Diese XXL-Familie aus Marzahn hat mit der Kontaktsperre besonders zu kämpfen Foto: Gerd Engelsmann

Das Kontaktverbot bringt diese XXL-Familie zur Verzweiflung: Kathrin Theissen (42), Ehemann Silvio (38) und ihre zehn Kinder wagen sich nicht mehr gemeinsam aus dem Haus. Ihr Problem: Sie werden auf der Straße für eine Gruppe gehalten und müssen sich permanent rechtfertigen.

Wir sind als Großfamilie in diesen Tagen allein und verlassen. Wir wissen nicht, wie wir das noch weiter durchstehen sollen“, sagt Kathrin Theissen. Wir, das sind die Mitglieder einer XXL-Familie: Die Eltern Kathrin und Silvio mit ihren Kindern Michelle (15), Florian (14), John (13), Dominik (9), Lucas (8), Alexander (7), Philipp (6), Pascal (5), Niklas (4) und Sarafina (2). Sie stehen während der Virus-Krise vor enormen Herausforderungen.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise im Newsblog >>

Ihr Ärger beginnt schon, wenn sie zu zwölft ihre Sieben-Raum-Wohnung (190 Quadratmeter) verlassen, um „einmal um den Block“ zu gehen. „Wir werden von der Polizei und vom Ordnungsamt sofort angehalten und müssen zurück in die Wohnung, weil wir zu viele sind“, sagt Kathrin Theissen. Die Polizei Berlin selbst wollte sich auf Anfrage des KURIER „zum Einzelfall“ nicht äußern, nur soviel: „Wir müssen als Polizei dafür sorgen, dass die Verordnung eingehalten wird“, sagt eine Sprecherin. Grundsätzlich dürften Großfamilien aber gemeinsam rausgehen, um sich zu bewegen.

Vater Silvio geht jetzt mit weniger Kindern raus. Foto: Engelsmann


Kathrin Theissen ist sauer, dass sie von den Beamten gar nicht erst angehört werde, wenn sie erklären will, dass hier eine Familie unterwegs sei. Nimmt man die Verordnung, in der das derzeitige Kontaktverbot von Bund und Ländern geregelt wurde, genau, dürfen die Theissens zusammen spazieren gehen. „Mein Mann und ich gehen jetzt abwechselnd, teilen uns die Kinder auf, aber das ist doch kein Dauerzustand.“

Vater Silvio, gelernter Garten- und Landschaftsbauer muss in zwei Wochen wieder zur Arbeit. Er hat extra Urlaub genommen, um seiner Frau in dieser schweren Zeit zu helfen. Normalerweise gehen die Kinder tagsüber in die Kita und Schule und mehrmals in der Woche unterstützen zwei Familienhelferinnen die Mutter. Doch auch die hätten sich die vergangenen Tage nur telefonisch gemeldet. „Ich weiß nicht, wie ich den Alltag allein schaffen soll“, klagt Mutter Kathrin.

Einkauf ist eine logistische Herausforderung

Großeinkauf, Wäsche machen, Essen kochen, Kinder beschulen und beschäftigen – kein Kinderspiel für eine XXL-Familie. „Ich bemale Ostereier, backe mit den Kindern, baue ihnen Höhlen. Langsam gehen mir die Ideen aus“, sagt sie. Wenn die Kleinen Mittagsschlaf machten, lerne sie mit den Großen für die Schule. Mehrmals am Tag räume sie
zwischendurch die Waschmaschine aus, die im Dauerbetrieb sei.

Selbst der Einkauf ist eine logistische Herausforderung, in diesen Tagen umso mehr. „Wir müssen immer mehrere Supermärkte abfahren, weil wir in diesen Mengen nicht alles kriegen.“ Acht Brote, zwölf Pakete Aufschnitt, drei Packungen Klopapier, zwölf Liter Milch sorgen in Corona-Zeiten für böse Blicke an der Kasse. „Die Leute denken gleich, dass wir hamstern“, sagt Kathrin Theissen.

Nun ist auch noch der Familien-Bus, ein VW T4, kaputt gegangen. „Die Reparatur soll 2600Euro kosten. Ich
weiß nicht, wie wir das zahlen sollen“, so die Mutter. Sie ist froh, dass sie Unterstützung von der Hilfseinrichtung „Die Arche“ erhält, die sie mit Lebensmittelspenden versorgt. Theissen wünscht sich gerade jetzt mehr Mitgefühl. Sie sagt: „Bevor wir über andere urteilen, können wir lieber mal nachfragen, in welcher Not sie stecken.“