„Ich habe mich schon immer als Alien gefühlt“, sagt Zi Faámelu. privat

Teil 1: Zi Faámelu: Androgyner Popstar bei „Star Factory“ und „The Voice“, wegen ihrer Identität zur Unperson gemacht >>>

Teil 2: Als wäre ich eine Verbrecherin“: Zi Faámelus dramatische Flucht in Todesangst >>>

„Sie haben mir alles genommen, meine Musik, mein Geld, meine Würde“: Zi Faámelu ist die derzeit wohl prominenteste Geflüchtete der Ukraine. Ich treffe die Sängerin in Magdeburg, während sie mir von den dramatischen Momenten an der ukrainischen Grenze zu Rumänien erzählt. Hier, rund zwei Stunden Fahrt von Berlin entfernt, lebt sie, die zu Hause als Superstar gilt, in einem kleinen Zimmer bei einer fürsorglichen Familie.

Wir treffen uns zum „Regenbogen“-Abendessen mit Geflüchteten aus aller Welt, die mit queeren Leuten aus der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt zusammenkommen. Auf dem Tisch vor uns dampft selbst gekochtes Curry, einige haben Wein mitgebracht, andere orientalische Leckereien. Ein ZDF-Kameramann baut sich vor uns auf, um die prominente Geflüchtete neben mir zu filmen.

Zi Faámelu: Als Ziandzha im Finale von „The Voice“, als androgyner Popstar bei „Star Factory“

Screenshot/Youtube
Zi Faámelu als Ziandzha bei einem Auftritt in der ukrainischen Version von „The Voice“.

Alle wollen gerade mit Zi reden: Reporter vom US-Sender CBS, vom Rolling Stone und Sat.1. Wie sie im Grenzgebiet zwischen der südlichen Ukraine und Rumänien fast ertrunken wäre, als sie mit äußerster Willenskraft gegen die Strömung ankämpfte. Wie sie zuvor mehrfach an ukrainischen Checkpoints angehalten und um ein Haar für das Militär zwangsrekrutiert worden wäre. Doch wissen will ich von Zi zunächst einmal, wer sie überhaupt ist: Denn bis zu ihrer Flucht kannte sie in Deutschland so gut wie niemand. Anders in der Ukraine: Dort hatte es die Sängerin unter dem Namen Ziandzha 2018 bis ins Finale ukrainischen Version von „The Voice“ geschafft, Begeisterungsstürme bei Jury und Publikum ausgelöst.

Doch zu dem Zeitpunkt war Zi, wie sie sich nun nennt, über die Grenzen der Ukraine hinaus schon längst bekannt, mit gefeierten Auftritten bei der Talentshow „Star Factory“, damals 2008 und 2010 allerdings unter einem männlichen Namen, den sie abgelegt hat. Musikvideos aus der Zeit zeigen einen androgynen Popstar, der wie David Bowie spielerisch zwischen den Geschlechterrollen wechselt. Romantischen und tanzbaren Synthiepop schuf Zi als junge Erwachsene, als Songwriterin gefragt und gespielt in osteuropäischen Clubs von Moskau bis Kiew.

Ihr musikalisches Vorbild, überrascht mich Zi, sei Kate Bush, die britische Sängerin und geniale Universalkünstlerin, die schon Ende der 70er mit ihrem feenhaften Neo-Folk weltberühmt wurde. Man spürt die Parallelen bei Zis Song „Undiscovered Animal“, in der Corona-Zeit entstanden und auf YouTube abrufbar.

Bis heute steht in Zis Pass ein männlicher Vorname, doch wer sie vor sich hat, ihre zurückliegenden TV-Auftritte und selbst die älteren Musikclips vor ihrer Transition anschaut, sieht eine Frau vor sich, hört eine zarte, präzise und ergreifende Stimme, die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Als Komiker machte Wolodymyr Selenskyj Zi Faámelu zur Witzfigur und Unperson

Screenshot/Youtube
Selenskyj macht sich neben einer Parodie von Zi Faámelu in seiner früheren Comedy-Show über die Sängerin lustig.

Rasch wurde die inzwischen 31-Jährige als junge androgyne Künstlerin zum gefundenen Fressen für einen der führenden TV-Komiker der Ukraine – Wolodymyr Selenskyj, der das Land nunmehr als Präsident heroisch gegen den russischen Einmarsch verteidigt und auch international gefeiert wird. Ohne dessen Verdienste um die Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg in Abrede zu stellen: Ein irritierendes Bild des früheren Comedy-Stars zeigt sich in den TV-Shows, in denen dieser Zi Faámelu zur Lachnummer herabwürdigt: „Es“ nennt Selenskyj die Sängerin unter dem feixenden Gelächter des Publikums.

Diesem wird eine blonde Witzfigur vorgeführt, die Zi Faámelu verkörpern soll. Parodien gehören zum Comedy-Handwerk, mit trans- oder homophoben Witzchen ist die unterste Schublade gefüllt, aus der sich auch Spaßmacher wie Olaf Schubert oder Ricky Gervais für billige Lacher bedienen. Über derlei Schenkelklopfer lacht hier niemand mehr. Doch in einer in großen Teilen konservativen Gesellschaft wie der Ukraine gelten noch andere Maßstäbe, vor allem haben derlei beleidigende Scherze spürbare Auswirkungen: Zi, so sieht sie es rückblickend, wurde durch ihre Zurschaustellung zur Unperson, die trotz ihres offenkundigen Talentes immer seltener in Shows eingeladen wurde und die man gesellschaftlich mied.

Mehrfach flüchtete sie schon damals vor den öffentlichen Demütigungen: Eine Zeit lang lebte und arbeitete sie als Songwriterin in Moskau, unerkannt und irgendwie akzeptiert als groß gewachsene Frau, deren Identität jedenfalls niemand anzweifelte. Für sechs Monate lebte sie in Los Angeles, kehrte später wieder nach Kiew zurück und startete als Zi Faámelu neu durch. „Die von weit her kommt“, bedeute dieser Name in einer alten Sprache, erklärt sie mir. Egal, wo sie ist, in Kiew, Moskau oder jetzt in Magdeburg: „Ich habe mich schon immer als Alien gefühlt“, sagt sie.

Einen weiblichen Namen in ihrem Pass zu sehen, verunmöglicht ihr eine nach EU-Standards rückschrittliche Gesetzgebung in der Ukraine: Für die Änderung des Geschlechtseintrags gelten nahezu unerfüllbare Voraussetzungen. Von ihren deutschen Freundinnen und Freunden weiß Zi, dass auch das hier geltende sogenannte Transsexuellengesetz (TSG) Transpersonen erschwert, Geschlecht und Vornamen zu korrigieren. Die Bundesregierung will das teils verfassungswidrige Gesetz abschaffen, und Zi hat sich inzwischen dem Kampf angeschlossen, die Gesetzesreform zu beschleunigen.

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