Lulu, ein Hundewelpe aus illegalem Welpenhandel, liegt auf einer Decke im Tierheim Berlin. Das Jungtier ist mittlerweile gestorben. Das Tierheim ist in den Sommerferien am Rand seiner Kapazität. Illegaler Welpenhandel bleibt dabei eines der größten Probleme. dpa/Tierheim Berlin

Wer an die Aufrufe des Berliner Tierheims denkt, hat Bilder von niedlichen Hunden oder Katzen im Kopf. Mit Dackelaugen schauen Welpen potenzielle Neubesitzer schräg von unten an, kuschelige Katzen und Kaninchen werben mit Flauschfell um die Herzen der neuen Besitzer. Für die Protagonisten einer neuen Kampagne von Tierschutzvereinen in ganz Deutschland kommen Interessenten allerdings zu spät. Sie haben die qualvolle Reise aus illegaler Zucht bis nach Berlin nicht überlebt.

Tierheim voll mit Pandemie-Tröstern

Nach dem Lockdown ist das Tierheim Berlin zum Bersten voll. Denn viele, die sich in der Pandemieeinsamkeit mit einem Haustier trösten wollten, sind nun bemüht, den Gefährten wieder loszuwerden. Der Sommerurlaub kommt, die Pflege ist doch aufwendiger als gedacht. Eine Bürde, die Besitzer häufig an das Tierheim weiter reichen.

„Wir sind erschüttert, dass erwachsene Menschen nicht weiter denken. Es macht uns ratlos“, sagt Tierheimsprecherin Beate Kaminski. Viele hätten noch nicht einmal den Mut, die lästig gewordenen Tiere persönlich im Tierheim abzugeben. Ausgesetzte Tiere bevölkern die Häuser am Hausvaterweg. 

Ein großes Problem sind außerdem junge Hunde, die sichergestellt oder ausgesetzt werden und aus illegaler Vermehrung stammen. In diesem Jahr waren es schon über 80 junge Tiere, die im Tierheim landeten. Im letzten Jahr waren es nur halb so viele. Über das üble Geschäftsmodell wollen jetzt 60 Tierschutzpartner in ganz Deutschland, darunter das Berliner Tierheim mit einer groß angelegten Kampagne mit Plakaten, Flyern und in den sozialen Medien informieren. Aufrüttelnde Tier-Schicksalen sollen Käufern die Augen öffnen.

Pandemie befeuerte illegalen Welpenhandel

Die Pandemie befeuerte die dubiose Geschäfte um die niedlichen Tiere. Seriöse Züchter hatten oft lange Wartelisten, konnten den Bedarf an vierbeinigen Familienmitgliedern nicht decken. Familien suchten auf Ebay nach Angeboten, schalteten selber Suchanzeigen. Unseriöse Händler hatten so leichtes Spiel, an potenzielle Kunden heranzutreten.

Um die Berliner über die Gefahren eines solchen Kaufs und die qualvollen Hintergründe einer illegalen Zucht aufzuklären, startet kommende Woche eine neue Werbekampagne mit aufrüttelnden Tier-Schicksalen.

„Wir haben die Faxen dicke. Vielen ist nicht klar, was sich hinter den Kulissen abspielt. Die Hunde sterben uns teilweise unter den Fingern weg, obwohl wir bis zur Erschöpfung um sie kämpfen“, sagt Beate Kaminski zu den illegalen Vermehrung-Fabriken.

Strom an Welpen aus Osteuropa reißt nicht ab

Der Berliner Tierschutzverein will dafür sensibilisieren, dass illegal gehandelte Welpen, für die oft über Tausend Euro gezahlt werden, oft unter katastrophalen Bedingungen gezüchtet werden.

Gerade Berlin ist seit Jahren ein florierender Umschlagplatz für die osteuropäische Welpenmafia. Die betroffenen Hunde stammen häufig aus Vermehrer-Tierfabriken in Osteuropa. Zuchttiere verbringen ihr Leben unter abscheulichen Bedingungen: auf engstem Raum eingepfercht, schlecht versorgt und im eigenen Unrat dahinvegetierend.

Welpen-Produktion ist Hunde-Hölle auf Erden

Die Jungen, die für den Handel bestimmt sind, werden viel zu früh von ihren Müttern getrennt, sind in der Regel kränklich und schwach. „Illegale Hundehändler schrecken auch nicht davor zurück, kranken Welpen vor der Übergabe an die neuen Besitzer Aufputschmittel wie beispielsweise Adrenalin zu spritzen“, erklärt Annette Rost, die Sprecherin des Berliner Tierschutzvereins. „Wenn dann die Wirkung nachlässt und das eben noch so muntere Tierchen auf einmal teilnahmslos wird und Krankheitsanzeichen zeigt, sind die Betrüger längst mit dem Geld der Kunden verschwunden.“

Die Tiere, immer öfter niedliche Toy-Rassen wie Zwergpudel, Malteser, Havaneser, aber auch Retriever und Schäferhunde, litten an den unterschiedlichsten Krankheiten. Keiner der Hunde ist geimpft, viele haben Parasiten, die Tiere leiden an eine potenziell tödlich verlaufenden Parvovirose, Staupe, oder sogar Tollwut. In Kartons und in Kofferräumen werden sie nach Deutschland gebracht und landen in der letzten Station im Tierheim, wo man versucht, ihre Leben zu retten. Die Hunde, die es nicht geschafft haben, können ihren Artgenossen nur noch einen letzten Dienst erweisen: indem sie Aufmerksamkeit erzeugen.