Die beiden so unterschiedlichen Legenden Marianne Rosenberg (l.) und Nina Hagen sind beide Kult. imago (Montage)

Marianne Rosenberg, die Schlager -Queen

Ihre Hits „Marleen“, „Er gehört zu mir“ oder „Lieder der Nacht“ sind Kult. Auch wer nicht auf Schlager steht, kennt die  Songs von Marianne Rosenberg. Sie ist ein Teen, als sie in den 70ern zur Schlager-Queen wird. Seit 50 Jahren steht die Berlinerin  auf der Bühne, gehört zu den erfolgreichsten Sängerinnen des Landes, die auch mit Jazz, Chansons und Elektro-Pop überzeugen kann. Rosenberg ist eine Legende, die gestern ihren 65. Geburtstag feierte. Ihre Party steigt im Kreuzberger Klub Lido, in dem  sonst eher rockige Töne als Schlager erklingen. Fans sind da, jubeln, als  Rosenberg erscheint. Lange, schwarze Haare, der typisch knallrot geschminkte Mund, dunkler Anzug: So steht sie auf der Bühne, bekommt zahlreiche Blumensträuße von Freunden, Fans – und vom KURIER-Reporter.

Dann legt sie los: mit dem Song „Mein Freund“ von ihrem neuen Album „Im Namen der Liebe“. Es ist das insgesamt 22. und das erste nach zehn Jahren Plattenpause. „Mit dem Album habe ich mir ein Geburtstagsgeschenk gemacht“, sagt Rosenberg. Zwei Jahre hat sie daran mit Hilfe ihres Sohnes Max gearbeitet. Songs entstanden, die wieder von der Liebe erzählen, die fast wie ihre Schlager von einst klingen, nur jetzt viel poppiger sind. Im legendären Hansa-Studio (David Bowie, U2, Depeche Mode) fanden die Aufnahmen statt. „Für mich war es, als komme ich nach Hause.“  Mit 14 steht sie 1969 erstmals in dem Studio, singt den Song „Mr. Paul McCartney“. Es ist der Preis eines Gesangswettbewerbes, den Rosenberg    gewonnen hat. Ein Auftritt in der ZDF-Hitparade macht sie dann über Nacht zum Star. Hit auf Hit folgen. Rosenbergs glockenhelle Stimme verzaubert alle.

Sie ist nicht nur im Westen, auch im Osten ein Star, tritt in der DDR in der TV-Show „Ein Kessel Buntes auf“, singt in einer Friedrichstadt-Palast-Revue. Auf der Geburtstagsparty dankt die Sängerin dem Mann, der ihr den Weg zum Erfolg ebnete: ihrem Vater Otto Rosenberg, Auschwitz-Überlebender und langjähriges Vorstandsmitglied im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Er fördert das Talent der Tochter, lässt sie schon im Alter von fünf Jahren in Kneipen singen. „Mein Vater hat gesagt: Toll, wenn du eines Tages eine große Künstlerin wirst. Sing mit dem Herzen, dann schaffst du es.“

Ende der 70er-Jahre hat Rosenberg genug vom Schlager, will neue Wege gehen. Rio Reiser (starb 1996) ist der Mann, der ihr dabei hilft und in den sie sich verliebt. Aus der Liebe wird nichts, da Reiser auf Männer steht. Aber Rosenberg und er werden Freunde. „Dank ihm begann ich, meine Lieder selber zu schreiben.“ Rosenberg setzt sich offen gegen die Diskriminierung von Menschen ein. Das macht sie zur Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung, die ihre Songs feiert.   Nun ist Rosenberg 65. Kein Problem, sie ist ja nicht die einzige. Und daher richtet Marianne Rosenberg über den KURIER Glückwünsche an Nina Hagen aus, die heute 65 wird. „Liebe Nina, sei stolz auf deinen Weg. Du hast in unserem Land einen eigenen Sound kreiert. Ein Platz in der Hall of Fame ist dir ganz sicher!“

Nina Hagen: Berlins schrille Punk-Mutter

Aus heutiger Sicht ist die Szene harmlos – doch Nina Hagen katapultierte sich damit 1979 direkt ins Wohnzimmer schockierter Spießbürger. „Frauenorgasmen sind so wichtig“, sagt die damals 23-Jährige in der TV-Sendung „Club 2“, und dann zeigt sie es allen genau: „Frauen müssen sich anfassen! Nämlich da!“ Hagens Zeigefinger liegt auf ihrer Klitoris. Dass die Sängerin dabei eine Hose trägt, tut dem Skandal keinen Abbruch. Ihr Leben wird unberechenbar bleiben. Heute wird die „Godmother of Punk“ 65.

