Schauspielerin Dana Golombek von Senden wuchs in Brandenburg auf.  Foto: Hanswernerolm/berlinblende

Als die Mauer fiel, schienen Dana Golombek von Senden keine Grenzen gesetzt. Die Corona-Krise wirft die Schauspielerin aus Brandenburg zurück – und nicht nur sie, sondern gerade auch Kolleginnen in ihrem Metier. Sieht sie auch Chancen in der Zeitenwende? Wir trafen die 49-Jährige.

Der Lietzensee in Charlottenburg ist ein schöner Ort, um sich zu verabreden. Die Sonne scheint an jenem Tag, Dana Golombek von Senden breitet eine Decke aus, wir setzen uns und ziehen die Schuhe aus. Die Schauspielerin ist gern am Wasser. Es hat eine beruhigende Wirkung – gerade in diesen unsicheren Tagen und Wochen.

Wir wollen über Zeitenwenden reden. „Es ist meine zweite, wirklich einschneidende. Erst der Mauerfall, jetzt das, aber auch viele kleine andere.“

Sie lächelt, als wolle sie sagen: Leben ist Baustelle.

Ein Entenpärchen watschelt einträchtig über den Rasen.

„Ich finde diese Zeit so besonders und so merkwürdig, so etwas haben wir alle noch nicht erlebt und das Verrückte ist, dass man so auf sich selbst zurückgeworfen ist“, sagt sie. „Jeder hat ja seine Phasen, in denen er sich zurückzieht. Manche nehmen ein Sabbatjahr, andere gehen in ein Schweigekloster, aber diesmal ... Es ist schon eine sehr komische Situation, denn dieser Rückzug ist nicht selbst gewählt. Das ist ein großer Unterschied.“

Eigentlich wäre sie gerade in ganz Deutschland unterwegs, doch ihre literarisch-musikalische Tournee „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“, die sie mit ihrem Schauspiel-Kollegen Tobias Licht monatelang geprobt hatte, findet wegen der Corona-Krise nicht statt. Und ob sie Ende Juni endlich wieder auftreten kann – sie weiß es nicht.

Dana Golombek von Senden (l.) in „Neue Adresse Paradies“ mit Martin Brambach und Leonie K. Tepe. Foto: ZDF/Erika Hauri

„Es ist alles auf den Kopf gestellt.“

Im Januar diesen Jahres zerbrach zudem ihre zehnjährige Beziehung zu Schauspielkollege Christoph M. Ohrt. „Wir haben uns in aller Freundschaft getrennt“, sagt sie.

Damals, 1989, sei sie froh gewesen, endlich grenzenlos zu leben. „Ich dachte, jetzt steht mir die Welt offen und ich kann alles machen, was ich möchte. Ich könne selbst bestimmen, wo und wie ich lebe und sagen, was ich denke. Im Osten wollte man uns vorgeben, was wir zu denken und glauben beziehungsweise nicht zu glauben haben.“

Nach dem Mauerfall zog sie 13-mal um 

Dana Golombek von Senden ist in Schenkenberg in Brandenburg aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war sie 19. In Pankow an der Wollkankstraße, dort, wo der Bus immer vor der Mauer nach rechts abbog, fuhr sie diesmal geradeaus. Das erste Mal rüber. Natürlich direkt zum Kudamm.

Damals lebte sie schon in Ost-Berlin, studierte an der Humboldt-Universität Deutsch und Kunst auf Lehramt.

Sie stammt aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater ist der Opernregisseur Helmut von Senden, ihr Großvater war Sänger und Schauspieler. Und dann ist da noch ihr Halbbruder Manuel von Senden, ebenfalls Rock- und Opernsänger. Dana Golombek von Senden drehte in der DDR aber erst einmal andere Runden, besuchte die Polytechnische Oberschule in Jeserig und machte auf der Erweiterten Oberschule in Ziesar ihr Abitur.

Und dann zog sie nach Ost-Berlin.

Nach dem Mauerfall wechselte sie allein 13-mal innerhalb der Stadt ihren Wohnsitz. Lebte mal in Spandau, Steglitz oder Reinickendorf – heute im Prenzlauer Berg. Dort wohnt sie weiterhin, da dort ihre Tochter Luisa (14) zur Schule geht. „Später möchte ich nach Frohnau ziehen“, sagt sie.

