Oskar (9 Monate) wurde mit einer Gaumenspalte geboren. Coronabedingt wurde seine OP verschoben, die Eltern wissen, dass das Oskars Entwicklung negativ beeinflusst. Trinken funktioniert nur im Liegen, damit die Milch an die richtige Stelle fließt. Foto: Gudath

Wenn der kleine Oskar trinkt, dann muss er auf dem Rücken liegen. Denn der 9 Monate alte Sohn von Sinje Ewert und Radoslaw Cichy wurde mit einer Gaumenspalte geboren. Dieser etwa drei Zentimeter große Schlitz im Gaumen führt dazu, dass er keinen Unterdruck bilden kann und deshalb nicht wie andere Kinder saugen kann. 

Eigentlich sollte sich das schon lange erledigt haben: Sechs Monate lang fieberte Oskars Familie auf den 30. März hin. An diesem Tag, einem Montag, sollte Oskar operiert werden. In einem fünfstündigen Eingriff sollte nicht nur der Gaumen verschlossen, sondern auch ein Trommelfellschnitt ausgeführt werden. Denn wie viele andere Kinder mit einer Gaumenspalte, wurde auch Oskar zusätzlich mit einem Paukenerguss geboren. „Das führt dazu, dass Oskar ungefähr so gut hört, wie wenn wir mit dem Kopf unter Wasser tauchen“, erklärt seine Mama. Nach der Operation wäre so sein Hörvermögen wieder hergestellt. Das ist wichtig, damit Oskar Sprechen lernen kann.

Doch eine knappe Woche vor dem angesetzten OP-Termin kam der Lockdown und die Maßgabe des Senats an alle Krankenhäuser, Betten für Corona-Patienten freizuhalten. Durchgeführt wurden nur jene Eingriffe, die als medizinisch notwendig eingestuft wurden. Zwar habe in Oskars Fall die behandelnde Ärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Charité in einem internen Brief an die Leitung der Charité zur Operation geraten, erzählen die Eltern, die Operation fand aber trotzdem nicht statt. Anders als beispielsweise in Köln, sagt Dr. Bert Braumann. Der Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie der Uniklinik Köln sitzt im Vorstand des interdisziplinären Arbeitskreises Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Zwar gebe es ein längeres Zeitfenster für die Operation, dennoch seien an seiner Klinik in Köln trotz Corona-Pandemie weiterhin alle Fälle operiert worden, sagt Braumann. 

Während es üblich sei, die Gaumenspalte bis zum Alter von eineinhalb Jahren operativ zu verschließen, solle jedoch der Trommelfellschnitt so schnell wie möglich erfolgen, sagt Braumann. Der Grund dafür sei nicht unbedingt der Spracherwerb, sondern die Gefahr einer akuten Entzündung im Ohr, der man mit dem Schnitt vorbeugen wolle.

In einem offenen Brief an die Charité, die Senatorin für Gesundheit, Dilek Kalayci, und die Berliner Krankenhausgesellschaft appellierten Oskars Eltern, Sinje Ewert und Radoslaw Cichy, deshalb, dass auch in Zeiten von Corona die Kleinsten nicht vergessen werden sollten. Eine Antwort erhielten Sie lediglich von der Krankenhausgesellschaft. Erst nachdem der KURIER bei der Charité nachfragte, antwortete auch diese der Familie.

Inzwischen steht auch ein neuer Termin fest. Ende Juli soll Oskar endlich operiert werden. Doch die Familie des kleinen Oskars, der munter vor sich hinkreischt und auch mal Playmobil-Steine in seinem Mund verschwinden lässt, bangt weiterhin. Denn wenn jetzt eine zweite Welle kommt, befürchten Sie, dass auch dieser Termin platzt.

„Wir machen uns Sorgen, aber es ist eine Situation, die nicht in unserer Hand ist. Wir haben alles versucht, damit bald etwas passiert, mehr können wir nicht tun“, sagt Sinje Ewert. Sie ist sauer, wenn sie sieht, dass die Menschen sich nicht an die Schutzmaßnahmen halten. „Die Leute sollen sich zusammenreißen und die Kleinsten sollen nicht vergessen werden.“