Pal Dardai drückt Bruno Labbadia (r.) in der ersten Pokalrunde bestimmt die Daumen. Foto: Imago Images

Pal Dardai, da bin ich mir ganz sicher, wird am Freitagabend am heimischen Fernseher sitzen, wenn Hertha BSC beim Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig in der ersten Runde des DFB-Pokals antritt. Es ist das erste Pflichtspiel in der neuen Saison. Dardai, der seit Juli die U16 von Hertha trainiert, weiß, wie wichtig ein Sieg für seinen Trainerkollegen Bruno Labbadia ist. Und er weiß auch aus eigener Erfahrung, wie schwer sich Hertha oft im Pokal getan hat. Im September 2004 stand der Ungar in jener Hertha-Elf, die in Braunschweig gegen den damaligen Drittligisten mit 2:3 versagte. Nur ein Beispiel von vielen Pleiten in der Historie der Berliner im nationalen Cup-Wettbewerb.

Was Dardai als Profi nie schaffte, wollte er später als Hertha-Chefcoach unbedingt erreichen: das Pokalfinale im Olympiastadion. Im April 2016 war es beinahe soweit. Das Team stand im Halbfinale, die Stadt träumte vom Titel. Die 74.000 Tickets gegen Borussia Dortmund waren binnen zehn Minuten vergriffen. Doch im Olympiastadion versagten Hertha beim 0:3 die Nerven. Dardai musste eine Tradition fortsetzen und wie in jedem Jahr am Endspieltag mit seiner Familie zu Fuß vom Wohnhaus in Westend in die nahe Arena gehen. Um nur als Zaungast zu sehen, wie andere Teams in seinem Wohnzimmer den Pokalsieg feiern.

So nah dran am Endspiel wie 2016 war Hertha zuvor viele Jahre nicht. Oft  freuten sich unterklassige Vereine, wenn ihnen das Los Hertha BSC in Runde eins des Wettbewerbs bescherte. Immer wieder fuhren die Berliner gedemütigt nach Hause.

Hertha, so hieß es lange, kann keine Entscheidungsspiele gewinnen. Das kann ich als Augenzeuge bestätigen. In den 1990er Jahren war in Fußball-Provinzen wie Langerwehe, Gütersloh, Jülich oder später in Worms Endstation. Ich selbst habe die Pokalpleite bei Holstein Kiel erlebt (2002/1:4 nach Elfmeterschießen), als die drei Herthaner Andreas Schmidt, Roberto Pinto und Michael Hartmann vom Elfmeterpunkt aus scheiterten. Später sah ich verzweifelte Hertha-Profis mit 1:6 bei Werder Bremen untergehen (2003) oder nach dem 0:2 beim Wuppertaler SV vom Rasen schleichen (2007). Es gab auch Blamagen in Braunschweig, Stendal und Koblenz.

Andreas Schmidt stand wie Pal Dardai bei einigen dieser Duelle auf dem Platz. Er sagte mir nun, es habe damals ein Potpourri an Ursachen für das Versagen in K.o.-Spielen gegeben. Oft habe man in der Liga gerade Schwächephasen erlebt und der Pokal kam ungünstig dazwischen. Ab und an nutzten Trainer den Pokal auch zur Schonung einiger Stammspieler. Aber es habe auch Einstellungsprobleme gegeben, „sicher unbewusst“, sagt Schmidt.

Ich glaube, ab und an kam Überheblichkeit hinzu und oft fehlten aggressive Anführer, rustikale Kämpfer wie einst Dardai, um im Pokal mit Mentalität weit zu kommen. Gerade erst unter dem späteren Cheftrainer Dardai - das scheint mir kein Zufall zu sein – legte Hertha das Image der schwächelnden Pokalmannschaft ab. Zum lang ersehnten Triumph reichte es aber nie. So bleiben nur die durch Hertha verlorenen Endspiele 1977 und 1979 und 1993 durch die Hertha-Amateure im kollektiven Gedächtnis.

Bruno Labbadia ist klar, dass er keine typische Pokalmannschaft befehligt. Aber er kann das nun ändern. Der ehemalige Mittelstürmer weiß, wie Pokal geht. 1990 reckte er im Olympiastadion den Cup in die Höhe, als er mit dem 1. FC Kaiserslautern 3:2 gegen Bremen triumphierte. Labbadia schoss dabei zwei Tore und musste beim Jubeln beinahe mit dem Lasso eingefangen werden.