Erst beim Finale am Dienstag wird sich zeigen, welcher Star im bunten Nilpferd-Kostüm steckt. Foto: dpa

Es gibt TV-Ereignisse, die zusammenschweißen – und sich so anfühlen, als stehe das deutsche Fernsehpublikum gerade Seite an Seite: Wichtige Fußballspiele, große Nachrichtenlagen, die Neujahresansprache der Kanzlerin. Auch im Frühjahr dieses Jahres ereignete sich ein solcher Fernseh-Moment – und mittendrin: ein flauschiges Faultier. Das possierliche Wesen im Hawaii-Hemd war eine der Figuren in der zweiten Staffel „The Masked Singer“, ausgestrahlt auf Pro7. „Fauli“ sang sich in die Herzen der Zuschauer. Und schon nach dem ersten Auftritt war klar, wer unter der Maske steckt: kein anderer als Entertainer Stefan Raab.

Fans der Show einte damals eines: Dass Raab, einer der großen Unterhalter der deutschen TV-Branche, in der Kostüm-Show auf die Mattscheibe zurückkehren sollte, hätte niemand geglaubt. Schließlich hatte er seine aktive Fernsehkarriere 2015 für beendet erklärt. Und doch war da die Hoffnung, dass auf die Demaskierung des Faultiers ein Comeback folgen könnte.

Fans hofften, im Faultier-Kostüm würde Stefan Raab stecken. Hier: „Fauli“ mit Matthias Opdenhövel. Foto: imago images/Future Image

Die Auftritte von „Fauli“ in den folgenden Wochen erhärteten den Verdacht. Eine Performance bleibt besonders in Erinnerung: Das plüschige Wesen singt, eher gelangweilt, „Lemon Tree“ von Fools Garden. Dann purzelt das Faultier aus der Hängematte, plötzlich wechselt das Tempo – und aus der riesigen Maske kommt eine Stimme, die an Elvis Presley erinnert. Spätestens hier war klar: Kein anderer als Raab kann im Faultier-Kostüm stecken. Kein anderer ist so vielseitig, so unterhaltsam.

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Es ist das Spiel mit Erwartungen, das „The Masked Singer“ reizvoll macht. Und zugleich gehört zu der Show, die Quoten-Rekorde bricht und wöchentlich Millionen vor die Mattscheiben zieht, noch mehr. Das Konzept ist – für all jene, die es noch nicht kennen sollten – simpel erklärt: Mehrere Prominente treten im Gesangswettstreit an. Der Unterschied zu anderen Musik-Shows: Die Stars tragen Ganzkörperkostüme inklusive Maske. Zwar singen sie alle, doch die meisten sind keine Sänger: Unter den Promis sind Schauspieler, Komiker, Sportler.

Sogar Peru, Myanmar und Estland haben Ableger der Show

Die Zuschauer und eine prominent besetzte Jury sollen erraten, wer sich unter den Masken verbirgt. Als Hilfe gibt es Indizien-Filmchen, die kryptische Hinweise liefern. Die Zuschauer wählen in jeder Show ihre Favoriten. Und der Promi, der ausscheidet, muss seine Maske ablegen. In der Jury sitzen aktuell Moderatorin Sonja Zietlow, Comedian Bülent Ceylan und ein Gast pro Episode.

In der Jury sitzen Sonja Zietlow, Bülent Ceylan und ein Gast pro Episode (hier: Elton). Foto: dpa

Das Konzept kommt ursprünglich – wie könnte es anders sein – aus Asien. Genauer gesagt: aus Südkorea. Die Premiere wurde hier 2015 gefeiert, der Originaltitel lautete „Mystery Eumakshow Bongmyeongawang“. Hier trugen die Sänger, die auftraten, allerdings Masken aus Papier. Erst die Amerikaner führten später die aufwändigen Kostüme und die Indizien-Videos ein. In den Jahren danach entwickelte sich das Konzept zum weltweiten Erfolg. Sogar Peru, Myanmar und Estland haben Ableger.

