Altenpfleger René A. wartet auf dem Sozialamt. Er findet keine bezahlbare Wohnung in Berlin und lebt seit mehr als zwei Jahren auf der Couch bei Freunden und Familie. Foto: Gerd Engelsmann

Seit mehr als zwei Jahren zieht René A. jede Nacht von Couch zu Couch. Der 49-jährige Altenpfleger findet keine bezahlbare Wohnung in Berlin und ist abwechselnd auf einen Schlafplatz bei seiner Mutter und Freunden angewiesen. Mittlerweile ist er so verzweifelt, dass er sich an den Berliner KURIER gewandt hat, um die hoffnungslose Geschichte eines Wohnungslosen in der Hauptstadt zu erzählen.

Jetzt auch lesen: Ärger bei der Fahrkartenkontrolle in Berliner S-Bahn – „Ich fühle mich abgezockt“

„Auf einmal stehst du da und weißt nicht mehr wohin“, sagt René A. Sein Schicksal kann auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt jeden Tag jeden treffen. Auslöser bei dem Vater einer kleinen Tochter war eine Trennung von seiner Lebensgefährtin, die ihn unvorbereitet traf. „Meine Freundin und Mutter meines Kindes hatte sich Hals über Kopf in ihren Arbeitskollegen verliebt und zog überraschend mit unserer Tochter zu ihm.“

Bis zu diesem Zeitpunkt schien die Welt noch in Ordnung. Das Paar hatte sich 2010 kennengelernt und als 2013 das erste Kind geboren wurde, mietete es gemeinsam eine Dreizimmerwohnung in Karlshorst an. „Ich hatte eine tolle Familie und einen Job, der mir Spaß macht. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Welt von heute auf morgen aus den Fugen geraten könnte“, so René A. Nachdem seine Freundin ausgezogen war, habe er die Dreizimmerwohnung nicht mehr von seinem Gehalt finanzieren können und am 1. Dezember 2018 gekündigt.

Altenpfleger-Gehalt zu niedrig, um sich gegen andere Mietinteressenten durchzusetzen

Seitdem sitzt der Vater auf der Straße, weil er keine bezahlbare Wohnung findet. „Es kann doch nicht sein, dass man in Deutschland arbeitet und Steuern zahlt, aber keine Wohnung findet. Mir würde eine kleine Einzimmerwohnung vollkommen ausreichen“, sagt er. Aber er bekomme keine einzige angeboten. Dabei habe er eine einwandfreie Schufa, wie er betont. René A. arbeitet als Altenpfleger und erhält ein regelmäßiges Einkommen von 1.800 Euro netto im Monat. Zu wenig, um sich gegenüber der zahlreichen Konkurrenz unter den potenziellen Mietern durchzusetzen.

René A. bewirbt sich Woche für Woche vergeblich auf ein Dutzend Wohnungen. Dennoch bekäme er auf Inserate, auf die er sich bewerbe, oft noch nicht mal eine Antwort, geschweige denn einen Besichtigungstermin. „Und wenn ich einmal Glück habe und eingeladen werde, sind neben mir noch ganz viele andere an der Wohnung interessiert.“ Die Corona-Krise hat sein Problem nun noch verstärkt, weil viele Wohnungsbesichtigungen momentan gar nicht stattfinden können. Bei den Wohnungsbaugenossenschaften habe er es auch probiert, aber die Warteliste sei so lang, dass er gar nicht an zeitnahe Angebote herankäme.

Sozialamt bot ihm Mehrbettzimmer in Obdachlosenheim für 25 Euro die Nacht an

Ohne die Unterstützung von Freunden und Familie hätte René A. auf der Straße gestanden. Sie bieten ihm seit Dezember 2018 Unterschlupf in ihren Wohnungen an. Ab und zu dürfe er auch an seiner Arbeitsstätte übernachten. „Ich bin sehr froh und dankbar darüber. Trotzdem ist die Situation sehr belastend, weil ich keinen eigenen Rückzugsort habe“, sagt er. Sein Job als Altenpfleger sei sehr fordernd und die Wohnungsnot raube ihm noch zusätzlich Kraft. Hinzu käme, dass seine eigene Tochter nicht bei ihm übernachten könne. Darunter leide er sehr. 

Foto:  Privat
2013 war die Welt noch in Ordnung: René A. kurz nach der Geburt seiner Tochter mit seiner Freundin.

Aus Hilflosigkeit hat er sich auch ans Sozialamt in Lichtenberg gewandt und um Hilfe gebeten. „Mir wurde ein Mehrbettzimmer in einem Obdachlosenheim angeboten, für das ich 25 Euro die Nacht zahlen soll, weil ich berufstätig bin“, sagt er. Für René A. ist das keine Lösung, schon gar nicht in Corona-Zeiten, wie er sagt: „Wenn ich weiter in meinem Job in der Pflege voll einsatzfähig bleiben will, brauche ich Raum für mich. So schaffe ich das nicht weiter.“ Ein weiteres Problem: Da René A. knapp über der Einkommensgrenze für einen Wohnberechtigungsschein liegt, kann er keinen staatlich geförderten Wohnraum in Anspruch nehmen.

René A. ist kein Einzelschicksal. In Berlin sind derzeit rund 37.000 Menschen wohnungslos und leben in Notunterkünften der Stadt. Die Dunkelziffer ist meist höher, da viele bei Freunden und Verwandten unterkommen. „Es ist genau die Situation, die wir seit Jahren beklagen. Es gibt zu wenig bezahlbare Kleinwohnungen in den Metropolen“, sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin des Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. Der wesentliche Auslöser für Wohnungslosigkeit sei wie in diesem Fall eine Trennung. 

Der KURIER fragte auch beim zuständigen Bezirksamt Lichtenberg nach. Wie kann Wohnungslosen geholfen werden? „Als Bezirk versuchen wir, Personen wie Herrn A. auf unterschiedliche Weise zu unterstützen. Dazu gehört natürlich zuerst, viel neuen Wohnraum zu schaffen und verträglich zu bauen. Wir unterstützen außerdem die Mieter- und Sozialberatungen, um Wohnungsverlust möglichst abwenden zu können“, teilt Sozialstadtrat Kevin Hönicke (SPD) mit. „Und zuletzt bringt unser Amt für Soziales Personen unter, wenn sie akut von Obdachlosigkeit bedroht sind.“ Die Senatsverwaltung prüfe in diesem Fall, ob ein Hygienekonzept vorliege. Für das im Fall von René A. angebotene Drei-Bett-Zimmer hieße das, „dass wir davon ausgehen müssen, dass es entweder groß genug ist, oder dass nicht alle Betten belegt sind.“