Kassandra Wedel tanzt seit ihrem dritten Lebensjahr. Foto: imago/HRSchulz

Sie ist Tänzerin, räumte Preise bei Meisterschaften ab, unterrichtet die Sportart – und steht als Schauspielern vor der Fernsehkamera. Kassandra Wedel (36) ist ein echtes Multitalent – ihre Karriere beeindruckt nicht nur ihre Fans. Denn: Wedel ist seit ihrem vierten Lebensjahr taub. Am Freitag ist sie in der ARD-Serie „Käthe und ich“ zu sehen.

„Käthe und ich“ erzählt von einer Therapie-Hündin

Die Serie dreht sich um den Tierpsychologen Paul (Christoph Schechinger), der gemeinsam mit Therapiehündin Käthe spezielle Fälle übernimmt. In der heutigen Episode (20.15 Uhr, ARD) kommen auch eine ehemalige Starballerina vor, die im Rollstuhl sitzt – und die taube Felicitas, die tanzen lernt.

Ihre Rolle übernimmt Kassandra Wedel. – für sie ein besonderer Auftrag „Ich mag es, dass verschiedenes zusammenkommt“, erklärt sie im Interview mit dem KURIER, das, anders als sonst, per E-Mail stattfindet. „Ein Rollstuhlfahrer und ein Tauber – im Alltag ein eher seltenes Bild. Aber die gibt’s! Ich hatte in den letzten Jahren interessante Begegnungen mit Künstlern im Rollstuhl. Das waren Erlebnisse, die haften blieben.“ Als Gehörlose sei sie flexibel, was das Bewegen betrifft. „Der Rollstuhlfahrer hat dafür kommunikative Barrieren nicht.“

Kassandra Wedel verlor ihr Gehör bei einem Autounfall

Wedel, 36 Jahre alt, verlor bereits im Alter von vier Jahren ihr Gehör bei einem Autounfall. Daran erinnern kann sie sich heute nicht mehr. „Und selbst wenn, was würde das für einen Unterschied machen? Kein Mensch braucht und möchte Mitleid. Wenn jemand mit-leidet, wiegt das Leid doppelt so schwer.“ Bereits im Alter von drei Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für Tanz. Oder aber: „Vielleicht hat der Tanz eher mich gefunden, gepackt und durchs Leben bewegt. Ich hab durch mein Leben getanzt, mich zum Erfolg getanzt. Ich konnte einfach nicht aufhören zu tanzen.“

Auch nicht, als sie plötzlich taub wurde. Wedel entdeckte, dass tanzen auch anhand der Vibrationen der Musikinstrumente und der Bässe möglich ist. Mit 13 Jahren kam sie zum HipHop, gab später Unterricht, ist die erste ausgebildete gehörlose Tanzlehrerin Europas. Und: Sie räumte Preise ab, unter anderem bei der EM im HipHop. Wie das ohne Gehör zu schaffen ist? Sie antwortet mit einer Gegenfrage. „Wie schafft ein Hörender das? Mit Leidenschaft, Ausdauer und Mut!“

Szene aus „Käthe und ich“: Paul (Christoph Schechinger, li.) mit Eric (Ulrich Friedrich Brandhoff), Erina (Nadja Bobyleva) und Hündin Käthe. Foto: ARD Degeto/Britta Krehl

Mehrfach stand sie zudem vor der Kamera, unter anderem in „Polizeiruf 110“ und im „Tatort“. Auch hier hilft der Tanz. „Ohne Tanz hätte ich diese Ausdauer nicht, dieses Selbstbewusstsein. Tanzen macht mich beweglich, verleiht mir Haltung und Rückgrat und ist selbst Kommunikation und nonverbale Sprache.“ Vor Schwierigkeiten am Set stellt die Gehörlosigkeit sie nicht. „Der Dreh mit den Kollegen war gut. Mit meinem Spielpartner Ulrich Brandhoff, der für seine Rolle Gebärden lernen musste, hatte ich viel Spaß. Und ich war erstaunt, wie gut er das hinbekam.“

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Allgemein sei das Problem nicht das fehlende Gehör. „Es ist nicht meine Taubheit, die die Dinge schwer macht, sondern die Unwissenheit der Leute. Sie arbeiten doch zum ersten Mal mit einer Tauben und schwimmen im kalten Wasser, nicht ich. Ich muss jeden Tag mit Hörenden umgehen – auch mit jenen, die voller Vorurteile sind.“ Wedels Geschichte macht vielen Mut – darüber freut sie sich sehr. „Ich blicke mit Freude und Anerkennung auf meine bisherige Arbeit zurück und würde sagen: Mit Mut beginnen die besten Geschichten. Mein Tun und Sein hat anderen immer Mut gemacht, da ich taub bin, vielen Hörenden sogar umso mehr.“