Ulrike Feldhoff ist ehrenamtliche Seelsorgerin am Telefon.  Foto: Volkmar Otto 

„Wenn alles zu viel wird: Wir hören zu“, steht auf der Anzeige im Bushäuschen vor der Marienkirche. Zu viel Angst, zu viel Verunsicherung und zu wenig Kontakt, zu wenig Vertrauen – je länger die Corona-Krise andauert, desto dramatischer werden die Sorgen und Ängste der Menschen. Die Kirchen bieten seit Beginn der Pandemie ein gemeinsames Corona-Seelsorgetelefon an. Mit einer Plakat-Kampagne wollen sie es jetzt noch bekannter machen.

70 ausgebildete Mitarbeiter sind jeden Tag von 8 bis 24 Uhr kostenlos am Telefon zu erreichen. Bisher gingen 1500 Anrufe ein. „Menschen aus allen Altersgruppen rufen an“, sagt Gerlind Vespermann, die schon lange Menschen am Telefon betreut. „Junge Frauen, alleinerziehend mit Existenzängsten. Ältere Menschen, die seit Monaten im Pflegeheim keinen Besuch bekommen.“

Einmal rief sie ein junger Mann von seinem Balkon im siebten Stock an, im Lockdown hatte sich seine Freundin von ihm getrennt, er wolle nun springen. Vespermann konnte den jungen Mann überzeugen, den Balkon zu verlassen und sich stattdessen auf eine Parkbank zu setzen.

Von tiefer Depression, die manche Menschen angesichts der Ungewissheit befällt, berichtet Notfallseelsorgerin Uta Bolze. Von Familien, die getrennt sind und viel zu lange nicht zueinander konnten. Ein Anruf geht ihr noch immer nicht aus dem Kopf. Der Partner einer Anruferin hatte schon seit längerem psychische Probleme. Die Frau konnte wegen des Lockdowns nicht zu ihm zu fahren. Er nahm sich das Leben. Wie nun umgehen mit der Schuld, die doch keine ist?

Uta Bolze ist Notfallseelsorgerin und engagiert sich während der Pandemie am Corona-Seelsorgetelefon.  Foto: Volkmar Otto 

Nie geht es bei den Anrufen um eine sachliche Auskunft. Es geht darum zuzuhören. Lösungen präsentieren will keiner der sorgfältig geschulten Seelsorger. „Wir schauen eher gemeinsam, wo Ressourcen sind, welche Hilfen man im Umfeld mobilisieren kann“, sagt Uta Bolze. „Es ist wichtig, die Anliegen der Menschen nicht zu bagatellisieren“, sagt Ulrike Feldthoff, die sich seit 20 Jahren in der Telefonseelsorge engagiert. Die alte Dame im Seniorenheim, die nicht sterben will, bevor sie ihre Familie noch einmal gesehen hat. Der behinderte junge Mann, der nicht in seine Werkstatt darf und es nicht versteht, wieso seine Struktur so brutal und ersatzlos zerstört ist. Die Frau, die mit ernster Diagnose entscheiden muss, ob sie sich ins Krankenhaus trauen soll. Sie alle brauchten in den letzten Wochen jemanden, der zuhört. „Wir sind das Auffangbecken für alle, die durch die Raster fallen. Die Angst haben, andere zu nerven mit ihren Ängsten“, sagt Ulrike Feldthoff. Auch für die, die zunehmend wütend sind, auf die Maskenverweigerer, die Rücksichtslosen, die, für die die Krise bereits Vergangenheit ist. „Es ist nicht vorbei“, sagt Ulrike Feldthoff. Und: „Wir hören weiter zu.“ Die kostenlose Nummer lautet Tel. 030/ 403 665 885

Erzbischof Dr. Heiner Koch bei der Vorstellung der neuen Plakate.  Foto: Volkmar Otto