Wenn Oma Ilse Dienstag 101 Jahre alt wird, darf kein Verwandter zu ihr. Keiner darf sie herzen oder ihr gratulieren. Es wird ihr traurigster Geburtstag. Foto: privat

Die Feuerwehr  musste ihr Heim wegen Corona über Nacht räumen. Ilse Eckert (100) wurde in einen Rollstuhl gesetzt und ins Krankenhaus gebracht. Brille und  Rollator vergaß man. Sie ist infiziert und liegt allein in der Klinik. Wenn sie Dienstag 101 Jahre alt wird, darf kein Verwandter zu ihr. Keiner darf sie herzen oder ihr gratulieren. Es wird ihr traurigster Geburtstag.

Ihre Familie hatte erst ein großes Fest geplant und wollte dann trotz Corona im kleinen Kreis feiern. Der Urenkel und die Ururenkel wollten kommen. „Dass unsere Oma  im Krankenhaus liegt, damit hatte keiner gerechnet. Sie wurde positiv getestet, hat aber keine Krankheitssymptome“, sagt Enkelin Katrin Müller (58) verzweifelt. Auch sie selbst musste als Kontaktperson einige Tage in Quarantäne.

Ilse Eckert  hat einen Weltkrieg und eine Flucht aus Schlesien überstanden und immerhin drei Ehemänner überlebt. „Doch die Corona-Pandemie ist für sie schlimmer als der Zweite Weltkrieg. Das hat meine Oma so einer Krankenschwester in der Klinik erzählt“, erzählt Katrin Müller. Sie selbst hat keinen direkten Kontakt zu ihrer Großmutter, darf sie nicht besuchen. Nur das Klinikpersonal kann das Krankenzimmer betreten. Die einzige Kontakt-Möglichkeit ist ein Anruf bei den Ärzten im Krankenhaus Hedwigshöhe  (Treptow-Köpenick).

Zum Geburtstag: Plakat vor Krankenhaus-Fenster

Die Enkelin klagt: „Oma geht es nicht gut. Sie kann ohne Brille nichts sehen, ohne Rollator kann sie sich nicht bewegen. Wir haben Angst, dass sie eher an gebrochenen Herzen stirbt und nicht an Corona. Wir fürchten, dass das ihr letzter Geburtstag wird.“ Ein Arzt habe sie am Telefon gefragt, ob es eine Patientenverfügung für  Oma gebe, sagt Katrin Müller.

Am Dienstag kam Ilse Eckert ins Krankenhaus, nachdem in ihrem Seniorenheim in der Rudolf-Seiffert-Straße (Fennpfuhl) das Virus ausgebrochen war. 28  Bewohner sind an Covid-19 erkrankt, einige schwer. Die Heimleitung steht in der Kritik. Im Fall eines Bewohners ermittelt die Polizei sogar wegen  Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Der Familie von Ilse Eckert bleibt nur eine Hoffnung. „Zum Geburtstag wollen wir uns mit einem  Plakat vor ihr Krankenhaus-Fenster stellen und gratulieren. Das wäre unser größter Wunsch“, sagt Katrin Müller.