In Deutschland lief die erste Staffel vom 27. Juni bis zum 1. August 2019, auch hier schlug die Show, moderiert von Matthias Opdenhövel, ein wie eine Bombe. Das Finale erreichte mit 4,34 Millionen Zuschauern die bis dahin höchste jemals gemessene Einschaltquote einer Pro7-Show. Und das, obwohl bei der Besetzung (in den Kostümen steckten unter anderem Sänger Gil Ofarim, Model Markus Schenkenberg) durchaus Luft nach oben war. Die Zahlen dürften vor allem die Planer bei RTL geärgert haben – der Sender hatte sich laut Berichten ebenfalls um die Senderechte bemüht, sie aber nicht bekommen. Mit „Big Performance“ entwickelte das Unternehmen eine eigene Variante, die aber eher als „Nachmache“ belächelt wurde.

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Momentan läuft die dritte Staffel auf Pro7. Und das Format hat sich hinsichtlich der Popularität der Kandidaten gewandelt. Erst in der vergangenen Woche wurde die „Katze“ demaskiert, eine plüschige Glamour-Variante des Haustiers. Auftritte mit „I Am What I Am“ von Gloria Gaynor, „Someone Like You“ von Adele und „The Show Must Go On“ von Queen hatten deutlich gemacht: Unter der Maske könnte Schlager-Star Vicky Leandros stecken. Auch daran knüpften sich Erwartungen: Könnte eine Legende wie Leandros wirklich bereit sein, sich in einer Gesangs-Show ein lustiges Katzenkostüm anzuziehen? Eigentlich nicht. Da erschienen Unternehmerin Judith Williams und Schauspielerin Uschi Glas schon realistischer. Aber was, wenn es doch die Schlagersängerin ist, mit der nicht nur Theo gern mal nach Lodz gefahren wäre?

Im Kostüm der Katze steckte Schlager-Star Vicky Leandros. Foto: dpa

Die Maske fiel – und tatsächlich lächelte Vicky Leandros stolz in die Kameras. Die Katzen-Maske war die fünfte, die in dieser Staffel fiel. Zuvor wurden Komiker Wigald Boning (er spielte den knallgrünen Frosch) und Model und Moderatorin Sylvie Meis (sie spielte ein plüschiges Alpaka) enthüllt – außerdem Moderator Jochen Schropp, der in einem Hummer-Kostüm steckte.

Den Vogel schoss bereits die erste Folge ab: Hier wurde die glitzernde Biene enttarnt, die zuvor „Sweet Child Of Mine“ von Guns’n’Roses gesungen hatte. Die Jury-Mitglieder tippten auf die Models Lena Gercke und Eva Padberg und auf Influencerin Bianca „Bibi“ Claßen, die Zuschauer zeigten sich mit Desirée Nick optimistischer. Die Maske fiel – und darunter steckte Schauspiel-Star Veronica Ferres.

Je populärer das Format, desto populärer die Stars

Da blieb vielen die Spucke weg, die Erwartungen wurden in diesem Fall sogar weit übertroffen. Die Enthüllung zeigte: Das Level dürfte etwas höher liegen als bei den vorherigen Staffeln. Es ist einer der spannenden Effekte von „The Masked Singer“: Je populärer das Format wird, desto populärer dürften auch die Stars werden, die es unter die Masken schaffen. Das freut die Fans und dürfte auch ein Grund dafür sein, dass die Quoten konstant über der Drei-Millionen-Marke bleiben. Denn die Demaskierung von Stars wie Ferres und Leandros bedeutet: Jeder, wirklich jeder kann in den Kostümen stecken.

Schauspiel-Star Veronica Ferres legte in der ersten Folge von Staffel 3 die Maske ab. Foto: dpa

Doch der wohl wichtigste Faktor für den Erfolg der TV-Show lässt sich in der emotionalen Situation entdecken, in die die Zuschauer Woche für Woche katapultiert werden. In einer Welt, in der jeder für alles eine Erklärung hat, in der Deutschland zur US-Wahl 80 Millionen Amerika-Experten leben und zur Fußball-WM 80 Millionen Fußball-Fachleute, schafft Pro7 eine Show, die niemand so richtig erklären kann. 210 Menschen gehörten zum Produktionsteam der ersten Staffel, gerade acht davon kannten die Identitäten der maskierten Promis, hieß es. Acht!

