Matthias Behr litt jahrelang an Depressionen.
Matthias Behr litt jahrelang an Depressionen. IMAGO / FAF

Die ehemaligen Fecht-Stars Matthias Behr und Zita Funkenhauser sind das einzige Olympiasieger-Ehepaar in Deutschland und gingen durch schwere Zeiten, denn Behr litt lange unter einem unverschuldeten Unfall beim Fechtkampf, bei dem sein Florett im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1982 in Rom die Maske von Wladimir Smirnov aus der damaligen UdSSR durchbohrte und den russischen Champion tötete.

Jetzt hat er Verwandte von Smirnovs Witwe Emma aus der Ukraine bei sich in Tauberbischofsheim aufgenommen und sagt der Zeitschrift Bunte: „Endlich bin ich mit meinem Schicksal versöhnt, für mich schließt sich ein Kreis.“ Behr erkrankte an einer schweren Depression und erklärt im Promi-Magazin: „Mir geht es heute wieder gut, aber 2002 wollte ich mich von einer Autobahnbrücke stürzen. In meinem Kopf kreisten immer wieder diese Gedanken: ‚Wieso ich? Wieso passiert so was?‘“

Matthias Behr versöhnte sich mit der Witwe von Wladimir Smirnov

Erst 2017 konnte Behr Emma Smirnov in Kiew besuchen. Jetzt hat beide der Krieg in der Ukraine noch enger verbunden: „Emma hat mich gebeten, Verwandte von ihr bei mir aufzunehmen, den Mann ihrer Tochter und ihre Enkelkinder. Für mich war es ein Geschenk: Endlich kann ich etwas zurückgeben.“

Lesen Sie auch unseren Newsblog zum Ukriane-Krieg >>

Matthias Behr (r.) während eines Kampfes mit dem Belgier Thierry Soumagne bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles.
Matthias Behr (r.) während eines Kampfes mit dem Belgier Thierry Soumagne bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. IMAGO / WEREK

Jahrelang litt Behr an schweren Depression. Nach dem Fechtunfall sowie dem Zerwürfnis mit seinem Ziehvater Emil Beck habe nicht mehr viel gefehlt, um von einer Brücke zu springen. Was ihn am meisten schockiert habe, sei das Desinteresse am eigenen Dasein gewesen, berichtete der dreimalige Weltmeister. „Ich hatte doch vier gesunde Kinder, eine tolle Familie, keine Krankheit, keine Sorgen, es ging mir gut. Aber alles war auf einmal wie ausgeschaltet.“

Die Liebe zu seinen Kindern hielt Matthias Behr vom Selbstmord ab

Der Gedanke an seine Kinder habe ihn 2002 vom Selbstmord abgehalten, erzählte Behr. Exakt ein Jahr lang war das Fecht-Idol krankgeschrieben, vom Herbst 2001 bis zum Herbst 2002, hundert Therapiestunden hat er hinter sich gebracht, zweimal im Jahr geht er nach wie vor zur Nachschau. „Was mir dabei den größten Schub heraus gebracht hat, war der Besuch einer Anstalt in der Nähe von München“, erinnerte er sich. Er sollte dort eine Auszeit nehmen, „doch als ich gesehen habe, wie dort Männer, um zu sich zu finden, Gegenstände geknetet haben, habe ich nur gesagt, ich gehe nicht in eine geschlossene Abteilung.“

Lesen Sie auch: Vater tot – weil er das Lieblingskuscheltier der Tochter auf der Autobahn suchte >>

Matthias Behr mit seiner Ehefrau Zita Funkenhauser
Matthias Behr mit seiner Ehefrau Zita Funkenhauser IMAGO/Sven Simon

Haarklein und bis ins Detail hat Behr mit seinem Psychiater seine Vita aufgearbeitet: vom frühen Autounfall-Tod des Vaters 1958 bis zum schlimmen Zerwürfnis 1999 mit Beck. Der Fecht-Trainer hatte den stilleren Behr jahrelang bedrängt, nach seinem Ausscheiden die Führung des damals sportlich in die Krise geratenen Olympiastützpunkts zu übernehmen. Eine Rolle, die Behr ablehnte. Er stellte Familie über Beruf, genoss sein Leben mit seiner zweiten Ehefrau Zita Funkenhauser und den 1996 geborenen Zwillingen Greta und Leandra. Das konnte Beck niemals nachvollziehen.

Matthias Behr ist Internatsleiter des Olympiastützpunkts Tauberbischofsheim

Inzwischen stecke er wieder voller Energie: „Ich brenne wieder vor Leidenschaft“, sagte der Internatsleiter des Olympiastützpunkts Tauberbischofsheim. Die Krankheit Depression, lautet sein Credo, sei mit Medikamenten-Einnahme hundertprozentig heilbar: „Wenn du in der dringend nötigen Therapie den Schlüssel dafür findest und bereit bist, mit dem Fachmann daran zu arbeiten.“ Diese Therapie sei genauso anzusehen wie die Reha nach einem Knochenbruch: „Nur dass du dort den Kranken am Gips erkennst oder einen Grippekranken am Husten. Aber einen Depressiven erkennst du nicht.“