Lennard Kämna genießt die Zieleinfahrt bei seinem Sieg am Dienstag. Foto: dpa

Als großes Talent galt Lennard Kämna schon vor dieser Tour, mit seinem eindrucksvollen Soloritt nach Villard-de-Lans am Dienstag gehört er jetzt zu den ganz großen. Denn mit seinem Tagessieg stoppte er nicht nur die deutsche Siegflaute seit 2018, als John Degenkolb in Roubaix zuletzt triumphierte. Mit seinem Achtungszeichen in den Alpen ließ der 24-Jährige erkennen, dass er in Zukunft auch ein Wörtchen mitreden könnte, wenn es um das Gelbe Trikot geht. „Klettern und Zeitfahren“ könne er, sagt Ralph Denk, sein Teamchef beim Rennstall Bora-hansgrohe. Genau die richtigen Eigenschaften für einen starken Rundfahrer.

Seit dem Toursieg vor 23 Jahren des später tief gefallenen Jan Ullrich wartet Radsport-Deutschland auf einen Nachfolger. Das Gesamtpaket Kämna ist da vielversprechend. Olaf Ludwig, Olympiasieger von 1988, sagt: „Er sitzt sehr ästhetisch auf dem Rad, hat ein hohes Leistungsvermögen, ist taktisch clever. Da werden wir noch viel Spaß an dem Rennfahrer in den nächsten Jahren haben.“

Ludwig warnt aber ausdrücklich vor einem Vergleich mit Ullrich, der ja auch an den großen Erwartungen an ihn zerbrach. „Da tut man ihm keinen Gefallen mit.“ Zumal vor zwei Jahren gar nicht klar war, ob das Talent Kämna so richtig durchstartet. „Er hatte vielleicht Motivationsprobleme, die Lust verloren. Er war ziemlich unten“, erinnert sich Denk.

Vielleicht auch deshalb gibt man sich bei Bora-hansgrohe eher zurückhaltend, eigentlich war er als Helfer von Emanuel Buchmann eingeplant, der in den Pyrenäen aber einbrach. „Wo der Aufwärtstrend schlussendlich hingeht, werden wir sehen“, sagt Denk. Ob er an die slowenischen Überflieger Primoz Roglic und Tadej Pogacar „persönlich jemals hinkommen werde, steht in den Sternen“, sagt Kämna.

Sein Auftritt in den Alpen war aber bereits großes Kino. Am vorletzten Anstieg den französischen Superstar Julian Alaphilippe abzuschütteln und dem amtierenden Giro-d'Italia-Sieger Richard Carapaz davonzufahren, muss man sich erst einmal zutrauen. „Mir ist es egal, was für ein Name das ist. Jeder bei der Tour ist in super Form. Es geht einfach nur darum, den Gegner abzuhängen“, sagt der frühere Junioren-Weltmeister, der schon bei der Bergankunft am Puy Mary Zweiter geworden war.