Claudia Pechstein bekommt am Sonnabend einen neuen Boss. Foto: Imago Image

Claudia Pechstein bekommt am Sonnabend einen neuen Boss. Wie auch die weiteren 2822 Mitglieder der Deutschen Eisschnelllaufgemeinschaft. Einziger Kandidat ist Pechis Lebensgefährte Matthias Große. Allein deshalb sorgt die Wahl für Aufsehen. Doch damit nicht genug. Unter den vielen kleinen Verbandsbossen in Deutschland geht die Angst um. In 92 Tagen kommissarischer Präsidentschaft rüttelte Große an verkrusteten Strukturen, schickte vor allem drei Grundsätze in Rente: Wir haben das schon immer so gemacht! Weiter so! Wir schaffen das!

Wie fast alle deutschen Sportverbände kam auch die DESG so unter die Räder. Aus einem Verband, der Erfolge einst bei Olympia und Weltmeisterschaften kaum zählen konnte, ist eine Gruppe von Hinterherläufern geworden. Große will das ändern. Große will die DESG wieder zur Medaillenschmiede machen. Persönliches ist zweitrangig, wie das Frauen-Team zeigt. Claudia Pechstein wird dort von Gunda Niemann-Stirnemann, ihrer langjährigen Konkurrentin, betreut und läuft im Team obendrein mit Gundas Tochter Victoria.

Nur eine von vielen Veränderungen, die in den 94 Tagen seiner Präsidentschaft umgesetzt wurden. Große drehte jeden Stein um, trennte sich von denen, die nicht den Erfolg als einziges Ziel hatten (Bundestrainer, Sportdirektor), holte diejenigen ins Team, die das deutsche Eisschnelllaufen wieder fit machen wollen. Wie Dr. Gerald Lutz, der als leitender Verbandsarzt 2017 nach elf Jahren gehen musste. Damit wurde die medizinische Betreuung der Athleten wiederhergestellt, die zuletzt ohne Mediziner ins Trainingslager gefahren sind.

Das war am 19. Juni, Großes drittem Tag im Amt, seine erste Entscheidung für die Sportler. Es folgten im Eiltempo viele mehr: von neuen Sponsoren über einen Kummerkasten (als er überläuft, wird Berlins Bente Kraus zu dessen Koordinatorin) bis zu vielen persönlichen Gesprächen mit den Sportlern. Höhepunkt ist am 14. August das Konzept Kufenträume 2022–2026. Als Kern werden für jede Olympiaqualifikation 10.000 Euro Prämie ausgelobt, die sich Athlet (5000), sein Verein (4000) und der Landesverband (1000) teilen.

Wird Große am Sonnabend Präsident der DESG, hat die Wahl des ach so geschrumpften Kufenverbandes eine Signalwirkung. Setzt Große seine Pläne um, kann er den deutschen Sport revolutionieren. Dann zeigt sich, dass auch ein Außenstehender einem Verband auf die Beine helfen kann. Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel bringt es auf den Punkt: „Ich habe Matthias Große als jemanden kennengelernt, der sich traut, Dinge anzupacken und mit viel Energie das notwendige zu tun, um das Ziel zu erreichen. Er ist laut, manchmal zu laut. Aber immer nur dann, wenn es angebracht ist. Wenn man mich fragt, wer neuer DESG Präsident werden soll, dann ist die Antwort für mich ganz klar!“