Der Herr der Ringe, IOC-Chef Thomas Bach, steht arg in der Kritik.  Foto: Jean-Christophe Bott/dpa

Berlin -Das Urteil über die selbst zugestandene vierwöchige Gnadenfrist fällt für das Internationale Olympische Komitee (IOC) vernichtend aus. Auch wenn IOC-Präsident Thomas Bach sein Spiel auf Zeit verlängert, steht eigentlich fest: Olympia in Tokio wird aufgrund der Corona-Pandemie nicht im geplanten Zeitraum (24. Juli bis 9. August) stattfinden können – davon geht man inzwischen auch in Japan aus.

„Wir sind nicht so blöd, die Olympischen Spiele wie geplant auszutragen“, sagte Yoshiro Mori, Präsident des Organisationskomitees. Das Gremium schließt sich damit der Haltung der Regierung an. Japans Premierminister Shinzo Abe hatte zuvor erklärt: „Wir müssen über eine Verschiebung entscheiden.“

Doch so schnell will sich das IOC nicht festlegen. Die Athleten aus aller Welt wurden informiert, dass eine Entscheidung erst in vier Wochen fallen soll. Sehr zum Ärger von Alfons Hörmann, Chef des Deutsche Olympischen Sportbundes (DOSB). Die Prüfung der Verlegung sei „längst fällig“ gewesen. „Allerdings hätten wir uns bereits jetzt eine klare Aussage dahingehend gewünscht, dass die Spiele definitiv nicht zum geplanten Termin stattfinden können und nun über denkbare Alternativen beraten wird.“

DOSB-Chef Alfons Hörmann ist für eine Verlegung

Der DOSB „präferiere“ laut Hörmann „eine Verlegung mindestens ins nächste Jahr“. Während sich das IOC diese Woche gar nicht mehr äußern will, reden andere Klartext. „Das ist alles nur noch Hinhaltetaktik“, ist Berlins Wasserspringer-Ass Patrick Hausding schon ziemlich genervt. „Es werden wirtschaftliche Faktoren gegen die Gesundheit der Sportler abgewogen.“

Auch Speerwurf Olympiasieger Thomas Röhler (28) geht die Vier-Wochen-Frist von Bach nicht weit genug: „Den Athleten muss die Unsicherheit genommen werden, die derzeitige Hängepartie muss ein Ende haben. Viele stehen ja mit einem Bein im Gefängnis, wenn sie ihre Sportstätten nutzen würden (aufgrund der Kontaktsperre/d.Red.).“

Bach betonte, dass „Menschenleben Vorrang vor allem haben“, verwies aber gleichzeitig darauf „dass am Ende dieses dunklen Tunnels, durch den wir alle gemeinsam gehen, ohne zu wissen, wie lange er noch dauert, die olympische Flamme ein Licht sein wird“.

Diese Hinhaltetaktik des IOC produziert einen massiven Vertrauensverlust

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses 

Dieses Licht sieht die internationale Sportwelt nicht. Kanada kündigte als erstes Land an, keine Sportler zu den Olympischen und Paralympischen Spielen (25. August bis 6. September) zu schicken. Australien verständigte sich darauf, seine Athleten auf 2021 einzuschwören. Angesichts des täglich steigenden Drucks scheint es kaum denkbar, dass das IOC erst in vier Wochen eine Entscheidung treffen kann.

„Diese Hinhaltetaktik des IOC produziert einen massiven Vertrauensverlust und zeigt auch ein eklatantes Führungsversagen“, sagt Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Die Gründe für die Hängepartie sind natürlich finanzieller Natur. Dazu geht es um Versicherungen und Fragen der Haftung.

Allein eine Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele würde Japan nach Meinung verschiedener Experten bis zu 5,7 Milliarden Euro kosten. Spätestens nach Ablauf der selbst verordneten Gnadenfrist muss das IOC viele Fragen beantworten. Am besten schon deutlich früher.

Upadte von 20.20 Uhr: Mittlerweile scheinen die Rehen beim IOC nicht mehr so fest geschlossen. Auf Grundlage der Informationen, die dem IOC vorliegen, sei die Verschiebung beschlossen, wird das langjährige IOC-Mitglied Dick Pound nach einem Telefoninterview mit der Zeitung USA Today zitiert. "Die zukünftigen Parameter wurden noch nicht festgelegt, aber die Spiele werden nicht am 24. Juli beginnen, soweit ich weiß", sagte der 77-jährige Kanadier

Das IOC reagierte auf die Aussagen von Pound, Mitglied des IOC seit 1978 und lange Jahre auch Chef der Weltantidoping-Agentur WADA, überrascht. „Es ist das Recht eines jeden IOC-Mitglieds, die gestern getroffene Entscheidung der IOC-Exekutive zu interpretieren“, sagte IOC-Sprecher Christian Klaue dem SID auf Nachfrage. Klingt schon stark nach Rückzugsgefechten ...