Komiker Ingolf Lück mit der Puppe Francesca de Rossi, der italienischen Diva. Foto: ProSieben/dpa/Willi Weber

Gesangsduelle, eine prominent besetzte Jury, geheime Berühmtheiten und viel Plüsch – kommt Ihnen das bekannt vor? Es hört sich ganz nach der TV-Sensation „The Masked Singer“ bei ProSieben an. Aber: Falsch gedacht! Diese Dinge sind die Zutaten für die neue Unterhaltungsshow „Pretty in Plüsch“, die am Freitag auf Sat.1 Fernsehpremiere feierte, also im gleichen TV-Konzern. Schon vorher wurde das Konzept als Quotenbringer gehandelt. Hält die Show, was sie verspricht?

Das Konzept ist simpel: Mehrere Promis, darunter Schauspielerin Janine Kunze und Komiker Ingolf Lück, treten bei Gesangsduetten an, die Duettpartner sind jeweils witzige Plüschpuppen. Mit dabei an der Puppen-Front sind unter anderem der zottelige Griesgram Werner Edel und die italienische Operndiva Francesca de Rossi. Welche berühmten Stimmen hinter den Puppen stecken, ist allerdings unklar. Die Zuschauer bestimmen ihre liebsten Gesangsdarbietungen, in jeder Sendung fliegt jemand raus – und der Star hinter der Puppe wird geoutet.

Moderatorin Michelle Hunziker mit Einhorn Didi Rakete und Tänzer Massimo Sinato. Foto: ProSieben/dpa/Willi Weber

Die Erwartungen sind hoch, sogar bei den Promis, die in der Jury sitzen. Mit dabei unter anderem Sarah Lombardi, die erst am vergangenen Dienstag die Krone bei „The Masked Singer“ holte, als Skelett mit Mega-Stimme überzeugte. „Ich bin richtig froh, dass ich jetzt auf dieser Seite sitzen darf“, sagt sie im Gespräch mit Moderatorin Michelle Hunziker, passend zur Show im Zottel-Kleid. Sie freue sich auf die Show, habe vor den Teilnehmern Respekt, sagt Lombardi. Auch DJ Bobo, ebenfalls Mitglied der Jury, bejubelte das Konzept – schließlich sei „Pretty in Plüsch“ frisches, neues Live-Fernsehen. „Und es ist eine eigene Sendung, ein Format, das nicht aus Amerika kommt. Heute wird es zum ersten Mal ausprobiert, das ist die Feuerprobe.“

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Die Feuerprobe beginnt mit dem ersten Duett – und sofort wird klar: Hier sind nicht die Promis die Stars, sondern die Puppen. Tänzer Massimo Sinató singt mit Plüsch-Einhorn „Didi Rakete“. Er performt, das Einhorn bleibt naturgemäß festgetackert an einem Tisch im Hintergrund, der als Puppenbühne fungiert. Aber: Das Tierchen singt Sinató gnadenlos an die Wand. Gleiches bei Schauspielerin Janine Kunze, die mit dem flauschigen Miesepeter namens Werner Edel antritt – das Zottel-Püppchen trifft die Töne weitaus besser. Spannender noch als die Darbietung: Kunze erzählt im Gespräch nach dem Auftritt von einem Unfall, der bei der Probe passierte – sie stürzte in ein Loch hinter der Puppenbühne, musste für einen Arztbesuch unterbrechen.

Ingolf Lück und Francesca de Rossi sangen „Shallow“.

