Egon Werler in seinem Kinderzimmer. Dort probt der 15-jährige „The Voice Kids“-Sieger.
Benjamin Pritzkuleit

Friedrichshain, Berliner Altbau, dritter Stock links: Dort treffen wir Egon Werler, der bei seiner Mutter Ute lebt. Noch vor Wochen kannte kaum ein Mensch den Sohn des Berliner Rocksängers Dirk Zöllner. Nun wird der 15-Jährige wie ein Popstar gefeiert. Egon sitzt im Kinderzimmer, checkt auf dem Smartphone seinen Instagram-Account und kann noch immer nicht fassen, was da gerade passiert. „57.000 Follower habe ich“, sagt er. „Sie schicken Bilder, die sie von mir zeichnen, oder wie sie auf T-Shirts meinen Namen schreiben. Jemand will sogar seinen Hund in Egon umtaufen. Die Menschen sind mir so dankbar, dabei habe ich für sie kaum etwas geleistet.“

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Aber er hat etwas Großes geschafft. Egon Werler hat am vergangenen Sonntag die beliebte Sat.1-Talenteshow „The Voice Kids“ gewonnen. Einer der vielen Gänsehaut-Momente der Folgen war, wie er in der Finalrunde am Piano saß, mit einer großartigen Stimme „Blinde Passagiere“ von Johannes Oerding sang, dabei so viel Emotionen heraus ließ, dass die meisten der 1,8 Millionen Fernsehzuschauer, die die Sendung an diesem Abend sahen, begeistert waren – und Egon zum Sieger kürten.

Egon feiert mit seiner Coachin Stefanie Kloß den Sieg bei „The Voice Kids“.
Sat.1/Claudius Pflug

Es heißt, der Erfolg hat viele Väter. Bei Egon sind es zwei. Da wäre Dirk Zöllner, der seit Jahren von der Mutter seines Sohnes getrennt lebt. „Ich genieße den Sieg meines Jungen“, sagt er stolz, als er zu dem Gespräch dazu kommt. „Egon hat ihn sich hart erarbeitet.“

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Der Sohn erzählt im Kinderzimmer, das er mit Keyboard, Mikrofon und Computer in ein Mini-Studio umgebaut hat, wie er schon als kleiner Junge die Auftritte des Vaters vom Bühnenrand aus verfolgte. „Papa ist neben dem Sänger Cro eines meiner Vorbilder. Er hat mich stets in meinem Vorhaben unterstützt, dass ich eines Tages Künstler werde“, sagt Egon, der seit dem sechsten Lebensjahr im Jungen Ensemble des Friedrichstadt-Palastes als Tänzer, Schauspieler und nun auch als Sänger dabei ist. „Mit den Songs der Zöllner habe ich begonnen, Gitarre und Klavier spielen zu lernen. Mein Cousin Ramon hat mir vor Jahren die Grundlagen beigebracht. Papa zeigte mir dann viele Tricks. Den Rest bringe ich mir mithilfe von Lernvideos aus dem Internet selber bei.“

Dirk Zöllner mit dem kleinen Egon bei einer Konzertprobe.
Foto: Olaf Telle

Und es gab Egons Ziehvater Tom. Tom Zickler, der mit Til Schweiger Filme wie „Keinohrhase“ produzierte, 2019 im Alter von 55 Jahren starb. „Ich werde nie vergessen, wie Tom zu meiner Schwester und mir sagte, dass wir unsere Träume leben und daran arbeiten sollen, sie zu verwirklichen“, sagt Egon. „Emma ist Tänzerin und Tanzlehrerin geworden. Auch ich wäre ohne Tom ich jetzt nicht dort, wo ich gerade bin.“

Beide Väter halfen dem Jungen, damit er seinen Weg gehen kann. „Vor Jahren schenkten mir Tom und Dirk zu Weihnachten ein Klavier, auf dem ich dann übte“, erinnert sich Egon. Von seinem Ziehvater habe er gelernt, wie man auch mit Liedern Geschichten erzählen kann. „Ich tauche bei den Auftritten ganz tief in mich hinein, vergesse die Welt um mich herum, mache den Liedtext zu meiner Geschichte und singe die Worte so, wie ich sie in diesem Moment in meinem Inneren fühle.“

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So war es auch, als Egon schon am Anfang der „The Voice Kids“-Staffel mit dem Lied „Flügel“ das Publikum begeisterte. Der 15-Jährige machte aus dem Rock-Song von Max Prosa eine sehr persönliche Ballade, die er seinem verstorbenen Stiefvater widmete. „Denn ich vermisse Tom, möchte zu ihm fliegen, wo immer er jetzt auch ist“, sagt Egon. „Doch wie in dem Lied habe auch ich leider Flügel aus Beton und kann nicht zu ihm.“

Für Dirk Zöllner war die „Flügel“-Version seines Sohnes ein ganz starker Moment in der Show. „Egon hat damit für uns alle in der Familie, die um Tom trauern, ein befreiendes Ventil geöffnet“, sagt er.

Egons Ziehvater Tom Zickler (rechts) mit Dieter Hallervorden und Til Schweiger bei der Präsentation des Films „Honig im Kopf“ (2016). Imago

Egons Erfolg hat nicht nur Väter, auch eine starke Mutter. Mama Ute Werler, die bei einem Berliner Konzertveranstalter arbeitet. „Sie kennt die Branche gut, stand mir mit Rat und Tat zur Seite“, sagt der Sohn. „Wie mein Vater war auch sie anfangs gegen eine Teilnahme an der Show. Doch dann gab sie mir grünes Licht, half bei den Vorbereitungen, probte mit mir und war bei der Show stets im Studio dabei.“

Dass Egon zu „The Voice Kids“ wollte, lag an seiner Schwester. „Sie tanzte dort schon in der Staffel vom vergangenem Jahr und sagte, dass dies etwas für mich sei und ich mich für die neue Staffel bewerben sollte. Jetzt oder nie, hat sie zu mir gesagt. Und ich habe es gemacht.“ Ihm sei es nicht um das Siegen gegangen. „Ich wollte einfach dabei sein, die Chancen nutzen, neue Wege zu gehen, neue Kontakte zu knüpfen und Bühnenerfahrungen zu sammeln“, sagt Egon. „Das habe ich auch meinen Eltern so gesagt, die dafür Verständnis zeigten und der Teilnahme zustimmten.“

Egon in seinem Kinderzimmer mit Papa Dirk Zöllner und Mama Ute Werler. Koch-Klaucke

Nach dem Sieg darf Egon einen 15.000 Euro teuren Sänger-Lehrgang besuchen. Zwei große Plattenfirmen haben sich schon gemeldet. Aber für den Zehntklässler ist auch die Schule wichtig. „Ich will mein Abitur machen“, sagt er. Derzeit lernt Egon im Homeoffice, nächste Woche ist wieder Präsenzunterricht in der Schule. „Ich bin gespannt, wie man dort auf meinen Sieg reagiert.“

Auch wenn viele Menschen Egon als Star feiern: Der Junge will am Boden bleiben. „Ich bin doch noch gar nicht wirklich da oben, sondern stehe erst am Anfang einer langen und harten Reise, um irgendwann mein Hobby zum Beruf zu machen“, sagt der Junge schon wie ein Profi. „Mal sehen, was nun alles passiert. Mein Ziel ist es, eines Tages als Künstler auf der Bühne zu stehen, um die Menschen zu bewegen und dahin zu bekommen, dass auch sie ihre Träume leben.“