geschichte noch mal Fahrt auf. Denn im Danach wurde er der erste Profisportler aus dem deutschen Osten und als „Gentleman-Boxer“ zu einer Marke, auf die in Deutschland bald so ziemlich alle stolz waren. Er sorgte für den Aufschwung Ost im Profiboxen West, dafür, dass der Sport ein besseres, ein pulaxreines Image bekam. „Boxen war ja damals auf einer Beliebtheitsskala von eins bis zehn bei minus drei“, sagt Maske.

1995 nach dem Kampf: Henry Maske bei der Begrüßung im VIP-Raum. Foto: Imago / Camera4

Er hat schon öfter über die Wende gesprochen. Darüber, welche Chancen sich bieten, wenn alles durcheinandergerät, sich neu ordnen muss. Ob es ihn nicht langweilt, immer wieder von dieser Zeit zu erzählen? Maske wirkt, als erstaune ihn diese Frage: „Erst mal ist es ja Fakt gewesen. ’89 war“, antwortet Maske. Bis dahin hatte er sich ausgemalt, später, nach der Boxkarriere, beim ASK Vorwärts Frankfurt an der Oder als Trainer zu arbeiten. Die Wende stellte die Weiche anders. Millionen von Menschen schauten ihm in den 90er-Jahren im gesamtdeutschen Privatfernsehen beim Gewinnen gegen Charles William oder Graciano Rocchigiani zu. Sein Erfolg in der Entertainment-Branche brachte ihm Millionenbörsen. Nach der Boxkarriere ließ er sich zum Franchisenehmer bei McDonald’s ausbilden, um sich schließlich zehn dieser Filialen zu kaufen.

1989, sagt Maske, „war für mich konkret ein unglaublicher, großartiger Moment. Ich habe unfassbar zugewonnen durch den Moment, den ich nicht verantwortete. Den haben Menschen, die den Mut, die Kraft, das Durchhaltevermögen hatten, auf friedliche Art und Weise geschaffen. Sie haben es geschafft, eine Revolution zu produzieren, die danach dann jeder für sich hätte nutzen können oder genutzt hat. Jeder!“ Maske betont das letzte Wort. Dieses „jeder“ scheint ihm sehr wichtig zu sein.

Die Erdung nicht verloren

Vermutlich, weil er weiß, dass sich viele in diesem „jeder“ bis heute nicht wiederfinden. Dass es nicht nur Wendegewinner gibt. Herr Maske, jeder hätte die Revolution für sich nutzen können? „Mit unterschiedlichen Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Mitteln, ja, ja, ja, ja, mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen“, antwortet er. „Wir müssen sehen, wie wir die Zukunft meistern. Jeder muss überlegen: Was ist mein persönliches Portfolio?“

Maske ist jetzt 56 Jahre alt, lebt im Bergischen Land, in Overath, unweit von Köln. Sein letzter Boxkampf ist 13 Jahre her, obgleich er eigentlich schon 1996 die Profikarriere beendet hatte. Sein Leben hat er im Sozialismus wie im Kapitalismus größtenteils weit oben auf dem Kistenturm verbracht. Dabei scheint er die Erdung nicht verloren zu haben, den Kontakt zum Märkischen Sand, wie er hier am Beetzsee zu finden ist.

Sommercamp bei der Henry Maske Stiftung in Brandenburg während der Covid Pandemie.  Foto: Kathrin Harms

Das Bild von Lucien auf den Getränkekisten, sagt Maske, sei wunderbar. Weil er als Junge, später als Boxer, als Unternehmer oft tief Luft holen musste, bevor er Herausforderungen anging. Als er sechs Jahre alt war, begann er in Jüterbog mit dem Boxen, das eine Art von täglichem Kistenklettern war: „Auf der einen Seite fordert es mich heraus, höher und höher zu kommen. Ohne mein Dazutun passiert gar nichts“, sagt Maske. „Auf der anderen Seite habe ich selbstverständlich die Sicherheit, wenn ich es wirklich nicht schaffe, wenn ich strauchle, werde ich abgefangen.“

Abgefangen von einem liebevollen Elternhaus, in dem der Vater zunächst als Polizist, später als Triebwerksmechaniker in einer Flugwerft in Ludwigsfelde arbeitete. Der Papa sei wortkarg gewesen, fleißig, pünktlich, voller Vertrauen, ein Mensch mit Prinzipien, wie etwa: Konsequenz. „Das hat Papa mir sehr früh vermittelt mit diesem ganz einfachen Satz: ‚Wer A sagt, muss auch B sagen.‘“

