Tan Caglar übernimmt bei „In aller Freundschaft" die Rolle des Viszeralchirurgen Dr. Ilay Demir. MDR/Rudolf Wernicke

Rollstuhlbasketballer, Motivations-Coach, Model auf der Berliner Fashion Week, Moderator, Autor und Comedian mit eigenem Bühnen-Programm: Tan Caglar sucht immer wieder neue Herausforderungen. Vom kommenden Dienstag an ist der Entertainer aus Hildesheim in einer weiteren Rolle zu sehen. Der 41-Jährige spielt Doktor Ilay Demir in der Arztserie „In aller Freundschaft“. Die MDR-Produktion läuft bereits seit 1998 und lockt jede Woche rund fünf Millionen vor allem weibliche Fans vor den Bildschirm.

Tan Caglar: Hauptrolle ohne Schauspielschule

„Ich freue mich, dass mir diese Hauptrolle zugetraut wurde, obwohl ich auf keiner Schauspielschule war“, sagt der neue TV-Arzt bei einem Treffen in seinem Hildesheimer Lieblings-Café. „Als die Einladung zum Casting für eine Klinik-Serie kam, war mein erster Gedanke, dass ich vielleicht ein Unfallopfer spielen sollte.“ Wegen einer angeborenen Rückenmarkserkrankung ist der Künstler seit dem Alter von Mitte 20 auf den Rollstuhl angewiesen.

Als Doktor Demir soll Tan Caglar frischen Wind in die Sachsenklinik TV bringen. Er habe eine „tolle Bildschirmpräsenz“ und bereite sich akribisch auf jede Szene vor, heißt es vom MDR. Der Viszeralchirurg lässt sich von Autoritäten nicht aufhalten. Seine Selbstsicherheit kann in Arroganz umschlagen, und er fährt eine Protzkarre, was Caglar als Autofan begeistert: „Die Macherinnen und Macher waren bei der Gestaltung meiner Rolle glücklicherweise sehr offen. Und meinen Humor konnte ich auch einfließen lassen.“

Vor sechs Jahren wagte Caglar den Schritt in die Unterhaltungsbranche

Erst vor etwa sechs Jahren hat Caglar den Schritt in die Unterhaltungsbranche gewagt. Einenseiner ersten Auftritte vor großem Publikum gestaltete er als Gast in der Bühnenshow von Bülent Ceylan. Der Mannheimer Comedian sagt über den Kollegen: „Tan Caglar ist ein sehr bodenständiger, ehrgeiziger und herzlicher Mensch.“

Soweit es die Pandemie erlaubt, will der Niedersachse die Tour mit seinem zweiten Comedy-Programm „Geht nicht? Gibt’s nicht!“ fortsetzen. Wird das nicht alles zu viel? „Es ist definitiv zu viel, aber es ist positiver Stress“, sagt Caglar. Das direkte Feedback des Live-Publikums sei sein Ding. Für seine Auftritte und Engagements fährt er rund 50.000 Kilometer im Jahr, sein Wagen habe schon beträchtlich gelitten: „Bahnfahren ist für mich als Rollstuhlfahrer aber sehr zeitaufwendig, da man jede Fahrt umständlich anmelden muss.“

Ab 2005 wurde der Rollstuhl für Tan Caglar unerlässlich

Bis zum Abitur und während seiner kaufmännischen Ausbildung beeinträchtigte ihn seine Krankheit noch nicht so sehr. Doch ab 2005 konnte er sich nicht mehr mit Krücken fortbewegen und musste sich dauerhaft mit dem Rollstuhl anfreunden. Als dies feststand, sei er in ein Loch gefallen und habe sich erst einmal verkrochen, erinnert sich der heute Vielbeschäftigte.

Tan Caglar in seiner Heimatstadt Hildesheim dpa/Julian Stratenschulte

Doch irgendwann entdeckte er beim Zappen im Fernsehen Rollstuhlbasketball und war fasziniert von den coolen, tätowierten Typen, die beim Kampf um den Ball wie Autoscooter aneinanderkrachten. Caglar probierte den Sport aus und wurde rasch Profi bei Hannover United und später bei den Baskets 96 Rahden. Als „Cristiano Ronaldo des Rollstuhlbasketballs“ bezeichnete ihn ein Fachmagazin.

Tan Caglar wuchs mit dem "Tatort" auf

Rund vier Mal im Monat dreht Caglar in Leipzig am Set der Sachsenklinik die Serie "In aller Freundschaft",  seine Homebase bleibt aber Hildesheim, wo seine aus der Türkei eingewanderten Eltern seit den 1970er-Jahren leben. Als deutsche Tradition schaute Familie Caglar früher sonntags gemeinsam den „Tatort“ im Ersten. „Kommissar Schimanski fand ich toll“, erinnert sich der Sohn.

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Im November ist er selbst in einem Berliner „Tatort“ als Assistent zu sehen. „Ich bin da ein Computer-Nerd. Es ist wie Doktor Demir eine Anti-Klischee-Rolle“, freut sich der 41-Jährige. Gerne würde er auch mal einen Nicht-Rollstuhlfahrer spielen. „Wer sagt denn, dass eine Person in einem Film immer stehend und gehend zu sehen sein muss?“