Michael Tsokos (53) im Institut für Rechtsmedizin. Foto: dpa

Sie glauben, sie haben sich mit dem Virus infiziert. Sie glauben, sie werden die Pandemie nicht überleben. Und sie begehen Selbstmord. Der renommierte Charité-Pathologe Michael Tsokos  (53) beschreibt in einer Veröffentlichung acht Suizide, die während der Krise begangen wurden und bei denen ein Zusammenhang mit Corona zu erkennen ist.  Psychologen mahnen allerdings, mit solchen allgemeinen Schlussfolgerungen vorsichtig zu sein.

Nachzulesen ist seine Veröffentlichung im Archiv für Kriminologie, einem Fachblatt für Rechtsmediziner. Tsokos geht sogar soweit von "Corona-Suiziden" zu sprechen.

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Der Mediziner kenne normalerweise Selbsttötungen, die aus Angst vor dem Leben begangen werden, erklärt er. Die Angst vor Krebs, die Angst vor Schulden.  Dem KURIER sagt  Michael Tsokos : „Dass jemand aus Angst vor dem Tod - obwohl er gar nicht an der Krankheit erkrankt ist, die er so fürchtet - den Tod vorwegnimmt, das ist etwas ganz Neues.“ Als Aids bekannt wurde, seien viele Menschen verunsichert gewesen. Doch niemand habe sich deswegen umgebracht.

Weniger Angebote für psychisch labile und psychisch erkrankte Menschen während Corona-Krise

In der Krise habe es wegen der Kontaktbeschränkungen weniger Angebote für psychisch labile und psychisch erkrankte Menschen gegeben, beklagt der Rechtsmediziner weiter. Von der Politik aber auch von den Medien fordert er  weiterhin eine moderate und besonnene Kommunikation. Er fordert dringend dazu auf, schon jetzt zu planen, was im Fall einer möglichen zweiten Welle im Herbst passieren soll. Psychotherapeutische Angebote sollten auch in einem zweiten Lockdown gesichert sein. 

Auch wenn die Pandemie in Deutschland und Berlin gerade abebbt, glaubt Michael Tsokos, dass es nicht bei acht „Corona-Suiziden“ bleibt. Er sagt: „Ich glaube, dass wir in der zweiten Hälfte des Jahres viele weitere Suizide sehen werden, die dann aber eher der sehr unsicheren wirtschaftlichen Situation geschuldet sein werden, in die viele jetzt hineinrutschen.“ Und er führt aus: „Wir wissen aus der Forschung, dass wirtschaftliche Krisen psychische Krisen nach sich ziehen — und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Suizide.“

Die Psychologin Prof. Dr. Bettina Hannover von der TU Berlin widerspricht Tsokos zumindest in dem letzten Punkt:  Sie sagt dem KURIER: „Wenn sich jemand während der Pandemie das Leben nimmt, ist davon auszugehen, dass psychologische  Vorerkrankungen vorgelegen haben. Die Situation verbessert sich gerade für die Menschen. Ich glaube nicht, dass wir wegen Corona mehr Suizide haben werden.“ Hannover bittet aber darum, psychische Probleme in der Krise sehr ernst zu nehmen.„ Wenn sie  Suizidgedanken haben, sollten sie es ihrer Umwelt mitteilen. So bekommen sie Hilfe. “