Die deutsche Chanson- und Musical-Sängerin Ute Lemper.  Foto: Rainer Jensen/dpa

Eigentlich wollte Ute Lemper in diesem Sommer wieder in der alten Heimat sein und auf großen Festivals auftreten. Gerade kam ihr neues Album „Rendezvous With Marlene“ raus, Lieder aus dem Repertoire von Marlene Dietrich. Doch auch die international renommierte deutsche Chanson- und Musical-Sängerin ist vom Coronavirus ausgebremst – und bleibt in ihrer Wahlheimat New York.

Frau Lemper, Sie sind mit Ihrer Familie in einem Epizentrum der Corona-Pandemie. Wie geht es Ihnen in New York?

Die Stadt ist sehr still. Man kann morgens bis 9 Uhr schlafen, ohne irgendwelche Sirenen oder Geschrei zu hören. Aber es ist zugleich gruselig. Besorgniserregend ist auch, dass es in Amerika nun noch verstärkt eine andere Krankheit neben der Pandemie gibt: Arbeitslosigkeit und Armut. Das Kulturleben ist zusammengebrochen – keine Ahnung, wann das alles wieder geöffnet wird.

Sie leben schon lange in den USA. Sind Sie inzwischen Amerikanerin, und empfinden Sie das Land als Ihre Heimat?

Ich habe meine Green Card seit 1993, als ich meinen ersten Mann geheiratet habe, der Amerikaner war. Meine vier Kinder haben alle eine doppelte Staatsbürgerschaft – die deutsche und die amerikanische. Ich selbst wollte nie den amerikanischen Pass haben. Ich liebe New York, aber ich fühle mich nicht als Amerikanerin, sondern als Europäerin. Und Gott sei Dank führen mich meine Tourneen auch immer wieder nach Europa.

Und wie ist es – haben Sie noch den berühmten „Koffer in Berlin“ und enge Beziehungen zu Deutschland?

Mein Vater lebt ja noch in Münster, er ist 85. Mein Bruder ist dort mit seiner Frau. Und Berlin – das ist einfach ein Stück meines Lebens. Als ich dort 1984, lange vor dem Mauerfall, aus Wien hingezogen bin – das hat mich als Deutsche geprägt, als Mensch geprägt, als Künstlerin geprägt. Ich bin da nicht nur auf der Durchreise. Ich habe dort viele, viele Konzerte gegeben und erfahre viel Liebe und Respekt.

Sie gelten hier bei vielen als Musical-Sängerin. Passt das überhaupt noch?

Ach, das ist über 20 Jahre her. Das Genre passte damals ja ganz gut zu mir, weil ich eine Gesangs-, Tanz- und Schauspielausbildung hatte und im Musical alles gleichzeitig machen konnte. Aber das war nie mein Zuhause, der Begriff Musical-Sängerin nervt mich eher. Ich kann mir so eine Stimme antrainieren, finde sie aber eigentlich unmusikalisch. Viel mehr liebe ich die Freiheit des Jazz oder auch der Sprechstimme. Aber egal - mit solchen Schubladen bin ich ja jetzt schon Jahrzehnte umgegangen.

Ute Lemper

1963 in Münster geboren, wurde mit Musicals wie „Cats“, „Cabaret“ oder „Chicago“ international bekannt. Sie arbeitete als Schauspielerin und feierte als Sängerin große Erfolge mit Musik von Kurt Weill, Michael Nyman, Jacques Brel oder Astor Piazzolla. Seit den 90ern lebt Lemper in den USA. Sie ist mit dem Musiker Todd Turkisher verheiratet und hat vier Kinder aus zwei Ehen.

Mit „Rendezvous...“ erweisen Sie nun einer Künstlerin Ihre Reverenz, mit der Sie früher oft verglichen wurden, etwa als „die Marlene aus Münster“.

Die CD ist natürlich eine Hommage an Marlene, aber überhaupt keine Imitation, sondern von vorne bis hinten Ute Lemper. Das Album wurde sehr organisch und homogen produziert, eigentlich wie auf der Bühne. Wir haben vier Tage lang losgelegt und 22 Lieder aufgenommen - zunächst mal nicht in dem Bewusstsein, dass daraus eine CD wird. Ich habe bewusst „kleiner“ gesungen, gar nicht im Broadway-Stil. Denn je älter ich werde, desto mehr liebe ich es, ganz ganz leise zu singen. Diese Lieder sind daher sehr pur, sehr intim.

War der Ursprung dieses Albums tatsächlich ein langes  Telefongespräch, das Sie vor über 30 Jahren mit Marlene Dietrich geführt haben?

Ja, wegen dieses Gesprächs fühle ich eine bestimmte Kenntnis von Marlene. Ich habe das Beben in ihrer Stimme gehört, die Melancholie. Das war 1988. Marlene hat damals über Traurigkeit geredet, sie hat nochmal über ihre Geschichte mit den Deutschen gesprochen: Die mögen mich doch nicht, das weißt du doch. Dass auch noch ihre Tochter sie abgelehnt hat, das war zu viel für sie. Sie war traurig, aber immer noch stark – und sehr gebildet.