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Das Wissen darüber, wer hier mitmischt, gleicht einem Staatsgeheimnis. Lucy Diakovska („No Angels“), die als Oktopus verkleidet teilnahm und als erste aus der Show flog, erzählte danach, was der Sender tut, damit alles geheim bleibt. Wenn die Teilnehmer aus dem Hotel abgeholt und ins Studio gebracht werden, tragen sie etwa die für alle einheitliche „Don’t talk to me“-Uniform („Sprich mich nicht an“): einen schwarzen Kapuzenpulli, eine schwarze Jogginghose und eine Maske, unter der man „nicht atmen kann“, sagte sie. „Und wenn man dann im Auto sitzt und sich denkt ,Ah, jetzt sieht mich keiner’, dann hebt man ein bisschen die Maske an, hält den Kopf über die Klimaanlage, damit ein bisschen frische Luft darunter kommt.“ Hinter der Bühne dürfen die Teilnehmer nicht angesprochen werden, sich nur mit ihren Assistenten unterhalten – und höchstens im Flüsterton verkünden, dass sie mal aufs Klo müssen.

„The Masked Singer“ funktioniert wie ein gut gemachter Zaubertrick

All das führt für die Zuschauer zur unbezwingbaren Ungewissheit: Alles kann man googeln, die Lösungen von „The Masked Singer“ aber nicht. Die ganze Show fühlt sich an wie ein Zaubertrick: Jeder kann raten. Vielleicht ist der Tipp richtig. Vielleicht nicht. Wirklich wissen kann man das erst, wenn die Maske fällt. Und manchmal kommt am Ende alles anders. Denn auch das ist Fakt: Pro7 gibt alles dafür, die Fans aufs Glatteis zu führen. Die Tipps, die zu den Identitäten der Prominenten gegeben werden, sind so vielseitig interpretierbar, dass jeder, der nachdenkt, am Ende weniger weiß als vorher.

Wigald Boning schlüpfte für die Show ins Frosch-Kostüm. Foto: dpa

Die sozialen Netzwerke liefern einen guten Einblick. Auf Facebook gibt es etwa die „Offizielle Rategruppe“ zur Show. Knapp 30.000 Menschen analysieren hier die Hinweise, um den Promis auf die Schliche zu kommen. Die Erklärungen sind auf den ersten Blick oft absurd. Ein Beispiel gefällig? Momentan wird noch wild spekuliert, wer im Kostüm des plüschigen Außerirdischen mit den Trötenohren steckt. Viele tippen auf Comedian und Moderator Luke Mockridge, einige sind aber bei Alec Völkel von „The BossHoss“. Warum? Im Hintergrund eines Indizien-Filmchens war etwa ein Logo der Fast-Food-Kette McDonalds zu sehen. „BossHoss haben eine Version von ,Old McDonald’ veröffentlicht“, schreibt ein Fan. Zudem sei im Hintergrund eine Box mit der Aufschrift „DDM 403“ zu sehen. Die Erklärung: „DDM ist die internationale Währungsabkürzung für die Mark der DDR. Ost-Berlin hatte zu Zeiten der DDR eine Fläche von 403 Quadratkilometern. Alec ist in Ost-Berlin geboren.“ Das wilde Rätseln sorgt auch dafür, dass die Show auch in den Medien immer populärer wird. Der KURIER berichtete ebenfalls regelmäßig über Gerüchte, Spekulationen und angebliche Enthüllungen rund um die Promis unter den Masken.

