Gedanken um seinen Arbeitsplatz macht sich auch Busfahrer Waldemar Kuter, der schon in Kurzarbeit ist. „Wenn das Unternehmen nicht bald neue Aufträge bekommt,  sehe ich die Gefahr, dass ich meinen Job verlieren“, sagt er.  Foto: Otto

Die ersten Museen haben seit Montag geöffnet, nun soll auch die Gastronomie folgen. Doch die Freude darüber, dass wieder etwas mehr Normalität in die Stadt zurückkehrt, wird getrübt. Geschätzt Tausende der etwa 1,5 Millionen in Firmen angestellten Berliner müssen um ihren Arbeitsplatz bangen. Denn die Unternehmen in der Hauptstadt werden trotz Lockerungen noch Monate mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu kämpfen haben.

Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK), in der knapp 300.000 Berliner Gewerbetreibende Mitglied sind, macht es deutlich. Danach befürchtet fast jeder zweite Betrieb, künftig Stellen abbauen zu müssen.   Die Anfänge sind schon zu spüren.

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Im März und April meldeten 32.000 Firmen für ihre Angestellten Kurzarbeit an. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 32 Betriebe. Im vergangenem Monat verloren insgesamt 182618 Berliner ihren Job, die vor allem im Gastgewerbe- und Dienstleistungsbereich arbeiteten. Das waren 33 804 mehr als im April 2019.

Diesen Anstieg um 1,6 Prozent rechnen Experten des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Corona-Krise an. Der Berliner Anstieg ist bundesweit am höchsten. Durch die Folgen würden Ende 2020 im Schnitt eine halbe Million mehr Jobs in Deutschland wegfallen als im Vorjahr. „Für Berlin kann man noch keine Zahlen nennen, da nicht klar ist, wie viele Firmen die Durststrecke überleben werden“, sagt Doris Wiethölter vom IAB.

Wirtschaftsleistung bis zu 12 Prozent eingebrochen

IHK-Präsidentin Beatrice Kramm erklärt, dass durch die Corona-Krise viele Berliner Unternehmen „in eine existenzbedrohende Situation gekommen sind“. „Selbst in unseren zuversichtlichsten Prognosen gehen wir von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von bis zu zwölf Prozent aus“, sagt sie dem Berliner KURIER. Auch bei Lockerungen würden vor allem Branchen wie Tourismus, Gastgewerbe und Veranstalter noch lange unter den Corona-Folgen zu leiden haben, so die IHK-Chefin.

So auch die Merlin-Entertainments Berlin, die in der Stadt fünf Freizeitattraktionen betreiben. Dazu gehören die Berlin-Schau „Little Big City“, das „Sea Life“ und die Wachsfiguren-Ausstellung „Madame Tussauds“. „Obwohl Museen wieder öffnen dürfen, wir genauso Schutzmaßnahmen für Besucher getroffen haben, müssen unsere Einrichtungen weiter geschlossen bleiben“, sagt Merlin-Sprecher Ulf Tiedemann.

Für eine Öffnung fehlen die rechtlichen Grundlagen seitens der Politik. „Unsere Einnahmeverluste gehen in Millionenhöhe“, sagt der Sprecher. „Fast alle 300 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Wir hoffen, dass es zu keinen Entlassungen kommt. Denn auch bei einer künftigen Öffnung werden wir die Corona-Auswirkungen noch bis Ende des kommenden Jahres spüren“, sagt Tiedemann.

Die Touristen fehlen

Selbst wenn das „Sea Life“ oder das „Little Big City“ wieder öffnen, würden die Besuchermassen ausbleiben, die nötig sind, das Geschäft wieder zum Laufen zu bringen. Es fehlen vor allem die ausländischen Touristen, die wegen der Krise nicht nach Berlin kommen. Das trifft auch Dienstleistungsunternehmen hart. Dazu zählt etwa die Firma „Bus-Art-Tours“, die hauptsächlich vom Tourismus lebt.

 „Wir waren bis vor der Krise 33 Jahre lang ein völlig gesundes Unternehmen“, sagt Geschäftsführer Thomas Schlüter. „Wir haben 20 Fernreise- und Fernlinienbusse, einige fahren im Auftrag für Flixbus, die anderen können von Gruppen und Reiseveranstaltern aller Art gemietet werden.“ Doch nun stehen die Busse auf dem Hof. Relativ neue, für die Schlüter monatlich Kreditraten von 75.000 Euro zahlen muss. Einnahmen kommen nicht rein. „Stattdessen telefoniere ich mit Kunden, die für den Sommer und Herbst ihre Buchungen stornieren.“

Seine 70 Mitarbeiter hat er in  Kurzarbeit geschickt. Wie Busfahrer Waldemar Kuter. „Wenn wir nicht bald neue Aufträge bekommen, sehe ich die Gefahr, dass ich meinen Job verlieren“, sagt er. Auch die 90.000 Angestellten der Berliner Hotel- und Gastrobranche müssen um ihre Jobs bangen. „Dazu kommen noch 160.000 Angestellte in angeschlossenen Unternehmen – vom Bio-Bauern bis hin zu Reinigungsfirmen“, sagt Thomas Lengfelder, Chef des Berliner Gastro- und Hotelverbandes Dehoga. Ein Viertel aller Beschäftigten ist in Kurzarbeit.

Hälfte aller 21000 Einzelhandelsläden akut in ihrer Existenz bedroht

Und die Lage dürfte sich nicht verbessern. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, wenn wir morgen Lokale wieder öffnen, dass dann gleich alle Läden wieder voll sind“, so Lengfelder. Das Hauptgeschäft seien nun einmal die Touristen.

Da diese nicht kommen,  hat das auch Folgen für den Einzelhandel, der etwa 100.000 Menschen Arbeit gibt. Mit Ausnahme von Supermärkten und Lebensmittelgeschäften müssten etwa Mode- oder Sportläden ums Überleben kämpfen.

Nicht nur Touris fehlen als Kunden. „Auch Berliner, von denen viele in Kurzarbeit sind, werden nun genauer aufs Geld schauen, bevor sie es ausgeben“, sagt Einzelhandelsverbandschef Nils Busch-Petersen. „Die Hälfte aller 21000 Einzelhandelsläden ist akut in ihrer Existenz bedroht.“ Die Jobs der Verkäufer sind damit auch in Gefahr.