Karl Geiger jubelt über seine Goldmedaille   Foto: Darko Bandic/AP/dpa 

Karl Geiger zitterte, bangte und litt eine kleine Ewigkeit lang. Als dann aber endlich die "1" hinter seinem Namen auf der riesigen Anzeigetafel aufblitzte, sank der neue Skiflugweltmeister fassungslos in den Schnee von Planica. "Ich bin völlig baff", stammelte der Triumphator, dem sein mit Bronze dekorierter Kumpel Markus Eisenbichler sogleich um den Hals fiel - nach einem wahren Skisprung-Krimi vergaßen die DSV-Adler ganz kurz die Abstandsregeln.

"Das ist unbeschreiblich, das hätte ich vor dem Wochenende nie gedacht", sagte Geiger im ZDF, nachdem er mit der Winzigkeit von 0,5 Punkten vor dem Norweger Halvor Egner Granerud seinen ersten großen Einzeltitel geholt hatte. Nach mehr als 900 Metern in der Luft hatte der 29 Jahre alte Geiger umgerechnet 40 Zentimeter Vorsprung auf den tief betrübten Granerud.

Planica: Karl Geiger fliegt zum Titel. 
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Daheim in Oberstdorf bangte Geigers Frau Franziska hochschwanger mit. "Kann sein", meinte Geiger grinsend, dass er bei ihr den Puls in die Höhe getrieben habe. Weil die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes unmittelbar bevorsteht, hatte er zuletzt auf den Weltcup im russischen Nischni Tagil verzichtet. Doch obgleich der Nachwuchs auf sich warten ließ, reiste Geiger nach Planica - und konnte sich völlig aufs Fliegen fokussieren.

"Dem Karl gönne ich das von Herzen. Da ist mir scheißegal, ob ich Dritter, Vierter oder Fünfter werde", sagte Eisenbichler über seinen gewohnten Zimmerkollegen - aus Corona-Gründen sind die DSV-Adler derzeit in Einzelzimmern untergebracht: "Platz drei für mich ist voll geil, ich bin megahappy. Es war ein brutaler Fight über zwei Tage."

Geiger, 2019 in Innsbruck hinter Eisenbichler Vizeweltmeister im Springen von der Großschanze, hatte nach jedem der vier Durchgänge geführt. Zur Halbzeit am Freitag lagen die Favoriten aber noch eng beieinander. Geiger kam am zweiten Tag auf 240,5 und 231,5 m. Senkrechtstarter Granerud hatte nach 239,0 m im dritten Durchgang mit 243,0 m zum Abschluss den Druck auf den Allgäuer stark erhöht - die Haltungsnoten retteten schließlich Stilist Geiger.

Eisenbichler sicherte nach total verkorkstem Probedurchgang mit Flügen auf 234,5 und 230,0 m (859,3 Punkte) Platz drei ab. Zwei Wochen vor der Vierschanzentournee sind die deutschen Springer eine Macht.

Markus Eisenbichler gewinnt Bronze. 
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"Wir sind froh, dass die ersten beiden Medaillen da sind", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher, der 2019 das schwere Erbe seines österreichischen Landsmannes Werner Schuster angetreten hatte: "Mit einem Sportler wie dem Karl kann man richtig arbeiten. Auch der Eisei hat einen super Job gemacht."

Geiger ist der sechste deutsche Skiflug-Weltmeister nach den DDR-Springern Hans-Georg Aschenbach (1973) und Klaus Ostwald (1983) sowie Dieter Thoma (1990), Sven Hannawald (2000 und 2002) und Severin Freund (2014). Bei der siebten WM in Planica triumphierte aber erstmals ein Deutscher.

WM-Debütant Pius Paschke (Kiefersfelden) durfte sich nach Flügen auf 217,0 und 213,5 m über einen starken elften Platz (790,9) freuen. Constantin Schmid (Oberaudorf) kam nicht ganz an seine Leistungen des ersten Tages heran und belegte nach 209,0 sowie 213,5 m den 14. Platz (767,7).

Im abschließenden Teamwettbewerb am Sonntag (16.00 Uhr/ZDF und Eurosport) gehört das deutsche Quartett zu den Favoriten. "Da möchten wir auf jeden Fall noch eine Medaille machen", sagte Eisenbichler.