Unklar ist bisher auch, wer sich in den Erdmännchen-Kostümen verbirgt. Foto: dpa

Á propos Masken! Den Respekt vieler Fans verdienen sich auch zwei Frauen, die hinter den Kulissen einen maßgeblichen Teil zum Erfolg beitragen. Denn vielleicht ist es auch die Lust am Verkleiden, die die Zuschauer träumen lässt? Die Kostümbildnerin Alexandra Brandner und die Maskenbauerin Marianne Meinl sind es, die die Kostüme Wirklichkeit werden lassen – und mit ihrer Arbeit im Juni einen Deutschen Fernsehpreis einheimsten. „Wir sind Möglichmacher und setzen um, was uns vorgegeben wird“, sagt Meinl.

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Brandner ergänzt: „Wir werden angefragt, wenn andere nicht mehr weiterwissen.“ Während die aktuelle Ausgabe läuft, sei im Hinterkopf schon die nächste Staffel „The Masked Singer“, die im Frühjahr starten soll, in Planung. „Wir würden uns freuen, wenn wir wieder dabei sind“, sagt Brandner. Auch, wenn das viel Arbeit macht: Jedes Kostüm kostet in der Fertigung zwischen 15.000 und 20.000 Euro und entsteht in etwa 300 Stunden Handarbeit. Da verzeihen die Fans sogar die nahezu unerträgliche Werbe-Flut, die für Kritik sorgte – irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Die Gewandmeisterin der neuen Staffel von „The Masked Singer“, Alexandra Brandner. Foto: dpa

Nicht zuletzt kann nicht jeder der teilnehmenden Promis wirklich singen, und trotzdem zeigen alle, die die Maske absetzen müssen, eine schlichtweg unglaubliche Freude. Ob Schlager-Ikone oder Moderator – so schwer die Arbeit in den dicken, brütend heißen Kostümen ist, so viel Spaß scheint auch ihnen das Ratespiel zu machen. Veronica Ferres nannte ihre Teilnahme eine „unglaubliche Reise“. Und wenn die Promis die Maskottchen-Köpfe lüften und darunter ein verschwitztes, rotes Gesicht mit strähnigen, verklebten Haaren zum Vorschein kommt, werden Stars und Sternchen plötzlich so nahbar. „The Masked Singer“ lässt uns alle zu Kindern werden, zu Detektiven, lässt uns in fremde Welten abtauchen – und zeigt uns, dass wir manche Dinge nicht verstehen werden, so sehr wir uns auch bemühen. In unserer schnellebigen, digitalen Welt ein unglaubliches Gefühl.

Bei „The Masked Singer“ ist nichts, wie es zuerst scheint

So wird es auch am Dienstag sein – dann läuft um 20.15 Uhr das Finale auf Pro7. Dann fallen die restlichen Masken. Vielleicht wird Sängerin Sarah Lombardi das Skelett sein, Alec Völkel von „The BossHoss“ das plüschige Alien, Fernsehkoch Nelson Müller das Nilpferd und Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis das Erdmännchen-Paar. Vielleicht? Nein: Ganz bestimmt. Obwohl: Vielleicht auch nicht…

Allen, die die Show bisher verpassten, sind auch wir aber noch eine Auflösung schuldig. Immer weiter verdichteten sich in der zweiten Staffel die Hinweise, dass Stefan Raab im Faultier-Kostüm steckte. Auch wenn es unrealistisch erschien: Viele Fans glaubten an ein Wunder. Vielleicht auch deshalb gewann die Figur die Show. Wenn Comeback, dann richtig. „Fauli“ nahm den Pokal entgegen, die Maske fiel – und darunter steckte Schauspieler Tom Beck. Enttäuschung bei vielen Anhängern der Show. Was blieb, waren vier Erkenntnisse: 1. Bei „The Masked Singer“ ist nichts, wie es zuerst scheint. 2. Das Problem am Spiel mit den Erwartungen ist auch, dass sie enttäuscht werden können. 3. Fans verzeihen glücklicherweise schnell. Und 4.: Der einzige, der TV-Shows gewinnt, mit denen er nichts zu tun hat, bleibt Stefan Raab.