Winfried Glatzeder in seinem Garten in Pankow. Heute wird der Schauspieler, der oft  „Belmondo des Ostens“ genannt wurde, 75 Jahre alt. Christian Schulz

Winfried Glatzeder vollendet an diesem Sonntag sein Dreivierteljahrhundert und es scheint fast so, als würde er den Jubiläumsrummel um seine Person genießen.  

Wie gesagt, sein 75. Geburtstag naht. Für den Schauspieler ist es ein Anlass, das Corona-Virus grinsend zu seinem Verbündeten zu erklären. Und mal wieder  lächelnd seinen Ruf zu pflegen, ein schrulliger Geselle zu sein: „Jetzt kann ich sagen, ich kann leider, leider nicht feiern.“ Dabei hat er nie gern gefeiert. Und das sieht er auch ganz nüchtern: „Bei so einer blöden Feier ist man der Kellner seiner Gäste und die Geschenke wiegen nie den Aufwand auf, den man hatte.“

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Glatzeder kann der Pandemie auch etwas Gutes abgewinnen: Stille und frische Luft

Glatzeder gerät beim Thema Corona fast ins Schwärmen, er kann der Pandemie auch etwas Gutes abgewinnen: „Ich finde dieses Virus so toll. Diese Stille! Kein Flugzeug, das die Luft verpestet. Die Hektik ist weg. Die Entschleunigung ist erholsam.“ Er weiß allerdings auch, dass diese positive Sicht höchstens die halbe Wahrheit darstellt.

Schattenseiten gibt es natürlich auch, gerade für Künstler wie ihn, die auf Engagements angewiesen sind. Er nickt: „Ich verliere viel Geld. Und es wird noch mehr kosten, wenn wir dann demnächst mit Sonderabgaben das alles abzahlen dürfen, was der Staat jetzt wegen Corona ausgibt.“ Trotzdem, wir wollen mit ihm über seinen runden Geburtstag reden.

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Am Sonntag spendiert der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) ihm zur besten Sendezeit, um 20.15 Uhr, die Dokumentation „Legenden – Ein Abend für Winfried Glatzeder“. Für die Fernsehsendung ist  der Schauspieler sogar in einen Sarg gestiegen. Das betont schlichte Erdmöbel hat den Beinamen „Der Papst-Sarg“, weil Johannes Paul II. in diesem Modell beigesetzt wurde. Glatzeder hört den Preis und fragt, ob man da noch was machen könnte? Aber eigentlich hat er nicht vor, so bald abzutreten: „Ich will die Rentenversicherung lange, lange quälen.“

Wenn er sich seine Familiengeschichte anschaut, wird Glatzeder jedoch nachdenklich: „Meine Mutter ist mit 80 Jahren gestorben, meine Großmutter auch. Dann hätte ich nur noch fünf Jahre.“ Allerdings gibt es einen Schimmer Hoffnung: „104 Jahre hat mir ein Internist der Charité mit Hinweis auf meine guten Gene vorhergesagt.“ Dies allerdings nicht bei einer eingehenden Untersuchung, sondern am Rande einer Lesung. Egal! Solche Zeichen der Hoffnung darf man doch nicht ignorieren.

Herbert Köfer ist für Glatzeder ein gutes Beispiel. Der steuert auf seinen 100. Geburtstag zu und beide standen noch im Januar gemeinsam auf der Bühne.

Glatzeder wurde durch den Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ berühmt

Winfried Glatzeder, der durch den Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ zum Star wurde, in legendären Inszenierungen der Volksbühne spielte und mit dem Geld, das er im RTL-Dschungelcamp verdiente, eine neue Heizung für sein Haus finanzierte, geht mit mir in den Keller. Er zeigt mir einen Raum voller Erinnerungsstücke. Filmplakate, Bühnenbilder, ein Pappaufsteller, der ihn als Romeo-Agenten im Kino-Erfolg „Kundschafter des Friedens“ zeigt. „Meine Frau hat verlangt, dass ich alle Bilder von mir aus dem Haus entferne, weil sie mich nur einmal erträgt. Also ist das alles hier unten.“

Den Durchbruch schaffte Glatzeder in den 70er- Jahren mit „Die Legende von Paul und Paula“. An seiner Seite: Angelica Domröse. Foto: imago/United Archives

Und dort schaut Glatzeder auf das letzte Vierteljahrhundert zurück. Er sinniert: „Das Leben geht zwischen 50 und 75 zu schnell vorüber. Wenn ich etwas bedauere, dann den Umstand, dass ich keine Zeit hatte, meine Erfolge zu genießen.“ Zu den für ihn gravierenden Nachteilen des Alters gehören die körperlichen Unzulänglichkeiten. „Mit 70 Jahren habe ich plötzlich gespürt, dass ich nicht mehr hochkam, mein Körper war vom flüssigen in den festen Zustand übergegangen.“

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Glatzeder kann dem hohen Alter auch Vorteile abgewinnen

Dazu kamen die Ersatzteile: Neues Kniegelenk, neues Hörgerät, neue Linsen in den Augen. Der Schauspieler entdeckt am Altern aber auch Vorteile: „Die Altersdreistigkeit finde ich toll. Man muss keine Rücksicht mehr nehmen. Altersweisheit, Altersmilde und Altersgroßzügigkeit – das sind alles Klischees, die auf mich überhaupt nicht zutreffen!“

Für seine Zeit als „Tatort“-Kommissar bezog Winfried Glatzeder viel Dresche von den Kritikern. Das juckt ihn nicht. Er blickt trotzdem positiv zurück: „Meine ,Tatort‘-Gagen habe ich zu bescheidenen vier Prozent Zinsen angelegt, aus heutiger Sicht war das pfiffig.“ Dazu kommen knapp 1400 Euro von der Rentenversicherung, rechnet er vor.

Seine Beschäftigung während der Corona-Ruhe ist auch ohne Jobs bei Theater und Film gesichert. Er lächelt. Und sagt: „Meine Frau gibt mir Aufgaben. Den Komposthaufen umsetzen, ihr Auto waschen. Ich kenne das, denn wenn ich von einer Theatertournee nach Hause komme, wartet schon immer eine Liste der Dinge, die ich reparieren und erledigen soll.“ Er fügt hinzu: „Ich langweile mich nicht.“