Seit sie denken kann, wollte sie Schauspielerin werden. Nach der Wende sah sie ihre Chance. Moderierte anfangs das Wetter im Sat.1-„Frühstücksfernsehen“, wurde 1991 zur Miss Brandenburg gewählt und drehte danach eine Hollywood-Produktion an der Seite von Anthony Hopkins und Isabella Rossellini in John Schlesingers „... und der Himmel steht still“.

Es lief für sie. Sie nahm Schauspielunterricht an der Etage-Schauspielschule und privat, ihre Gesangslehrer waren Connie und Reggie Moore (Jazz) sowie Marc Seitz (Chancon, Musical). In Deutschland spielte sie in Filmen und Serien wie „Die Camper“, „Ladykracher“, „Rote Rosen“, „Traumschiff“, „In aller Freundschaft“, „Soko Köln“, „Tatort Konstanz“ oder „Professor T.“. Außerdem tritt sie mit ihren eigenen Programmen auf.

Jüngst hatte sie eine Gastrolle in der Serie „Falk“. Die Gage kann sie zurzeit gut gebrauchen. „Wir haben die Folgen noch im Januar gedreht, kurz, bevor alles runterfahren wurde. Das war mein Glück.“

Wir bringen den Menschen doch was Schönes und Wertvolles

Dana Golombek von Senden

Sie schaut auf das Wasser: „Ich frage mich, wovon die meisten zurzeit leben. Ich bin natürlich als Künstlerin mit sehr vielen aus meiner Branche befreundet. Am Anfang hat man noch lustige Videos fürs Internet gedreht. Doch irgendwann ist alles überhaupt nicht mehr lustig, weil ein Auftrag nach dem nächsten platzt.“

Vielen drohe Altersarmut. Denn auch in Nicht-Corona-Zeiten sind die finanziellen Perspektiven für Schauspielerinnen und Schauspieler im Allgemeinen trüb: Oft sind sie kurzfristig beschäftigt und haben Lücken in ihrer Rentenversicherung. „Es gibt ganz wenige, die fest angestellt sind. Die meisten sind Freiberufler.“ Und sie rede hier nicht von Hobby-Künstlern. Sie frage sich oft, warum die Kunst und Unterhaltung nicht einen höheren Stellenwert habe.

„Wir bringen den Menschen doch was Schönes und Wertvolles. Unterhaltung, Abwechslung, Anregung, Auseinandersetzung mit aktuellen Themen.“

Kann sie noch ihre Miete bezahlen? „Ja, noch ist alles im grünen Bereich. Ich habe das Glück, dass ich bislang von meinem Beruf leben und mir immer etwas zurücklegen konnte. 80 Prozent meiner Kollegen ist das nichtvergönnt.“

Und sie gibt online Yoga-Kurse. Diese Zusatzausbildung machte sie 2018, als sie bei „Rote Rosen“ ausstieg.

Ihre Tochter profitiert davon am meisten. „Die Arme sitzt den ganzen Tag am Computer, weil sie online lernen muss. Abends ist sie oft so verspannt, dass ich mit ihr Yoga-Übungen mache.“

Wir sind eine Gesellschaft, keine Maschinen.

Dana Golombek

Die Corona-Krise zeigt für sie viele Missstände auf. „Wir müssen aufpassen, nicht noch mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft hineinzuschlittern.“ Manche Eltern hätten gar nicht das Geld für einen Computer oder die Zeit oder die Fähigkeit, mit ihren Kindern Homeschooling zu machen. Viele Familien seien mit der Situation schlichtweg überfordert. Und auch viele Schüler kämen mit der Situation nicht klar, vermissten ihre Freunde, den Chor oder ihr Training.

„Bildung, Kunst und Kultur kommen oft zuletzt in der Nahrungskette. Doch ohne das sind wir alle viel ärmer.“ Dana Golombek von Senden macht sich zurzeit über vieles Gedanken. Über Freiheit, die sie mit Selbstbestimmung definiert. Über die Definition systemrelevant.