Als Maske neun Jahre alt war, wollte er mit dem Boxen aufhören, weil Wettkämpfe erst ab zehn erlaubt waren. „Ich war in anderen Sportarten gar nicht schlecht, im Laufen, im Weitspringen. Im Radsport wollten sie mich haben.“ Maske wollte die Alternative testen. Aber dann blieb er doch beim Boxen. „Ich bin froh, dass Papa zu mir sagte: Pass auf, Henry, du kannst wirklich alles machen, was du willst, aber bitte bringe das zu Ende, was du angefangen hast. Das habe ich angenommen.“

In Frankfurt an der Oder zum Beispiel, wo Maske auf die Kinder- und Jugendsportschule ging und im Armeesportklub Vorwärts bei Trainer Manfred Wolke boxte. Seine Dienstgrade stiegen mit den Erfolgen, und im ASK verdiente er mehr als Boxer in anderen DDR-Klubs, die nicht von der Armee finanziert wurden. Er war ein Vorzeigesportler. „Der Diplomat im Trainingsanzug. Das war so’n Spruch gewesen. Natürlich waren wir zur Maifeier. Alle von der Sportschule mussten ihren Gang machen. In Frankfurt/Oder vor dem großen Interhotel, am Marktplatz, da war die Tribüne aufgebaut, da war das Zentrum.“ Ab Mitte der 80er-Jahre kamen die großen Erfolge: dreimal Europameister im Mittelgewicht, 1988 Olympiasieger, 1989 Weltmeister.

Halbnackt, Mann gegen Mann

Im Sport hat Maske das weitergebracht, was ihm die Eltern mitgegeben haben. „Ich glaube, bei mir hat der Sport meinen vorhandenen Charakter für mich nur noch sehr bewusster wahrnehmbar gemacht, stärker zum Tragen gebracht. Stärker belastet. Und stärker konfrontiert.“ Er überlegt. „Sie können ja einen starken Charakter haben und dann ein Leben, wo der gar nicht herausgefordert, gar nicht strapaziert, gar nicht belastet wird. Bei mir gab’s reichlich Situationen, wo es drauf ankam.“

Maske meint damit seine Kämpfe: halbnackt, Mann gegen Mann. Er ist nie ein Haudrauf gewesen, sondern ein Konterboxer. Einer, der hinter der Doppeldeckung lauerte, intelligent boxte, nicht sehr spektakulär, aber technisch brillant und hocheffizient. Wolke hatte ihn gelehrt, sich nicht treffen zu lassen. „Wir werfen nicht mit Waschlappen um uns. Da kommt Härte an, die wirklich wehtut“, sagte der Trainer.

Auch der Jahreswechsel 1989/90 war eine Situation, in der es drauf ankam. Maskes Vater trat Anfang 1989, Monate vor dem Mauerfall, aus der SED aus. Warum? Darüber sprach er nicht. Aber Maske war klar, dass es einen ernsten Hintergrund haben musste. Er selbst spürte in seiner elitären Sporthelden-Welt mit einem tragbaren Fernseher, den er sich samt Fernbedienung 1985 bei einem Wettkampf aus Tokio mitgebracht hatte, nicht allzu viel von den Alltagsproblemen der Menschen. Aber ihm war schon klar, „wie sensibel es ist, Dinge völlig anders zu machen, als man es erwartet, als es passig ist. Ich gehörte nicht zu den vielen Denen. Ich gehörte zu denen, die es eben nicht gewagt haben, nach vorne zu gehen und zu sagen: Wir wollen es einfach anders. Wir wollen eine totale Korrektur.“

Henry Maske schaut dem kleinen Lucien beim Kistenklettern zu. Foto: Kathrin Harms

Aus der totalen Korrektur wurde ein Jahr später die Wiedervereinigung. Auch Maske wurde hineingespült in das neue System. Die Entscheidung, von den Box-Amateuren zu den Profis zu wechseln, war für ihn so ein Lucien-auf-dem-Kistenstapel-Moment. Luft holen, mutig sein, wagen. „Wir sind nicht euphorisch nach vorne marschiert, sondern selbstverständlich reflektiert. Wir wussten, bis vor wenigen Tagen hat die ganze DDR gesagt, Profiboxen, Profisport ist höchst kritisch zu betrachten. Der Sportler als Ware, all die Dinge“, sagt Maske.

Die Reaktionen auf die Entscheidung des Boxers und des Trainers Wolke waren nicht unbedingt positiv. Sie wurden aus der Trainingshalle geworfen. Ein Redakteur schrieb: „Wenn Maske bei den Eskimos boxen würde, wäre es ihm auch scheißegal, Hauptsache, er würde Geld verdienen.“ Eine Frau beschimpfte Maskes Tochter im Sandkasten. Die Familie wohnte weiter im Plattenbau, 15. Etage. Bis 1994.

