Die Erinnerungen verfolgen Dirk-Toralf Bräuer (51) bis heute. Foto: Berliner Zeitung/Thomas Uhlemann

Er meckerte in der Schule über den Sozialismus, unternahm einen Fluchtversuch und bekam dafür die harte Seite der DDR zu spüren. Dirk-Toralf Bräuer (51) wurde in den Jugendwerkhof gesteckt, saß im Stasi-Knast in Rummelsburg. Von dort verlegte man ihn in die Psychiatrie. Bis heute leidet er unter den Spätfolgen, kann nicht arbeiten. Nun fordert er: „Erkennt bitte an, dass der SED-Staat mich krank gemacht hat!“

Dirk-Toralf Bräuer zeigt immer wieder auf sein Knie, das ihm noch heute wehtut. „Es war total geschwollen. Die Gefängniswärter haben auf mich eingeschlagen, weil ich nicht in die Arrestzelle wollte“, sagt er.

Etwa sechs Monate verbringt er als 19-Jähriger im Stasi-Gefängnis in Rummelsburg. Er bekommt Einzelhaft, sitzt in einer dunklen, feuchten Zelle. Der Grund: Anfang 1988 will er in die amerikanische Botschaft der DDR fliehen, um politisches dort Asyl zu finden. Die Flucht in die Freiheit misslingt. Sie misslingt auch deswegen, weil die Stasi und die Volkspolizei Dirk-Toralf Bräuer schon kennen und ihn im Visier haben. Sie verfolgen ihn als Jugendlichen, filmen ihn, als er in die US-Botschaft will (Stasi-Akten liegen dem KURIER vor).

Dirk-Toralf Bräuer mit 17 Jahren. Nicht mal zwei Jahre später muss er ins Stasi-Gefängnis nach Rummelsburg. Foto: BKU

Dirk-Toralf Bräuer unternimmt einen Fluchversuch

Denn schon früh äußert er sich systemkritisch. In der Schule lässt er sich nicht den Mund verbieten. Zu seinem Stiefvater, der sogar bei der Stasi arbeitet, hat er ein schwieriges Verhältnis.

Als 16-Jährigen steckt man Dirk-Toralf Bräuer in den Jugendwerkhof nach Friedrichswerth (Kreis Gotha). Über ein Jahr muss dort er bleiben. „Wir mussten schwere Metallteile schleppen, lange arbeiten und danach in der Landwirtschaft aushelfen“, erzählt er heute. Er sei einfach eine billige Arbeitskraft gewesen, so Dirk-Toralf Bräuer. Nach der Zeit im Jugendwerkhof bezieht er in Berlin eine eigene Wohnung. Er stellt einen Ausreiseantrag und unternimmt den besagten Fluchtversuch.

Schädigungsfolgen: Alpträume, Panikattacken

Aus dem Stasi-Gefängnis Rummelsburg wird Bräuer am 30. Juni 1988 entlassen. „Danach kam ich ins Haus 213 des Klinikums in Berlin-Buch“, erzählt er. Eine Einrichtung für psychisch kranke Straftäter, die eng mit der Stasi zusammenarbeitet. Seinen 20. Geburtstag verbringt er in der Psychiatrie.

In einem Schreiben vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) steht es klar: „Schädigungsfolgen: Alpträume, Panikattacken.“ Sie werden nach dem Rehabilitationsgesetz anerkannt, „weil sie im Zusammenhang mit Ihrer zu Unrecht erlittenen Inhaftierung vom 28.1.1988 bis zu 25. 4. 1989 in der ehemaligen DDR zu sehen sind.“

153 Euro SED-Opferrente pro Monat

Dirk-Toralf Bräuer wird für die Zeit im Stasi-Knast und im Jugendwerkhof entschädigt. Mehrere tausend Euro bekommt er, dazu 153 Euro SED-Opferrente pro Monat.

Geld, das hilft, aber seine Leiden nicht mindert. Die psychischen und körperlichen Spätfolgen beinträchtigen ihn. Bräuer kommt nach der Wende nie richtig auf die Beine, ist lange arbeitslos. Er hat Schmerzen in Beinen und Rücken, kriegt Panikattacken in der Bahn. Er ist zu 80 Prozent schwerbeschädigt und in Frührente.

„Das Lageso sollte auch körperliche Beschwerden als Haftfolgen anerkennen“, sagt er wütend. Erst dann müsste er seine Medikamente nicht selbst bezahlen und hätte Chancen auf eine bessere medizinische Behandlung. „Erkennt bitte an, dass der SED-Staat mich krank gemacht hat!“, fordert er.