Schauspieler fallen angeblich nicht darunter. Das ist das eine, worüber sie sich ärgert. Aber auch das Wort systemrelevant empfindet sie als falsch: „Wir sind eine Gesellschaft, keine Maschinen.“ Gesellschaftsrelevant mag sie lieber.

Politiker sollten mehr Menschen zu Rate ziehen

Was beschäftigt sie konkret? „Dass Menschen ihre kranken und alten Angehörigen lange Zeit nicht in den Krankenhäusern und Heimen besuchen durften. Sollten das Familien nicht selbst entscheiden dürfen? Wie förderlich menschliche Zuwendung für einen Heilungsprozess oder den Lebenswillen ist, wird hier enorm unterschätzt, und Menschen wird die Eigenverantwortung mit solch einer Auflage abgesprochen.“ Auch wenn sie mit Sicherheit „gut gemeint“ sei.

„Ich würde mir wünschen, dass Politiker sich noch viel mehr von Menschen aus allen Lebensbereichen beraten lassen.“ Sieht sie auch Chancen in der Corona-Zeitenwende?„Ich hoffe es, dass wir daraus lernen, bewusster zu leben und achtsamer miteinander umzugehen. Dass wir mehr in Prävention investieren und nicht nur reagieren, wenn etwas Schlimmes passiert. Zurzeit sehe ich allerdings, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Ich weiß auch, der Mensch ist egoistisch, das war er schon immer. Wer die größte Keule hatte, durfte die größte Höhle beziehen.“

Damals sei ein Ruck durch die DDR gegangen, viele hätten gegen den Staat demonstriert, es sei zwar für viele danach nicht alles rosig geworden, doch immerhin lebe man nun in einem freien Land mit einer Demokratie. „Diese Werte dürfen wir uns nicht nehmen lassen.“

Dana Golombek von Senden freut es, dass Fridays for Future vieles ins Rollen gebracht hat, doch hinter Corona gerate allesin Vergessenheit. „Das Gute ist allerdings, dass uns Corona zeigt, in welch einer Überflussgesellschaft wir leben und viele vielleicht ihr Konsumverhalten überdenken.“

Dieses Jahr wird die Schauspielerin 50.  Foto: Miriam von Senden

Sie wird in diesem Jahr 50. Auch so eine Zeitenwende. Nicht für sie persönlich, doch gerade in ihrer Branche ist es kritisch. Lange schon beklagen viele im Filmgeschäft, dass Frauen zwischen 45 und 55 kaum noch vorkommen, obwohl sie in der Gesellschaft doch in großer Zahl vertreten sind. „Das sind nämlich die Frauen, die pubertierende Kinder haben, da man heutzutage seine Kinder eben nicht mehr mit Mitte 20, sondern mit Mitte 30 bekommt. Willkommen in der Realität. Im Osten hieß es: Höher, schneller, weiter. Jetzt heißt es: Jung, jünger, am jüngsten. Auch hier müssen wir uns fragen, wohin wir wollen und ob wir das Altern länger als Tabu sehen möchten. Genauso wie den Tod, wir können ihn nicht verhindern.“

Noch bleiben die Theater und Bühnen dicht. Manche Filme werden inzwischen wieder gedreht. „Mit vielen Auflagen“, sagt sie. „Alle müssen einen Mundschutz tragen, küssen ist verboten, Umarmungen ebenso. Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen Angst, weil in der Film-Branche schon lange gespart wird, dass es jetzt noch schlimmer wird.“

Jüngst beklagten sich Kollegen, dass schon Drehbücher umgeschrieben würden – ohne Rollen mit über 60-Jährigen, weil diese zur Risikogruppe gehören. Auch das ärgert sie. „Können ältere Schauspieler das nicht selbst entscheiden, ob sie zu einer Risikogruppe gehören oder nicht? Sollen nur noch 40-Jährige Opas und Omas spielen?“

Auch darüber müsse geredet werden.

Die Corona-Zeit könne genutzt werden, um zu hinterfragen, „welche Werte wir in unserem Land besonders schätzen, wie wir sie schützen können und an welchen Stellen dringend Handlungsbedarf besteht“.