Video: Youtube

Witzig wird’s bei Operndiva Francesca de Rossi – die herrlich abgehobene Puppe und Komiker Ingolf Lück passen zusammen. Sie singen „Shallow“ (ursprünglich Lady Gaga, Bradley Cooper) – die Puppe immerhin stabil, er zum Weglaufen schlecht, beides zusammen ist auf schräge Weise unterhaltsam. Mareile Höppner und ihre Aufreißer-Puppe „Harry Love“ sind danach mit „Don’t Go Breaking My Heart“ dran – und Hardy Krüger junior trällert mit Affen-Dame Polly „Kleine Taschenlampe brenn“. Alles nett, aber wenig spektakulär. Am Ende gibt's bei der Ex-Bachelorette Jessica Paszka nochmal drei Minuten Unterhaltung - es liegt allerdings an Kevin, ihrer Duett-Puppe in Form einer Lauchstange, die herrlich überdreht rüberkommt. Dann wählen die Zuschauer, Janine Kunze und Ingolf Lück müssen mit ihren Stoff-Kameraden ins finale Duell - und nach der letzten Wahl ist „Pretty in Plüsch“ für Ingolf Lück auch schon  Geschichte. Die Stimme hinter Opern-Diva Francesca: Ex-Spicegirl Mel C. Zumindest diese Überraschung hatte das Puppen-Programm zu bieten.

Wie ist sie nun, die neue Show? Frisch? Ja. Neu? Auch. Schräg? Definitiv. Schief singende Promis sind grundsätzlich auch erstmal nicht verkehrt. Das Problem: In „Pretty in Plüsch“ macht sich niemand darüber lustig! Niemand lacht über sich selbst, niemand nimmt jemanden auf die Schippe. Die Jury lobt sogar! An dieser Stelle nimmt sich die Show zu ernst: Soll es nun Comedy sein oder ist der zum Weglaufen schlechte Gesang von Hardy Krüger junior wirklich ernst gemeint? Soll man lachen oder sich wegdrehen? Richtig klar wird das nicht.

Hardy Krüger junior mit Puppe Polly und Michelle Hunziker.
Foto:  ProSieben/dpa/Willi Weber

Das Highlight bleiben aber sowieso die Puppen: Die Charaktere sind phantasievoll entworfen, die Plüsch-Wesen selbst mit Liebe zum Detail gebaut, verantwortlich dafür war eine Künstlerin aus Israel. Die versteckten Puppenspieler hauchen den Stoff-Wesen überzeugend Leben ein - und auch die Gespräche zwischen Puppen und Menschen sind komisch. Dennoch wirkt alles gekünstelt, was sicherlich auch am coronabedingten Konservenapplaus liegt – und an Michelle Hunziker, die zwar eine erfahrene TV-Persönlichkeit ist, hier aber völlig deplatziert wirkt. Nicht nur, dass ihr Motto scheinbar lautet: „Witz, komm‘ raus, du bist umzingelt!“ - an einigen Stellen sind ihre Moderationen peinlicher als die schiefste Gesangseinlage. Kein Wunder: Wer immer wieder sagen muss, wie viel Spaß in und an der Show doch alle haben, wirkt irgendwann nicht mehr professionell, sondern eher aufdringlich.

Die Quotenhoffnung ist nette Unterhaltung, wenn nichts anderes läuft. Charmanter Blödsinn, der bunt ist und Freude macht, auch wenn von den Gesangsnummern nicht viel hängen bleibt. Der an manchen Stellen aber auch einfach nur schrecklich dämlich und gestelzt wirkt. Ein bisschen „Muppet Show“, ein bisschen „Super-Pannenshow“, ein bisschen „Masked Singer“. In jedem Fall hätte sich Sat.1 einen Gefallen damit getan, mit dem Programm nicht gleich drei Tage nach dem Finale der Masken-Show zu starten. Auch sonst bleibt eine offene Frage: Wieso etwa landet „Pretty in Plüsch“ in der Freitagabend-Primetime, aber „The Masked Singer“ wurde am Dienstag ausgestrahlt? Viele Fans hatten sich beim Finale vor drei Tagen darüber beschwert, denn aufgrund der langen Sendezeit konnten all jene, die am nächsten Tag früh zur Arbeit mussten, nicht bis zum Ende schauen.