Maske versuchte, Anfeindungen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Reaktionen der Enttäuschung derjenigen zu sehen, die sich zu den Verlierern der Einheit zählten. Menschen, die ohne Orientierung waren, ihre Jobs verloren hatten, ohne Strategie waren. Auch sein Vater hatte mit Anfang 50 plötzlich keine Arbeit mehr. Er fuhr dann Fleisch im Lkw aus.

Maske sagt, er sei dankbar, dass er die Wende mit Mitte 20 erlebt hat. Nicht zu jung, nicht zu alt, um Neues zu wagen. Er vertraute sich, seinen boxerischen Fähigkeiten und Wolke. Er sagte A und wusste, dass B folgen musste: Siege. Also siegte er 31 Mal in 32 Kämpfen. 1993 wurde er Profi-Weltmeister. In Dortmund rief das Publikum im tiefen Westen „Henry, Henry, Henry“ beim Sieg gegen Rocchigiani. „Am Ende hat es großartige Momente für mich gegeben, die mir das Gefühl vermittelten: Wir freuen uns mit dir“, sagt Maske. In Frankfurt/Oder, in Brandenburg, im Osten, im Westen wurde er als Gentleman-Boxer zur Vorzeigefigur dafür, dass es mit Strategie, Fleiß und Mut etwas zu gewinnen gab.

Maske ist immer noch ein Vorzeige-Mensch. Auch außerhalb des Rings hat er darauf geachtet, alles richtig zu machen. Während seiner Ausbildung zum McDonald’s-Franchisenehmer musste er Buletten braten. Dafür ging er nach Wien, klebte sich einen Bart ins Gesicht und setzte farbige Kontaktlinsen ein. Es sollte keine Frittenfett-Fotos vom Gentleman geben und keine Häme im Late-Night-Programm von Harald Schmidt.

Maske trat sehr dosiert in der Öffentlichkeit auf. Es gab bei ihm keine Besenkammer, kein Dschungelcamp, er fährt keinen Ferrari, um aufzufallen. Wenn er zum Zustand des Ostens gefragt wurde, sagte er, man dürfte die Zukunft nicht denen überlassen, die lauter sind als die anderen. Die keine Manieren haben. Die nicht die Mehrheit sind.

Er verkaufte alle seine McDonald’s-Filialen

Voriges Jahr hatte er wieder Glück, im richtigen Moment eine Entscheidung zu treffen: Noch bevor die Gastronomie oder sonst wer etwas von der Corona-Krise ahnen konnte, verkaufte er alle seine McDonald’s-Filialen. „Ich habe das 20 Jahre gemacht. Es war eine wunderbare Zeit, ein 24/7-Job, in dem man viel Verantwortung trägt. Unternehmerdasein heißt auch, dass man Momente erlebt, die nicht so witzig sind“, sagt er.

Im Ferienlager am Beetzsee hat Kistenkletterer Lucien schon Nudeln und Gulasch auf den Teller geladen, als Maske zur Essenstheke kommt. Am Tisch wartet Brandenburgs Staatssekretär Benjamin Grimm in Hemd und Anzug darauf, dass Maske gleich ins Wasser springt. Es geht um eine Brandenburg-Kampagne zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit. Maske hat eingewilligt. Ostmann, Westmann, mit diesen Begriffen könne er nicht viel anfangen, „ich bin Brandenburger“, sagt Maske. Bevor er Gulasch mit Nudeln isst, legt er die Papierserviette schön glatt auf seine Oberschenkel. Manieren sind ihm wichtig, auch auf der Bierbank im Ferienlager.

Die Kinder erwarten ihn auf der Holzplattform im See. Sie haben eine Choreografie zum Vangelis-Song eingeübt: „Conquest of Paradise“. Es klingt pompös wie damals bei der Inszenierung zu Maskes Einmarsch in den Ring. Der Satz, den der Gentleman auf der Holzplattform in die Kamera rufen soll, haben die Brandenburger Landesmarketing-Experten kreiert. Er passt zu Maskes Leben. Er passt auch in diese Zeit, in der Gewissheiten nicht mehr wirklich gewiss sind. Man kann ihn als eine Art Aufruf verstehen. Maske hat bunte Badeshorts angezogen. Groß und dünn steht er auf der Plattform. Er ruft Richtung Kamera: „Weil wir immer den Sprung nach vorne wagen. Brandenburg springt.“ Dann hüpft er mit den Ferienkindern in den Beetzsee hinein.