Housing First-Mitarbeiter Sven Böwe (li.) hat Sven K. gerade eine neue Wohnung besorgt. Gerd Engelsmann

Ein Zuhause haben und sich dort geschützt und geborgen fühlen. Für viele Menschen ist das selbstverständlich. Für Sven K. (42) nicht. Er verlor mehrmals seine Wohnungen, weil er ins Gefängnis kam. Insgesamt lebte er fünfeinhalb Jahre auf der Straße, weil er mit seiner Vorgeschichte keine Chance mehr auf dem Berliner Wohnungsmarkt hatte. Nun hat er über das Projekt Housing First endlich wieder einen Mietvertrag unterzeichnet.

„Ich habe nie vergessen, was der Satz ,Ich gehe nach Hause!’ für eine große Bedeutung hat“, sagt Sven K. Es gab  Zeiten, da war sein einziger Rückzugsort eine Parkbank oder ein zugiger U-Bahnhof. Die Blicke der Menschen, die an ihm vorüber liefen, als er am Boden lag, haben sich fest eingebrannt in seinen Kopf. „Wie sie einen ansehen, wenn man auf der Straße liegt, das ist schon abwertend und macht was mit einem.“

Sein  Schicksal meinte es schon früh nicht gut mit ihm. Mit 12 Jahren kam er in ein Kinderheim. „Ich blieb nach der Trennung meiner Eltern bei meinem Vater. Aber er war nicht in der Lage, mich zu erziehen. Ich war ihm wohl zu aufmüpfig und hatte zu viele Widerworte“, sagt er heute. Bereits ein Jahr später erste Drogenerfahrungen. „Ich kam über andere Kinder im Heim an LSD und probierte es aus.“ Sven K. begann zusätzlich, sich mit Alkohol zu betäuben.

Zu seinen vier Kindern hat er bis heute keinen Kontakt

Im Rausch ließ sich seine Sehnsucht nach Liebe besser aushalten. Mit 21 erlebte er erstmals tiefe Gefühle für eine Frau. Er verliebte sich und wurde zum ersten Mal Vater. Doch die Beziehung zerbrach ein Jahr später schon wieder. Durch die Wirkung des Alkohols habe er seine Emotionen nicht mehr im Griff gehabt und sei gewalttätig geworden. Sven K. blieb ein Immer-wieder-Scheiternder, ein Suchender nach der vermeintlich heilen Welt. Doch vieles, was er versuchte, setzte er gleich wieder in den Sand.  Er bekam drei weitere Kinder – von  drei verschiedenen Frauen. Seine Erklärung klingt ein wenig zu einfach: „Ich wünschte mir so sehr eine Familie, dass ich permanent auf die falschen Frauen reinfiel“, erklärt er sein Dasein nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip.

Zu seinen vier Kindern hat er bis heute keinen Kontakt. Drei von ihnen erlebten dasselbe wie ihr Vater und wachsen, getrennt von den leiblichen Eltern, in Pflegeeinrichtungen auf. „Ich würde meine Kinder gern wieder sehen, aber habe Angst, dass ich wieder abstürzen könnte. Das möchte ich ihnen nicht antun“, sagt er leise. Wegen diverser Körperverletzungsdelikte saß Sven K. insgesamt fünfeinhalb Jahre im Gefängnis. Zuletzt 2018 in der JVA Plötzensee, weil er einen Nebenbuhler in einer Kneipe krankenhausreif prügelte. Wieder die Emotionen, die er immer noch nicht im Griff hat.  

Heute lebt er allein in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Hohenschönhausen, die ihm das Obdachlosenprojekt Housing First vor einem Dreivierteljahr vermittelte. Alkohol braucht er noch immer, trotz mehrerer Entzüge. „Ich trinke jetzt aber kontrollierter. Ganz aufhören schaffe ich nicht“, sagt er. Vor allem in Situationen, die Aufregung und Stress in ihm auslösten, verlange er nach Alkohol. Auch an diesem Morgen, als er sich mit den Reportern trifft, habe er zwei Bier getrunken. „Ich habe mir Mut angetrunken“, sagt Sven K.. Der Alkohol, das Problem, das Sven noch in den Griff bekommen muss, damit er nicht wieder abrutscht.

Sven K. sitzt auf 108.000 Euro Schulden und hat Privatinsolvenz angemeldet

Housing First-Mitarbeiter Sebastian Böwe weiß, wie schwierig es ist, sich aus einer Lebenskrise zu befreien. „Wir müssen diese Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Sie sind auf der Straße, weil sie Probleme haben, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen.“  Sven K. sitzt zudem auf 108.000 Euro Schulden und hat Privatinsolvenz angemeldet. Er verlor nicht nur Wohnungen, sondern auch Jobs. „Immer wenn mir langweilig wurde, habe ich alles hingeschmissen“, sagt er.

K. hat schon als Tankwart, Bürokaufmann, Lagerarbeiter und Bauarbeiter gejobbt. Seit kurzem arbeitet er fünf Tage die Woche ehrenamtlich in einem Obdachlosenprojekt. Er hofft: „Die Arbeit gibt mir eine Struktur und hilft mir, meine Sucht besser in den Griff zu bekommen.“  

„Die Erfahrung hat gezeigt, wenn obdachlose Menschen wieder eine Wohnung haben, können sie auch die anderen Baustellen angehen“, sagt Sebastian Böwe. Sven K. will noch einmal von vorn beginnen. Er will sich an diesem Nachmittag ein Tattoo übermalen lassen, dass ihn an „frühere Dummheiten“ erinnert. Wieder ein Stück Vergangenheit, das er loslässt. Er sagt: „Mein neues Zuhause ist ein Geschenk und gibt mir die Kraft, mein Leben noch einmal zu ändern.“ Auf die Straße wolle er nie wieder zurück. Auf gar keinen Fall.