Serienmörder Ted Bundy war Protagonist einer Netflix-Doku. Netflix

Diese TV-Kolumne beginnt bei einem Podcast. Und das nicht einmal mit unserem KURIER-Podcast „Ich glotz TV“ sondern mit einem ganz anderen. Die Berliner Moderatorin Visa Vie und Comedienne Ines Anioli erzählen derzeit unter dem Namen „Weird Crimes“ alle zwei Wochen verrückte Kriminalfälle nach. „True Crime“ heißt das Genre, dass sich seit vielen Jahren großer Beliebtheit erfreut. Auf Deutsch: echtes Verbrechen.

Früher habe ich ganze Nächte mit meiner Frau die TV-Formate durchgesuchtet, kaum eine Folge „Aktenzeichen XY“ verpasst, doch mit den Jahren habe ich dieses Genre irgendwie vergessen, bis zu diesem Podcast. Ich bin plötzlich wieder richtig heiß auf tatsächlich geschehene Kriminalfälle. Doch was ist eigentlich die Faszination an „True Crime“?

„True Crime“, die Suche nach der Faszination

Die Antwort darauf schein recht einfach: Menschliche Abgründe waren schon immer interessant. Es gibt kaum ein Shakespeare-Drama, in dem am Ende nicht alle Protagonisten und rund die Hälfte aller Nebenfiguren tot sind. Die Bestsellerlisten und (Vor-)Abendprogramme der Öffentlich-Rechtlichen sind voll von Krimis und Polizeiserien – wobei die ja noch einmal ein ganz anderes Thema sind.

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Die Lust an True Crime sorgt auch für den Erfolg der Sendung Aktenzeichen XY. ZDF/Nadine Rupp

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Bei True Crime-Formaten kommt aber gegenüber dem Krimi hinzu, das die Fälle nicht in eine viel zu weit hergeholte und ziemlich herbeifantasierte Heimatidylle eingebettet sind, sondern ins wirkliche Leben. Der Mörder von nebenan, ist dann wirklich der Mörder von nebenan – und zu dem ist er in aller Regel nicht plötzlich und über Nacht geworden, wie bei den „Rosenheim Cops“, sondern er hat eine Biografie, die zumindest in der Rückschau Eckpunkte benennbar machen, die ihn zum Mörder machten.

„True Crime“: Spaß am Rätseln und am Scheitern

Hinzukommen dürfte der Spaß am Rätseln, der die Zuschauer bei klassischen Krimis genauso begeistert, wie bei der Gesangs-Show „The Masked Singer“. Einige True Crime-Formate sind so angelegt, dass man zu Beginn nicht weiß, wer die Tat verübt hat.

Bei anderen, wie beispielsweise der Netflix-Show „I am a Killer“ hingegen weiß man es und dort dürfte etwas anderes eine Rolle spielen: Die große Lust daran, Menschen beim Scheitern zuzusehen. Diese Lust zeigt sich auch in der Begeisterung für DSDS, als das Format noch vor allem daraus bestand, dass Dieter Bohlen extra gecastete talentfreie Kandidaten öffentlich zur Sau machte. Und so spielt es auch bei True Crime-Formaten eine Rolle. Denn ein Mensch kann kaum mehr scheitern in seinem Leben, als wenn er zum Mörder wird – und darauf laufen letztendlich doch die meisten Formate hinaus.

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Dass das allerletze Scheitern der True Crime-Protagonisten sorgt dann in der Regel noch für ein versöhnliches Ende. Denn das letzte Scheitern bedeutet, dass der Täter oder die Täterin gefasst wird – und andere Menschen nicht mehr gefährden kann.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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