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Wolfgang „Potti“ Matthies: „Hey, Union-Fans, lasst es bitte sofort krachen“

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Wolfgang Matthies in der Alten Försterei.

Foto:

imago/Matthias Koch

Berlin -

Schweige-Viertelstunde ja? Schweige-Viertelstunde nein? Der zum Bundesligaauftakt des 1. FC Union am Sonntag von den Ultras angedachte Protest gegen RB Leipzig (18 Uhr, Alte Försterei) droht den Verein immer mehr zu zerreißen. Mancher zeigt Verständnis für die Aktion, mancher ist strikt dagegen. So auch Wolfgang „Potti“ Matthies (66). Der Wunsch des Kult-Keepers: Hey, Fans, lasst es lieber sofort krachen.

Alles hat der Schlussmann erlebt mit seinen Eisernen. Aufstiege hat er gefeiert und Abstiege hinnehmen müssen. Sensationelle Siege hat es gegeben und deftige Klatschen. Nur über eines musste er nie nachdenken in seinen 253 Pflichtspielen, von denen 159 in der DDR-Oberliga stattgefunden haben, über einen Boykott von den Rängen. „Unsere Fans waren schon immer anders. Aber immer so, dass sie uns immer unterstützt haben, und zwar von der ersten bis zur letzten Sekunde. Anders kann und will ich mir das lieber nicht vorstellen, denn anders habe ich es noch nie erlebt.“

Eine Viertelstunde ohne Anfeuerung, zumal beim lang ersehnten und ohnehin historischen Bundesligadebüt, kann der ehemalige Schlussmann beim besten Willen nicht akzeptieren. „Würde ich auf dem Rasen stehen und die Fans würden uns nicht nur nicht anfeuern, sondern ganz und gar schweigen“, sagt er, „dann würde ich mir verwundert die Augen reiben. Ich weiß wirklich nicht, für wen das gut sein soll.“

Ein klein wenig vergleicht der Oldie die Situation mit den 70er- und 80er-Jahren, als es Spiele gegen den damaligen Erzfeind BFC Dynamo gab. Auch damals „hatte der Gegner kaum Fans“, so Matthies, doch auch damals gab es einen Klassenunterschied, zwar keinen wirtschaftlichen, dafür aber einen politischen. „Aber das ist egal“, meint der Ex-Schlussmann, „die Fans haben uns nie im Stich gelassen, in keinem Spiel und nicht einmal 15 Minuten, ach, nicht eine Minute.“

Wolfgang Matthies: Viermal Unioner des Jahres

Kaum jemand kann die Chemie zwischen Rasen und Rängen besser fühlen als Matthies. Viermal haben die Anhänger ihn zu Unions Spieler des Jahres gewählt und hätten es wahrscheinlich viel öfter getan, wäre diese Ehrung nicht erst 1982 eingeführt worden. Als es 2006 darum ging, Unions wertvollsten Spieler der Vereinsgeschichte zu wählen, war auch da die langjährige Nummer 1 die tatsächliche Nummer 1. Selbst den Pokalhelden von 1968 hat er den Rang abgelaufen. Umso aufmerksamer sollten alle zuhören, wenn Matthies vor dem Start in eine völlig neue Etappe sagt: „Wenn ich könnte, würde ich den Anhängern ins Gewissen reden, ihren Boykott irgendwie anders zu artikulieren, nur nicht zum Schaden der Mannschaft. Dass der erste Gegner ausgerechnet RB Leipzig ist, hat doch niemand von uns zu verantworten.“

Von sich aus auf den sprichwörtlichen 12. Mann zu verzichten, zumal noch als Neuling gegen den Vorjahresdritten, ist für Matthies so, „als würden wir am Anfang freiwillig nur zu zehnt auflaufen. Das macht doch auch niemand.“ Außerdem weiß seit dem Abend des 27. Mai, seit 22.27 Uhr an jenem denkwürdigen Montag jeder, „dass unsere Mannschaft die Anfeuerung jetzt noch nötiger hat als sonst schon. Außerdem ist Leipzig alles andere als Fallobst und nur gemeinsam können wir ein erfolgreiches Debüt feiern.“

Also, Leute, wenn der Kult-Keeper einen Wunsch frei hat und ihr den erfüllen möchtet, lasst es von der ersten Sekunde an krachen!

Lesen Sie hier, was Union-Präsident Dirk Zingler zur Diskussion um den Stimmungsboykott sagt.