Die in Ost-Berlin geborene Tochter der in der DDR gefeierten Brecht-Akteurin Eva-Maria Hagen wollte eigentlich auch Schauspielerin werden. Allerdings ist Mutter Hagen zu dem Zeitpunkt mit Regimekritiker und Ziehvater Wolf Biermann liiert. Das macht die Tochter aus Stasi-Sicht politisch unzuverlässig. Hagen wird Schlagersängerin, produziert Ohrwürmer wie „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach der Ausbürgerung Biermanns geht auch sie 1976 in den Westen. Das erste Album der Nina Hagen Band von 1978 ist heute Musikgeschichte. Songs wie „Auf’m Bahnhof Zoo“, „Rangehn“ oder „Unbeschreiblich weiblich“ bekennen sich offensiv zu sexueller weiblicher Selbstbestimmung. Hagen legte damit einen Grundstein für New Wave in Deutschland, was dann als Neue Deutsche Welle zunehmend Pop-Charakter annahm.

Das zweite Album mit dem vielsagenden Titel „Unbehagen“ wird separat von Musikern und Sängerin eingespielt, anschließend trennen sich die Wege. Die nächste Band heißt The No Problem Orchestra. Hagens Stil mag schrill erscheinen, vor allem ist er radikal. Sie setzt sich scheinbar keine Grenzen und probiert Dinge aus. Ihr Spiel zwischen Kunstfigur und Realität erinnert an David Bowie. Auch wenn sie vor einiger Zeit versicherte, „es ist ja nicht so, dass ich jedesmal in den Farbeimer gefallen bin, wenn ich auf der Bühne stehe!“ Ihre Stimme spannt sich zwischen furchterregenden Tiefen und anstrengenden Höhen. Sie nutzt alles, was die Bezeichnung Ton rechtfertigt. Gluckst, reibt, röhrt, kratzt, gackert, hechelt, überschlägt sich.

Ihr Leben in verschiedenen Ländern bringt zahlreiche Partner und Projekte mit sich. Musikalisch ist sie sehr produktiv, nimmt enorm viele Alben auf, variiert ihre Songs. Zum Geburtstag wirft sie einen Blick zurück, vor wenigen Tagen kam das Album „Was denn...?“ mit Liedern aus der DDR-Zeit raus. Kooperationen mit zahlreichen bekannten Musikern markieren Hagens Laufbahn. Sie singt Brecht genauso wie Oper, mixt Punk und Pop, greift Gospel auf, fällt in den Schlager zurück, spielt „Eisern Union“ für den Fußballclub 1. FC Union Berlin ein. Fernsehauftritte bergen stets Aufregungspotenzial. Hagen wird nicht berechenbar. Auch dem Film bleibt sie treu, schon zu DDR-Zeiten war sie in vielen Produktionen zu sehen.

„Es gibt halt Regisseure, die Frauen in fortgeschrittenem Alter sehr schön finden.“ Gleichzeitig engagiert sie sich in sozialen Projekten. „Wir sollten uns dafür einsetzen, dass der Raubtierkapitalismus heute nicht überall das Sagen hat.“ Auch Übersinnliches begleitet sie über die Jahrzehnte. Ashram in Indien, Eingebungen, Sichtung eines UFOs. Ihre Tochter nennt sie Cosma Shiva. Die ist als Schauspielerin erfolgreich, was die Hagens zur Künstlerinnen-Dynastie macht. Sie habe „versucht, auch andere Religionen zu verstehen“, sagt Nina Hagen einmal. Später lässt sie sich taufen, schreibt dem Papst (ohne Antwort), redet viel über die Bibel. Sie spricht auch von einer „wunderbaren Offenbarung“, als sie sich von Gott höchstselbst aus einem LSD-Trip gerettet sieht, aus „einem Höllenbereich“. Hagen fühlt sich stets in Begleitung: „Ich und Jesus, wir kommen im Doppelpack.“