Es ist kaum noch realistisch, dass die Olympischen Spiele wie geplant im Sommer 2020 stattfinden. imago-images

Die Uefa zog vergangene Woche die Reißleine und verlegte die Fußball-EM 2020 wegen der Corona-Krise auf das nächste Jahr. Das IOC hält noch immer an  Olympia in Tokio vom 24. Juli bis 9. August fest. Ein echter Irrsinn. Der Unmut der Athleten über IOC-Boss Thomas Bach (66) wächst. Jetzt meldet sich auch Schwimm-Legende Michael Groß (55) in einem offen Brief an Bach zu Wort.

Es ist eine höfliche Anklage gegen den obersten Olympia-Boss und Landsmann. Groß,  zweifacher Goldmedaillen-Gewinner (1984, 1988), mahnt eindringlich via Facebook: „Lieber Thomas, diesmal geht es darum, dass du den Traum von Olympia für viele Athleten retten kannst – durch das Verschieben der Spiele auf 2021 oder 2022. Jetzt, 2020, wäre eine Durchführung unfair!“ Dazu postet er das Emoticon „zornig“.

Der „Albatros“, wie Groß aufgrund seiner immensen Arm-Spannweite genannt wurde, sieht in den schlechten und von Land zu Land unterschiedlichen  Trainingsbedingungen, den vielen abgesagten Quali-Wettkämpfen und einem quasi stillgelegten Anti-Doping-System „unfaire Bedingungen“ und appelliert an Bach: „Jetzt die Spiele zu verschieben würde allen den Druck nehmen. Jetzt ist anderes wichtiger als Olympia. Überlege es dir noch mal ...“

Zustimmung von allen Seiten

Zustimmung bekommt Groß von allen Seiten. Athletensprecher und Fechter Max Hartung schloss im ZDF-Sportstudio seine Olympia-Teilnahme  aus. Aus dem Streit wird allmählich  ein Streik. Nach Kunstturner Andreas Toba sprach sich auch die Ex- Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer für eine Verlegung  aus. Genau wie auch Marathonläufer Philipp Pflieger.

Box-Trainerlegende Ulli Wegner sagt zu dem absurden Schauspiel: „Wer jetzt noch daran denkt, dass die Olympischen Spiele stattfinden, lebt in der falschen Welt!“ Keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt irgendwie voraussagen, wie sich  Covid19 weiter verbreitet und wie es im Sommer aussieht.

Auch aus der Politik werden die Stimmen für eine Absage immer lauter. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, forderte gar  eine sofortige Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio: „Bei allem Verständnis, dass eine Verschiebung der Spiele eine enorme Herausforderung auch für das IOC und das Organisationskomitee in Tokio darstellt, muss sie im Interesse der Athletinnen und Athleten kommen. Und zwar jetzt.“ Dann schob sie hinterher: „Weiteres Hinhalten und Taktieren ist keine Option, sondern schlichtweg Abschieben der Verantwortung auf andere.“

Verschiebung rückt näher

Dass Dr. Bach und das IOC noch nicht gehandelt haben, kann Freitag kaum verstehen: „Wie das IOC nach allem, was wir mittlerweile über diese Pandemie wissen, überhaupt noch auf den Gedanken kommen kann, in Kürze Menschen aus aller Herren Länder nach Tokio einfliegen zu lassen, ist mir unbegreiflich.“

Bach kommt immer mehr unter Druck und gibt ihm nur scheibchenweise nach. Jetzt macht er einen kleinen Rückzieher: „Sie können nur dann verantwortlich handeln, wenn Sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben.“ Die Verschiebung rückt immer näher, höchstwahrscheinlich ist nur 2021 oder 2022 realistisch.