Hugo Egon Balder, Hella von Sinnen und Wigald Boning machen Schluss mit „Genial daneben“. Sat.1/Willi Weber

Hugo Egon Balder macht Schluss. Mit „Genial daneben“, mit Sat.1, mit Fernsehen insgesamt. Und er rechnet mit seinem langjährigen Heimatsender knallhart ab. 

Der Moderator hat nach eigenen Worten keine Lust mehr, Fernsehshows zu moderieren. „Ich bin jetzt 71. Ich habe keine Lust, in dem Alter noch Sachen zu moderieren, wo die Leute dann sagen: Mein Gott, hoffentlich überlebt er die Sendung“», sagte Balder im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der TV-Star stand in den letzten fünf Jahrzehnten für TV-Formate wie „Genial daneben“, „Der Klügere kippt nach“, „Tutti Frutti“, „Alles Nichts Oder?!“ oder „RTL Samstag Nacht“ vor oder hinter der Kamera.

Balder ist auch Schauspieler, Musiker, Mitbesitzer einer Kneipe in Hamburg und war auch Sänger („Elvira, hol' dein Strumpfband ab“, „Erna kommt“).

Er habe „das große Glück“, seit zehn Jahren permanent Theater zu spielen, führte der gebürtige Berliner aus, der in Köln und Hamburg lebt. „Und das habe ich mir auch so vorgestellt in meinem Alter. Theaterspielen kann ich auch noch mit 85, wenn ich das so will.“ Das „magersüchtige Frettchen“, wie ihn einst Kollegin Hella von Sinnen liebevoll nannte, die er wiederum als „fette Schnecke“ bezeichnete, verabschiedet sich also nur vom Bildschirm.

Hella von Sinnen (rechts), Hugo Egon Balder and „Tortenmädchen“ Regine Weissbarth in der Anarcho-Show „Alles Nichts Oder?!“.  imago/Horst Galuschka

„Genial daneben“: Nach dieser Staffel ist Schluss

Derzeit läuft noch am Freitagabend bei Sat.1 das Format „Genial daneben“ mit Balder. Die Show laufe aus, sagt er. Sie hat eine bewegte Geschichte seit 2003. Sie kam lange Zeit samstags. Dann erlebte sie eine Pause zwischen 2011 und 2017. Seitdem gab es sieben Staffeln und außerdem einige Ableger. Grundkonzept der Show ist, dass Komikerinnen und Komiker von Zuschauern eingeschickte, schwere Fragen möglichst witzig in Improvisationscomedy zu beantworten versuchen.

Nach der aktuellen Staffel ist Schluss, sagt Balder und klingt verbittert. „Der Sender hat sich noch nicht bei mir gemeldet. Aber ich selbst habe für mich beschlossen, dass ich das nicht mehr will. Es bringt einfach nichts“

Ein Sat.1-Sprecher bestätigte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, die letzten Folgen der aktuellen Staffel liefen am 9. und 16. Juli. „Darüber hinaus sind keine neuen Folgen für dieses und nächstes Jahr geplant.“ Senderchef Daniel Rosemann sagte an Balder gerichtet: „Wir bedanken uns für die erfolgreiche Zusammenarbeit in den vergangenen Jahrzehnten bei dir. Als Kölner mag ich frei nach Trude Herr zu dir als langjährigem Wahlkölner sagen: Niemals geht man so ganz, Irgendwas von dir bleibt hier. Danke für die guten Jahre.“

Mit der RTL-Nackedeishow „Tutti Frutti“ wurde Hugo Egon Balder bekannt.  dpa/DF1

Balders knallharte Worte für Sat.1

Balder sieht die heutige deutsche Fernsehlandschaft kritisch, auch die versuchten Imagewandel der großen Privaten. „Ein 20-Jähriger, der seit Jahren Streamingdienste nutzt, wird jetzt auch nicht mehr zum Fernsehen zurückkehren“, sagt er im RND-Interview. Bei Älteren habe man noch eine Chance.

Die lange Zeit propagierte Verjüngung sei ein Trugschluss. „Von den Jungen kommt keiner mehr zurück. Wer seinen Sender verjüngt, hat irgendwann gar keine Zuschauerinnen und Zuschauer mehr.“

Für seine langjährige Heimat Sat.1 findet er dabei auch knallharte Worte: „Es werden immer wieder Sendungen produziert, wo man zumindest das Gefühl hat, das könnte in die Hose gehen. Und es wird dann trotzdem gemacht. Und das größte Problem ist, dass diese Sendungen auch noch ein Schweinegeld kosten“, sagt Balder. „Entweder man beißt in den sauren Apfel und macht es – oder man sagt: ‚Ohne mich‘! Und ich bin jetzt an dem Punkt angelangt, wo ich lieber sage: ‚Das wars‘.“

Das Theaterspielen will Hugo Egon Balder nicht aufgeben - hier in der Komödie am Kurfürstendamm.  DAVIDS/Christina Kratsch

Balder: Nur „vier gute Leute“ im TV

Im Lockdown habe er viel ferngesehen und sei von heutigen Talkshows wenig angetan: „Politikerinnen und Politiker sind so geschult, dass der Moderator selbst nach viermaliger Nachfrage keine richtige Antwort bekommen. Die wissen genau, was sie sagen wollen und was sie nicht sagen wollen. Das ist mir alles ein bisschen zu langweilig.“

Derzeit gebe es neben Joko und Klaas noch „vier Leute“, die ihm „gut gefallen“: „Das sind Dieter Nuhr, Torsten Sträter, Sebastian Pufpaff und Jan Böhmermann. Alles unterschiedliche Charaktere, die unterschiedliche Wege gehen, auch politisch. Aber genau diese Vielfalt ist toll.“ Ansonsten haue ihn im Fernsehen wenig vom Hocker.

Balder, der in den 70ern Schlager parodierte, revolutionierte ab den 80ern an der Seite von Hella von Sinnen das TV mit der RTL-Anarcho-Spielshow „Alles Nichts Oder?“, bei der am Ende Torten flogen. Danach kam die Strip-Spielshow „Tutti Frutti“ mit den unverständlichen Regeln, eine Kopie der italienischen Show „Colpo Grosso“. Man drehte in den Kulissen in Mailand. „Das Problem war nur: Die Italiener spielten um Geld. Und wir hatten ja alles übernommen, also auch den Computer. Das führte dazu, dass ich für eine Jacke nicht einen Punkt, sondern 100 000 Punkte verteilte – es waren ja Lire. Das hat kein Mensch verstanden, aber mir war das egal.“

Balder ist zum fünften Mal verheiratet

In den 90ern holte Balder die amerikanische Comedy-Show „Saturday Night Live“, die heute noch erfolgreich in den USA läuft, ins deutsche Fernsehen - als „RTL Samstag Nacht“. Darsteller der Show wie Wigald Boning, Olli Dittrich, Stefan Jürgens machten Karriere.

Für öffentlich-rechtliche TV-Formate ging Balder vor ein paar Jahren seiner Familiengeschichte auf den Grund. Seine Mutter hieß Gerda Leyserson, war eine Jüdin, die das KZ Theresienstadt überlebte.

Sie habe ihn gelehrt, keine Schwächen zu zeigen, sagte Balder 2015 in einem Stern-Interview. „Wenn ich anders gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nur eine Frau gehabt. Ich bin wohl bindungsunfähig.“ Balder ist seit 2019 zum fünften Mal verheiratet.