Jeanette Klemmt (51) verarztet in ihrem Rettungswagen seit 20 Jahren Tiere auf Spendenbasis. Foto: camcop media/Andreas Klug

Lucie liegt ruhig auf dem Behandlungstisch während Jeanette Klemmt (51) die Schilddrüse der Hirtenhündin mit einem Ultraschall-Gerät untersucht. Sie ist Ärztin für Kleintiere und mitunter auch Seelendoktor für ihre Besitzer. Am S-Bahnhof Lichtenberg ist ihre mobile Praxis zu einer bedeutenden Anlaufstelle für Mensch und Tier in der Not geworden.

Auch für Christian (55), der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte und Mischlingshündin Sina. „Ich bin mit Lucie seit 2015 bei Jeanette in Behandlung“, sagt er. Viele der Klienten wie Christian duzen die Tierärztin, da sie über viele Jahre eine enge Bindung über ihre Vierbeiner zu ihr aufgebaut haben. Es sind meist bedürftige Jugendliche, aber auch Erwachsene, denen nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch das stabile Umfeld fehlen. „Ich lebe in einer Einzimmerwohnung und stocke meine schmale Rente mit Hartz IV auf“, sagt er.

Jeanette Klemmt behandelt seit 20 Jahren kostenlos

In ihrem umgebauten Krankenwagen behandelt Jeanette Klemmt seit 20 Jahren kostenlos. Vier Mal pro Woche ist sie an verschiedenen Standorten Berlins unterwegs. Finanziert wird ihre Arbeit von der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin. An diesem Donnerstag steht sie vor der Kontakt- und Begegnungsstätte für Suchtkranke „Enterprise“ an der Eitelstraße. Die Corona-Krise ist auch Thema in der Tiersprechstunde. Ohne Mundschutz darf kein Klient einsteigen.

„Bitte Maske auf. Ich schütze Dich und Du bitte mich“, sagt Klemmt energisch zu einer Hundebesitzerin, die mit Piercings im Gesicht übersät ist. Der Hundedoc ist sehr einfühlsam, aber muss auch Grenzen setzen. Gerade erst hat sie einen Mann um die 40 nach Hause geschickt. Er kam ohne Tier, nur zum Reden in die Begegnungsstätte. „Das ist sonst kein Problem, aber in Corona-Zeiten haben wir nun mal eine Kontaktbeschränkung“, erklärt sie. Der ungebetene Gast murrt, aber respektiert Jeanette Klemmts Anweisung.

Der Garten des Kontaktladens dient in diesen schwierigen Zeiten als Wartezimmer. Auf den weißen Plastikstühlen sitzen drei Punks und haben ihre Schäferhunde an der Leine. Wer zum Hundedoc in die Behandlung kommt, muss sich vorher anmelden und Zeit mitbringen, denn es geht geordnet nach der Reihenfolge.

Jeanette hofft auf Unterstützung

Während ihrer Untersuchungen erfährt Jeanette Klemmt von vielen Schicksalen. Menschen, die ihre Wohnung verloren haben und auf der Straße leben müssen. Manche von ihnen haben bereits früh eine Drogenkarriere hinter sich. Trotzdem gibt es etwas, was die Tierärztin mit diesen Menschen verbindet: Die tiefe Liebe zum Tier. Sie selbst habe deshalb schon als zehnjährige Tierärztin werden wollen, so erzählt Klemmt. Sie hält selbst zwei Hunde zu Hause.

Diese Gemeinsamkeit hilft der erfahrenen Veterinärmedizinerin, Zugang zu ihren Klienten und ihren Problemen zu finden. Doch es gibt auch eine Sorge, die sie gerade selbst sehr belastet. „Wir benötigen dringend einen neuen Krankenwagen. Dieser hier hat schon 14 Jahre auf dem Buckel und gibt bald den Geist auf“, sagt sie. Deshalb hofft Jeanette Klemmt nun selbst auf ein wenig Unterstützung aus der Gesellschaft, damit sie weiterhin anderen Menschen in Not helfen kann. Sie sagt: „Sie haben Hilfe verdient, weil sie häufig nicht die gleichen Chancen im Leben bekommen haben.“ https://www.stiftung-spi.de/projekte/hundedoc/