Frauen und Kinder haben sich auf dem Gehweg gegenüber dem Brandhaus niedergelassen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Foto: Sabine Gudath

Die über hundert Menschen, die am Donnerstag ihr nach einem Feuer einsturzgefährdetes Haus blitzartig verlassen mussten, standen am Freitag einem überforderten Bezirksamt Neukölln gegenüber: Nach einer Nacht im Hotel Estrel mussten sie am Freitag wieder raus und wussten nicht, wohin. 

Als die Bewohner des Feuerhauses mittags das Hotel Estrel verlassen mussten, waren sie ratlos, wo sie unterkommen könnten. Foto: Sabine Gudath

In der Nacht zu Montag hatten sechs Autos in der offenen Tiefgarage unter dem Eckhaus Jahnstraße 2 / Buschkrugallee 30 in Neukölln gebrannt, sechs Bewohner erlitten Rauchvergiftungen. Am Donnerstag dann stellte ein Statiker Einsturzgefahr fest: Die Betonpfeiler neben den Autos sind nicht mehr tragfähig, weil sie 1000 Grad Hitze ausgesetzt waren. 

Die Hoffassade ist rußgeschwärzt, Stahlstempel stützen das Haus ab. Ein Autowrack steht noch in der Tiefgarage. Foto: Sabine Gudath

Unklar ist, weshalb erst am vierten Tag nach dem Brand ein Statiker erschien – Polizisten wunderten sich, dass die Bewohner tagelang in Lebensgefahr gelassen wurden. Weder Bauamt noch Hausverwaltung waren für eine Stellungnahme zu erreichen. 

Einige der jetzt Obdachlosen kamen nach der schlagartigen Räumung bei Verwandten unter, die Mehrzahl im Hotel. Als sie – aus Kostengründen - wieder rausmussten, gab es unter den ausschließlich arabischen Bewohnern Aufregung, die Polizei war mit mehreren Mannschaftswagen vor Ort. Mitarbeiter des Sozialamts verteilten zwar Telefonnummern von Hostels, damit sich die Familien selber helfen, aber anscheinend nicht an alle.

Der Installateur Mahmoud El-I. (28), der mit sechs Geschwistern und seinen Eltern in einer Wohnung lebt: „Wo sollen wir hin? Mit den Kindern auf der Straße schlafen? 22 Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.“ 

Das Ehepaar Huda (42) und Ammar Al-S. (46) am Estrel. Es konnte nur zwei Beutel mit Kleidung für sich und die sechs Kinder aus dem geräumten Haus mitnehmen. Foto: Sabine Gudath

An die 50 Leute begaben sich zur Jahnstraße, erwarteten Hilfe. Am Nachmittag wurde  bekannt, dass das Sozialamt mithilfe der im Estrel hinterlegten Mobilnummern zu ihnen Kontakt aufnehmen wollte, um sie in Unterkünfte zu vermitteln. Es blieb auch unklar, für wen der Bezirk die „ordnungsrechtliche Unterbringung“ sofort bezahlt und für wen nicht.

Das Haus ist eingezäunt, alle Türen wurden am Nachmittag abgeschlossen. Behelfsmäßig wurde es mit über 100 Stahlstempeln abgestützt. Erst in einigen Wochen könnte es unter Umständen wieder bezogen werden.

Mohamad El-I. (21) hörte nachts Stimmen auf dem Hof – das deutet auf mehrere Täter hin: „Erst brannte ein Auto, binnen Minuten dann alle.“ Foto: Sabine Gudath

Die Polizei geht von Brandstiftung aus, ein Mieter berichtet, er habe jemanden „Lass jetzt und renn!“ rufen gehört. Es gibt die Mutmaßung, dass die Tat einen ausländerfeindlichen Hintergrund hat.  Die Polizei registriert seit Langem eine Zunahme rechts motivierter Brandstiftungen im Bezirk. So wurden mehrfach Anschläge auf Personen oder deren Eigentum verübt, die sich gegen rechte Tendenzen öffentlich ausgesprochen hatten. 

Am Sonnabend konnte  Mohamad El-I. berichten, dass es seiner Familie gelungen war, im 2A-Hostel an der Saalestraße unterzukommen. Offenbar musste auch sonst niemand der Bewohner des Brandhauses auf der Straße übernachten.